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Staatliche Konjunkturprogramme sind der riskante Weg aus der Krise; Negativzinsen sind der elegantere Weg und sichern allen die notwendige Entlastung.

Der Weg aus der Krise führt über ein gigantisches Investitionsprogramm. Die dafür notwendigen mehreren Billionen Euro liegen als täglich fällige Sichteinlagen auf den europäischen Bankkonten bereit. Dieses gehortete Geld zu aktivieren ist auf verschiedene Weise möglich. Traditionell nehmen die öffentlichen Haushalte zusätzliche Schulden auf und bieten den Geldbesitzern attraktive Zinssätze, damit diese ihre Liquidität aufgeben.

Die moderne Variante bestünde jedoch darin, den Geldbesitzern Kosten in Form einer Geldgebühr für ihre Geldzurückhaltung aufzuerlegen. Zur Vermeidung dieser Kosten würden dann diese ca. sechs Billionen Euro täglich fälliger Einlagen umgewandelt werden: in privaten Konsum, in neue Investitionen und voraussichtlich zum allergrößten Teil in langfristige Anleihen.

Je nachdem, wie diese Geldgebühr gestaltet wird, ist mit mindestens zwei Billionen Euro zusätzlicher Anleihekäufe zu rechnen. Man kann davon ausgehen, dass diese Summe das allgemeine Zinsniveau um ein bis drei Prozentpunkte drücken wird. Damit kommen wohl die allermeisten Unternehmer, die ohne eigene Verschuldung in Not geraten sind, in den Genuss negativer Kreditzinsen. Diese ermöglichen den Unternehmen eine deutlich längere Überbrückung der umsatzlosen Krisenzeit. Von negativen Kreditzinsen würden aber auch alle öffentlichen Kassen profitieren. Viele Milliarden Euro, die Italien, Spanien und Griechenland derzeit für Zinszahlungen aufbringen müssen, wären so für zusätzliche Investitionen frei.

 

»Die Beteiligung des Finanzkapitals an den Krisenkosten würde alle europäischen Steuerzahler massiv entlasten und den europäischen Gedanken bei Europas Bürgern deutlich stärken.«

 

In einem Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds schrieben Katrin Assenmacher-Wesche (ECB, Head of Devision Monetary Policy Strategy) und Signe Krogstrup (IWF) bereits 2018 über die Krisenbewältigung durch Negativzinsen: »Der geldpolitische Spielraum ist in vielen Ländern nach wie vor durch die Untergrenze begrenzt, was die politischen Optionen zur Bewältigung künftiger deflationärer Schocks einschränkt. Die Existenz von Bargeld hindert die Zentralbanken daran, die Zinssätze weit unter Null zu senken.«

Immer wieder hat auch Harvard-Professor Kenneth Rogoff darauf hingewiesen, wie wichtig es in einer Rezession sein wird, die Nullzins-Grenze durchbrechen zu können. »In jüngster Zeit ist die wichtigste Beschränkung für Zentralbanken die Nulluntergrenze der Nominalzinsen. Die Zentralbanken befürchten, dass es zu einer massiven Flucht in Papiergeld kommen wird, wenn sie die kurzfristigen Leitzinsen zu tief in den negativen Bereich treiben.« (Rogoff, 2017) Rogoff betonte noch im letzten August in einem Interview, wie wichtig es ist, den Spielraum der Notenbanken durch geeignete Instrumente zu erweitern. »Und wenn es eine Rezession gibt, können die Zentralbanken in dem Maße, wie sie über Instrumente verfügen, versuchen, negative Zinssätze zu erreichen.« (Rogoff, 2019)

Flankierend hat der frühere Präsident der Federal Reserve Bank (Fed) von Minneapolis, USA, Narayana Kocherlakota aktuell erneut auf den Zusammenhang von Negativzinsen und Beschäftigung aufmerksam gemacht: »Sicherlich würden negative Zinssätze dazu beitragen, die Arbeitslosenquote von ihrem wahrscheinlich höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg (USA) zu senken.« Eine solche Entscheidung ginge zulasten der Gewinne der Banken und der Dividenden ihrer Aktionäre, schlussfolgert Kocherlakota. »Grob gesagt, gibt die Fed den Abbau der Arbeitslosigkeit auf, um die Sicherheit der Banken und ihrer Aktionäre zu erhöhen.«

