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FAIRCONOMY-Newsletter 82

* Krieg in der Ukraine

* Inflations-Sonderheft erschienen

* Verstorbene Freiwirtschaftler

Inhalt:

  1. Aktuelles
  2. Termine
  3. Interessantes aus Medien und Netz
  4. Film- und Buchtipps
  5. Worte... zum Schluss

1. Aktuelles

Der Krieg in der Ukraine beunruhigt derzeit alle. Könnte der Konflikt in einen Dritten Weltkrieg führen? Längst bedeuten die von den USA und der Europäischen Union verhängten Sanktionen einen De-Facto-Eintritt des Westens in einen „hybriden Krieg“, eine Kombination aus klassischen Militäreinsätzen, wirtschaftlichem Druck, Computerangriffen und Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken.
Der politische Grundsatz, keine Waffen in Krisengebiete zu exportieren, wurde bereits aufgegeben. Die Ampelkoalition will jetzt erhöhte Militärausgaben inklusive eines kreditfinanzierten 100-Milliarden-Sondervermögens, u.a. für neue US-Kampfjets und Drohnen.
Markiert der 24. Februar wirklich eine Zeitenwende, wie Bundeskanzler Scholz und andere meinen? Sowohl INWO-Referent Klaus Willemsen in seinem Kommentar »Was können wir tun?« als auch INWO-Vorsitzende Beate Bockting in ihrer Gastwirtschaft-Kolumne »100 Milliarden für den Krieg – Wie das Geld besser investiert wäre« sehen darin eher die Fortsetzung permanenter Krisen und militärischer Konflikte als Konsequenz unseres kapitalistischen Geld- und Wirtschaftssystems.

Adolf PasterAdolf Paster (1930 - 2022)

In den nächsten Tagen wird endlich das Fairconomy-Themenheft Inflation versandt. Die Fertigstellung hat leider länger gedauert, als geplant, dafür entschuldigen wir uns mit vier zusätzlichen Seiten. Auch wenn der Krieg in der Ukraine nicht mehr ins Heft einfließen konnte, so wird dieser doch dem Thema Inflation in den nächsten Monaten noch mehr Brisanz geben. Weil die Energiepreise Haupttreiber der Inflation sind, werden wir unweigerlich mit den wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen gegen Russland auch selber konfrontiert werden.

Bei der Mitgliederversammlung am 30. Oktober 2021 in Erfurt haben wir unsere Vereinsstruktur – ergänzend zu Vorstand und Mitgliederversammlung – um einen Wissenschaftlichen Rat und eine organisationsunterstützende Kommission erweitert. Informationen zu den frisch Gewählten finden sich im Innenteil der aktuellen Fairconomy. Im März stellen sich zudem zwei weitere Mitglieder unseres Wissenschaftlichen Rates in je einem Webinar vor, siehe die Termine weiter unten. Die Webinare sind kostenlos. Wir freuen uns über Spenden.

Wir trauern um Adolf Paster († 19.02.2022), Gründer der INWO Österreich, und um Georg Otto († 29.12.2021), Mitbegründer der Partei Die Grünen und überzeugter Kämpfer für eine von ihm als „Alternative - Dritter Weg“ bezeichnete freiwirtschaftliche Wirtschaftsordnung.

2. Termine

Samstag, 12.03.22 (neuer Termin!), 15-17 Uhr, FAIRCONOMY-Webinar mit Prof. Dirk Löhr: „Kommunale Erbbaurechte und bezahlbares Wohnen“. Trotz der Corona-Krise kennen Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten nur eine Richtung: Nach oben. Immer mehr Kommunen denken daher über den verstärkten Einsatz des Erbbaurechts nach. Bei Investoren ist dieses allerdings nicht beliebt... Zoom-Teilnahme-Link (Meeting-ID: 841 2221 0556, Kenncode: 417627)

