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Sehr geehrter Roman Pletter,

in Ihrem Aufmacher »Mehr ist nicht!« im Wirtschaftsteil der ZEIT kritisieren Sie das Festhalten der Ökonomen an der Wachstumsdoktrin. Sie beschreiben überzeugend, dass es Unfug ist, in Anbetracht einer endlichen Welt und gesättigter Märkte, das Wohl der Gesellschaft zwingend an eine ewige Ausweitung der ökonomischen Leistung zu knüpfen. Leider macht Ihr Beitrag nur indirekt deutlich, warum dies so ist.

»Unsere Wirtschaft muss ständig wachsen. Seit einer Ewigkeit halten rechte wie linke Politiker daran fest«, kritisieren Sie zurecht. Die Gesellschaft braucht ein verlässliches Einkommen für alle Bürger, stabile Steuereinnahmen in der Höhe der öffentlichen Ausgaben und eine Wirtschaft, die den Bedarf der Bürger deckt. Die entscheidende Frage ist, welche Rahmenbedingungen müssen verändert werden, dass Staat und Wirtschaft auch dann funktionieren, wenn die Bürger nicht mehr unablässig nach mehr Autos, mehr Flugreisen, immer schneller nach neuen Kühlschränken und Fernsehern verlangen. Ihr Beitrag deutet an, dass es nicht in erster Linie die Gier der Konsumenten ist, die das Wachstum auf ewig in die Höhe treibt. Ursächlich sind ökonomische Rahmenbedingungen und diese sind in einem spürbaren Wandel begriffen. In Ihren Worten heißt das: »Demnach verändert die Weltwirtschaft gerade ihre Persönlichkeit. Sie sagt den Ökonomen: Ich will keine Mehr-Wirtschaft sein. Ich will nicht mehr wachsen, nicht mehr von Jahr zu Jahr so viel mehr produzieren wie früher«.

Was aber hat diese Veränderung ausgelöst?
Ausschlaggebend ist nicht ein irgendwie gearteter Stimmungswandel einer personifizierten Wirtschaft. Ausschlaggebend ist ein Faktor, den kritisch zu würdigen sich Ökonomen seit jeher weigern: ein anhaltend niedriges Zinsniveau ohne spürbare Deflation und Inflation. Die niedrigen Zinsen entlasten öffentliche Haushalte und private Unternehmen. Die sinkende Last der Zinsen verringert die Notwendigkeit, die Einnahmen ständig zu steigern. Immer mehr öffentliche Haushalte und private Unternehmen nehmen mehr ein, als sie ausgeben müssen. Durch die wegfallenden Zinsausgaben reichen vielerorts die Einnahmen, um die Wünsche von Wählern und Aktionären zu befriedigen, ohne für das laufende Geschäft neue Schulden aufnehmen zu müssen.

Die weltweite Schwemme an Geld und Vermögen ermöglicht es immer mehr Investoren, auf sehr günstige Darlehen zuzugreifen und immer öfter mit eigenen Mitteln zu investieren. Die bequeme, aber sehr kostspielige Gewohnheit, erst auszugeben und später, zuzüglich hoher Zinsen, zu bezahlen, wird mehr und mehr überflüssig. Die Doktrin, alles Wirtschaften mit dem Geld anderer Sparer vorzufinanzieren, ist durch die normative Kraft des Faktischen überholt. An diesem Punkt haben Sie sich leider vom alten Denken der linken und rechten Ökonomen wie Politiker einfangen lassen: »Es droht ein Deal zu platzen, der seit dem Zweiten Weltkrieg ganz gut funktionierte. Der ging so: Staaten, Privatleute und Unternehmen machen Schulden und finanzieren damit Ausgaben für Straßen oder Maschinen. In der Folge machen Unternehmen Gewinn, und Staaten nehmen mehr Steuern ein. So lassen sich später die Kredite tilgen und mit dem Mehr die Zinsen bedienen«.

Alle Wirtschaftsteilnehmer, die in vernünftigem und verantwortlichem Maße Kredite aufnehmen um Investitionen zu finanzieren, haben früher oder später ausreichend Gewinne um Rücklagen zu bilden. Wer schlecht haushaltet oder mit unseriösen Konditionen kalkuliert, gerät leicht in die Überschuldungsfalle. Wer in die Lage kommt, mit eigenen Rücklagen zu investieren und dauerhaft Zins- und Tilgungsraten zu sparen, hat am Markt entscheidende Wettbewerbsvorteile. Das Schuldenprinzip wird sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb kaum behaupten. Lediglich die hilflose Inflationspolitik der Notenbanken könnte noch eine Trendwende zu deutlich steigenden Kapitalmarktzinsen auslösen. Eine konstruktive Verbesserung der Geldordnung, mit dem Ziel eines gleichmäßigen Geldumlaufs ohne Inflation, steht noch aus.

Das weltweite Überangebot an Geldvermögen hat den Trend zu niedrigen Zinssätzen verstärkt. Diese Entwicklung gilt es auszunutzen. Mit einer Gebühr auf die (liquiden) Zahlungsmittel, wie sie die INWO vorschlägt, lässt sich auch bei Marktzinsen nahe Null eine gesunde Zinsstruktur, ohne deutliche Inflation und Deflation, realisieren.

Klaus Willemsen, 24.8.2015

Verwendete Quelle:
www.zeit.de/2015/32/wirtschaftswachstum-krise

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