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Die Wirtschaft braucht jetzt Negativzinsen

Während zahllose Unternehmen durch Zins- und Ratenzahlungen in die Insolvenz geraten, kritisiert der Chef der Stadtsparkasse München, Ralf Fleischer, die Zinspolitik der Notenbank und dass zu viel Geld auf Girokonten liegt.

Sehr geehrter Herr Fleischer,

im SZ-Interview formulieren Sie die Sorgen ihrer Firmenkunden mit den Worten: »Wie schaffe ich es, die nächsten Wochen zu überstehen, wenn die Kosten weiterlaufen und die Einnahmen weiter wegbrechen?« Sie formulieren die große Nachfrage nach KfW- und LfA-Krediten. Es heißt dort: »Wir hatten (...) rund 2000 Nachfragen für Kredite und Liquiditätshilfen über ein Volumen von 360 Millionen Euro. Dabei handelt es sich um Kreditsummen von einigen Tausend Euro bis hin zu drei Millionen Euro.« Was Sie leider nicht erwähnen, sind die Zinssätze, die die Unternehmen schultern müssen. Dabei sind die Zins- und Tilgungsraten für ein Unternehmen, das über Monate keinen und auf lange Sicht einen rückläufigen Umsatz macht, die entscheidende Größe.

Die Frage, ob er sich mit +3% oder mit -1% verschulden kann, ist für den Unternehmer von existenzieller Bedeutung. Doch in der Überschrift des Interviews werden Sie mit den Worten zitiert: »Negativzinsen passen nicht mehr in diese Zeit«. Wie ist das zu verstehen, bei einem für Deutschland prognostizierten Wirtschaftswachstum von minus 6,3 % und für den Euro-Raum von minus 10 %? Sollte die Sparkasse München nicht daran interessiert sein, ihren Kunden entsprechend gute Konditionen für Überbrückungskredite und Umschulungen anbieten zu können? Sollte ihr politisches Interesse nicht dahin weisen, Unternehmen in dieser Situation Negativzinsen auf Überbrückungsdarlehen zu ermöglichen?

Künstliche Verknappung des Kreditangebotes

Ohne Kommentar Ihrerseits bleibt die künstliche Verknappung des Kreditangebotes. Über die Entwicklung der Einlagen, die eine Sparkasse üblicherweise verwendet, um sie als Kredite an die Unternehmen der Region weiterzugeben, lesen wir: »Derzeit liegen 75 Prozent der Einlagen unserer Kunden auf unverzinslichen Giro- oder Tagesgeldkonten. Das sind mehr als zwölf Milliarden Euro.« Anstatt aber diese Kunden durch eine Negativverzinsung der täglich fälligen Einlagen zu motivieren, ihre Ersparnisse wieder längerfristig anzulegen, tun sie das Gegenteil. Zitat: »Wir versuchen alles, um unsere Kunden möglichst wenig zu belasten. Nur bei Geschäftskunden mit einem Guthaben auf täglich verfügbaren Sichtkonten von 250 000 Euro aufwärts müssen wir Verwahrentgelt berechnen.«

Wäre es nicht angemessen, durch ein Verwahrentgelt auf alle täglich fälligen Einlagen ein Umschichten in längerfristige Spareinlagen anzuregen? Wäre es nicht im Sinne Ihrer Kunden, die auf Kredit angewiesen sind, wenn eine geeignete Geldpolitik dafür sorgen würde, dass die Geldhorte abgebaut werden? Dass das Volumen langfristiger Einlagen auf breiter Front wieder steigen würde und dass der Sparkasse München ein Großteil der genannten 12 Mrd. € zu sehr günstigen Konditionen langfristig für die Kreditvergabe zur Verfügung stünden? Die europäischen Banken könnten sich so die von Ihnen genannten 30 Milliarden € Kosten für das Parken von Einlagen bei der EZB sparen, während gleichzeitig das Kreditgeschäft wieder auf eine solide Basis von Aktiva und Passiva gestellt würde.

Alle Ihre Kunden würden von einer europäischen Geldgebühr profitieren

Sicherlich ist es nicht Ihre Aufgabe als Sparkassen-Chef die Geldpolitik der Notenbank zu modernisieren. Aus dem Interview wird auch klar, dass die Redakteure Harald Freiberger und Thomas Öchsner von Ihnen lediglich das hören wollen, was die Eigentümer der SZ vorgeben. Dennoch wäre es schön von Ihnen zu lesen, dass 90 % Ihrer Kunden (der Einleger) von Geldgebühren gar nicht betroffen wären. 95 % aller Ihrer Kunden würden durch eine europäische Geldgebühr, das Anpassen der Geldmarktzinssätze an die reale Wirtschaftsentwicklung und ein weiter sinkendes Zinsniveau profitieren. Sei es in Form einer deutlichen Entlastung bei den Kreditkosten, sei es durch eine steigende Investitionsquote aufgrund sinkender Zinssätze oder sei es ganz allgemein aufgrund einer allgemein stabileren Wirtschaftsentwicklung.

Lesen Sie hierzu auch: »Staatliche Konjunkturprogramme sind der riskante Weg aus der Krise; Negativzinsen sind der elegantere Weg und sichern allen die notwendige Entlastung«, »Warum ich für die Bargeldgebühr bin« und »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld«.

Klaus Willemsen, 08.05.2020


Verwendete Quellen:

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geldanlage-sparkassen-ralf-fleischer-1.4895396?reduced=true

www.inwo.de/medienkommentare/staatliche-konjunkturprogramme-sind-der-riskante-weg-aus-der-krise-negativzinsen-sind-der-elegantere-weg-und-sichern-allen-die-notwendige-entlastung/

www.klaus-willemsen.de/2020/05/03/warum-ich-fuer-die-bargeldgebuehr-bin/

www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/