Samstag, 19.03.22, 15-17 Uhr, FAIRCONOMY-Webinar mit Prof. Felix Fuders: „Das Inflation-Deflation-Paradoxon“. Felix Fuders wird in diesem Webinar zu einem neuen Verständnis der Geldschöpfung der Geschäftsbanken beitragen und das Dilemma beschreiben, mit dem sich in einem fraktionellen Reservesystem jede Zentralbank nach einiger Zeit konfrontiert sieht. Dieses Dilemma liefert eine Erklärung für die Politik des „billigen Geldes“, die in den letzten Jahren von den Zentralbanken fast aller Industrieländer angewandt wird... Zoom-Teilnahme-Link (Meeting-ID: 885 2655 5192, Kenncode: 909693)

Georg OttoGeorg Otto (1928 - 2021)

Freitag, 15.04.22, ab 19 Uhr, FAIRCONOMY-Webinar mit Thomas Kubo: „Helmut Creutz‘ Geldsystem-Grafiken – ein Update“. Zur Anmeldung bitte eine Mail mit Betreff „Webinar-Anmeldung“ an: INWO@INWO.de

10. - 12. Juni 2022, Wuppertal: FAIRCONOMY-Sommerfest in der Silvio-Gesell-Tagungsstätte. Bitte reserviert Übernachtung und Verpflegung !

Irrtümer und Änderungen vorbehalten. Mehr lokale und aktualisierte Termine stehen manchmal im INWO-​Terminkalender.

3. Interessantes aus Netz und Medien

Deutschland und viele andere Staaten reagieren mit Sanktionen auf Russlands Einmarsch in die Ukraine. Immer wieder fallen in den Medien Fachbegriffe wie SWIFT, Devisenreserven oder Korrespondenzbanken etc. Der deutschsprachige Wirtschaftshistoriker Adam Tooze von der Columbia University (New York) hat diese Sanktionen in einem gemeinsamen Webinar von Finanzwende e.V. und Heinrich Böll Stiftung am 2. März erklärt. Dabei machte er deutlich, dass das Einfrieren der russischen Zentralbankreserven einem Kriegseintritt des Westens gleichkommt. Diese ganz neue Sanktionsform sei in ihrer Radikalität vergleichbar mit der nuklearen Option: „Wir sind eingestiegen als kriegsführende Partei auf der finanziellen Ebene auf Seiten der Ukraine gegen die russische Wirtschaft als Ganzes.“ Auf YouTube kann man das Webinar nachträglich ansehen.

Auch Pepe Escobar, Redakteur der Asia Times und geopolitischer Analyst mit Schwerpunkt Eurasien, beleuchtet mögliche Folgen der weitreichenden Sanktionen, die sich für die USA und Europa auch als „Schlag ins eigene Kontor“ erweisen könnten. Die USA könnten dadurch die Entdollarisierung der Weltwirtschaft nur noch beschleunigen. Er tut dies unter Rückgriff auf die Einschätzungen des bereits früher in Fairconomy interviewten amerikanischen Ökonomen Michael Hudson.

Michael Hudson sieht – unter dem provokanten Titel „Wie Deutschland zum dritten Mal von Amerika besiegt wird“ (America Defeats Germany for the Third Time in a Century) in der Ukraine viel größere Kräfte am Werk als die, die augenscheinlich sind. Er argumentiert, dass es den USA in Wirklichkeit darum gehe, die europäischen Länder, insbesondere Deutschland, daran zu hindern, engere wirtschaftliche Beziehungen zu China und Russland zu knüpfen. Dabei kontrollierten drei Oligarchien die US-Außenpolitik: 1. der militärisch-industrielle Komplex (MIC), dessen wirtschaftliche Basis Monopolrenten vor allem aus Waffenverkäufen an die NATO, an Ölexporteure des Nahen Ostens und an andere Länder mit einem Zahlungsbilanzüberschuss seien. 2. der Öl- und Gassektor, plus Bergbau (OGAM: Oil, Gas, And Mining). Ihr Ziel sei es, den Preis von Energie und Rohstoffen zu maximieren, um die Rohstoff-Renten zu maximieren. Die Monopolisierung des Ölmarktes im Dollarraum und seine Isolierung von russischem Öl und Gas sei eine Priorität der USA, da die Nord Stream 2-Pipeline von Russland nach Deutschland die westeuropäische und die russische Wirtschaft miteinander zu verbinden drohe. 3. der Finanz-, Versicherungs- und Immobiliensektor (FIRE: Finance, Insurance, Real Estate), den Hudson als "das Pendant zu Europas altem postfeudalen Landadel, der von Landrenten lebt" definiert.