Wer Rogoff liest, stellt fest, dass es »relativ einfache Möglichkeiten gibt, die Nullgrenze zu überlisten, ohne die Lebensweise der meisten normalen Menschen zu beeinträchtigen. Überraschenderweise wird dieser Frage wenig Aufmerksamkeit geschenkt, verglichen mit der massiven Anzahl von Artikeln, die die Nullgrenze als gegeben hinnehmen und nach unkonventionellen Lösungen suchen, um damit umzugehen.« (Rogoff, 2017)

Dies trifft so leider auch auf den Deutschen Bundestag und alle führenden Forschungsinstitute zu. Stellvertretend für seine Partei und die meisten übrigen Bundestagsabgeordneten unterstützt der Grünen-Politiker Jürgen Trittin die Forderung des Establishments und des internationalen Finanzkapitals. »Deshalb ist die Forderung vieler Wirtschaftswissenschaftler nach einem Eine-Billion-Paket mit Investitionen in Digitalisierung und Green Deal richtig und notwendig. Nur die Überwindung der Krise kann eine neue Krise und ein Zerbrechen Europas und des Euros verhindern.« (Welt.de 18.4.2020)

 

»Die Negativverzinsung des Kapitals würde allen arbeitenden und verschuldeten Menschen zugute kommen.«

 

Die Überwindung der Krise kann viel sicherer und leichter ohne den Kniefall vor dem Kapital gelingen. Es braucht eine Geldgebühr, die eine Anpassung der Marktzinssätze an die reale Wirtschaftsleistung ermöglichen würde. Ein anhaltendes Absenken der Kreditzinsen und der Zinslasten würde alle europäischen Staaten und deren Ökonomien nachhaltig entlasten. Die Negativverzinsung des Kapitals würde allen arbeitenden und verschuldeten Menschen zugute kommen. Sie senkt die Arbeitslosigkeit und schafft den nötigen Spielraum, um Überkapazitäten im Produktionsbereich abzubauen. Negativzinsen bremsen das Wachstum der Geldvermögen und ermöglichen ein sachtes Abschmelzen des Finanzkapitals und der Schuldenberge.

Die Beteiligung des Finanzkapitals an den Krisenkosten würde alle europäischen Steuerzahler massiv entlasten und den europäischen Gedanken bei Europas Bürgern deutlich stärken.

Klaus Willemsen, 30.4.2020

Quellen:

Kenneth Rogoff: »I would not read too much into yield curve inversion: Former IMF chief economist«, 21.08.2019 https://www.cnbc.com/video/2019/08/21/wouldnt-read-too-much-into-yield-curve-inversion-harvards-rogoff.html

Andrew Lilley und Kenneth Rogoff: The Case for Implementing Effective Negative Interest Rate Policy; Conference draft for presentation at Strategies For Monetary Policy: A Policy Conference, The Hoover Institution, Stanford University, 4. Mai 2019
https://www.hoover.org/sites/default/files/lilley_rogoff_hoover_monetary_conference.pdf

Andrew Lilley und Kenneth Rogoff: Negative interest rate policy in the post COVID-19 world, VOX CEPR Policy Portal 17. April 2020
https://voxeu.org/article/negative-interest-rate-policy-post-covid-19-world

Kenneth Rogoff: Dealing with Monetary Paralysis at the Zero Bound; Journal of Economic Perspectives ; vol. 31, no. 3, Summer 2017 (pp. 47-66) DOI: 10.1257/jep.31.3.47 https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.31.3.47

Katrin Assenmacher-Wesche und Signe Krogstrup: Monetary Policy with Negative Interest Rates
https://www.imf.org/en/Publications/WP/Issues/2018/08/27/Monetary-Policy-with-Negative-Interest-Rates-Decoupling-Cash-from-Electronic-Money-46076

Miles Kimball und Ruchir Agarwal: Enabling Deep Negative Rates to Fight Recessions: A Guide; IMF Working Paper WP/19/84, April 2019
https://www.dropbox.com/s/8asrboyoe5iy65w/Enabling%20IMFWP%3A19%3A84.pdf?dl=0

Zur Bargeldhortung siehe WirtschaftsWoche, 27.4.2020
https://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/menschen-setzten-auf-bargeld-der-boom-von-scheinen-und-muenzen/25775926.html

Interview mit dem früheren Präsidenten der Fed von Minneapolis, Narayana Kocherlakota: The Fed Should Go Negative Next Week, 24.4.2020
https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2020-04-24/coronavirus-economy-the-fed-should-go-negative-next-week?utm_content=view&utm_campaign=socialflow-organic&utm_medium=social&utm_source=facebook&cmpid=socialflow-facebook-view&sref=fIqbqIlF&mod=article_inline