Wenn Hudson recht hat, erscheint es sinnvoll, dass zum Szenario der Initiative „Sicherheit neu denken“ auch eine Wirtschafts- und Sicherheitspartnerschaft der EU mit Russland/der Eurasischen Wirtschaftsunion gehört. Passend zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz veröffentlichte „Sicherheit neu denken“ unter dem Titel "Turning the Perspective - Overcoming Helplessness" einen 50-seitigen Rethinking Security Report 2022. Der Report ist eine Resonanz auf den von der Münchner Konferenz vorgestellten Munich Security Report 2022 "Turning the Tide - Unlearning Helplessness" und regt einen Perspektivwechsel zu Ziviler Sicherheitspolitik an, der das Scheitern militärisch geprägter Sicherheitspolitik anerkennt.

Die seit 1993 bestehende AG Freiwirtschaft hat seit dem 1. Januar 2022 eine eigene Internet-Präsenz. Im ersten von mittlerweile drei Beiträgen beschreiben die Betreiber, Ulrike Henning-Hellmich und Markus Henning ihre Motivation dazu:

Mit unserer Webseite wollen wir einen Beitrag leisten zum Diskurs über die sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft. Unsere Inspirationsquellen sind die Ideenströmungen von Freiwirtschaft, herrschaftslosem Sozialismus und Anarchismus.

In der Zeitschrift für Sozialökonomie online erscheinen fortlaufend interessante wissenschaftliche Artikel zu unseren Themen, so zuletzt am 3. März der Aufsatz „Wohnungsmärkte, kommunale Verschuldung und die notwendige Abschöpfung der Bodenrente“ von Prof. Daniel Mühlleitner.

Im Meinungs-Beitrag Money Should Go Round And Round der Korea IT Times (englisch) vom 4. Januar stellt Kim Hyoung-joong knapp das Wunder von Wörgl mit seinen Arbeitsbestätigungsscheinen vor.

4. Film- und Buchtipps

Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Werner Onken: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Am Freitag, den 21. Januar hat Werner Onken in einem FAIRCONOMY-Webinar sein neues Buch „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ vorgestellt, das wir schon im FAIRCONOMY-Newsletter 78 als Online-Veröffentlichung vorgestellt hatten. Soeben ist eine gedruckte Fassung in drei Banden bei oekom erschienen. Onken führt seinen Lesern in einem beeindruckenden Rundgang durch die ökonomische Ideengeschichte vor Augen, dass die auf der Akkumulation und Konzentration von Geld-, Boden- und Realkapital beruhende problematische Grundstruktur der kapitalistischen Marktwirtschaft immer noch nicht ausreichend in Frage gestellt wird.

ISBN 978-3-96238-376-3 / Hardcover, 1396 Seiten / 99,00 Euro

5. Worte... zum Schluss

„Wenn der Friede die Frucht der Gerechtigkeit ist, dann ist der Konflikt, die kriegerische Auseinandersetzung, die Frucht der Ungerechtigkeit. Tatsächlich waren fast alle Kriege der letzten Jahrhunderte Wirtschaftskriege.“
Adolf Paster (Gründer und Ehrenpräsident der HIFA-Austria: „Die Zukunft beginnt jetzt“, in: Der Dritte Weg 7/92)

Mit freundlichen Grüßen
Beate Bockting und Vlado Plaga