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Sehr geehrter Herr Steingart,

Nicht Griechenland ist die Bedrohung des Euros, sondern die Politik des EZB-Systems - Eine Erwiderung auf das HandelsblattMorningBriefing von Gabor Steingart vom Donnerstag, den 23.07.2015.

Guten Morgen Herr Abromeit,

am morgigen Freitag sollen die Verhandlungen Griechenlands mit der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem IWF über ein drittes Hilfspaket beginnen. Doch Wolfgang Schäuble bleibt skeptisch, ob die griechische Überschuldung mit Schulden bekämpft werden kann. Deshalb hat er den Grexit ins Gespräch gebracht. Deshalb droht er Merkel mit Rücktritt. Der morgige Wochenendtitel „Wolfgang Schäuble: Kanzler der Vernunft“ ist dem großen Unbequemen der Berliner Republik gewidmet. Die Meinungen unserer Leserinnen und Leser zum Machtpoker Merkel vs. Schäuble würde die Redaktion sehr interessieren. Schreiben Sie mir: steingart(at)handelsblatt.com.

 

Sehr geehrter Herr Steingart und Mitglieder der Redaktion,

am 21. Juli hatte ich mal wieder eine Interviewerin eines Meinungsforschungsinstituts an der Strippe. Die wollte wissen, ob die jetzige Regierung abgelöst werden sollte. Ich habe geantwortet: „Sie gehört abgelöst. Da es aber keine Alternative gibt, muss sie wohl bleiben.“ Dann kam die Frage, welche Partei ich wählen würde, wenn am nächsten Sonntag die Wahl zum Bundestag wäre? Ich habe geantwortet: „Keine!“ Denn ich sehe keine Partei in unserer Republik, die einen Kurs hat, der aus dem Schlamassel herausführt. Es gibt nicht einmal einen Parteiführer der – wenn auch ohne Programm – seinen Wählern wie Alexis Tsipras in Griechenland Hoffnung vermittelt.

Es wurde nicht gefragt: „Welche Wirtschaftsredaktion ist Ihnen eine wirkliche Orientierungshilfe bei der Deutung des Euro-Griechenland-Komplexes?“ Ich hätte antworten müssen: „Keine!“ Ich lese das Handelsblatt hin und wieder und das Monrning-Briefing fast nach jedem Erscheinen. Aber hier frage ich mich manchmal auch: Wollen, können oder dürfen die Leute vom HB nicht gründlicher und eindeutiger informieren? Wenn es anders wäre, müsste doch wenigstens einmal gesagt werden, dass schon die im Maastricht-Vertrag vereinbarte Verschuldungsgrenze der Staaten nichts mit der Stabilität des Euro zu tun hat, jedenfalls nicht, solange die Notenbanken nicht die Verschuldung mit neu gedruckten und herausgegebenen Euros unterfüttert. Es gibt keinen Grund dafür, dass Griechenland den Euro aufgeben muss, weil der Staat seine Schulden nicht bezahlen kann. Die Preisniveaustabilität im Euroverbund wird so lange gewahrt, wie das umlaufende Geld – und nur das Bargeld ist Geld, das Girogeld* sind Forderungen auf Geld – im Gleichgewicht bleibt mit dem Volumen der Güter, die durch den Markt strömen.

Und hier liegt auch die eigentliche Bedrohung des Euro, weil die Notenbank den Umlauf des Geldes nicht unter Kontrolle hat und nicht sichern kann. Statt das Geld mit einer konstruktiven Umlaufversicherung zu versehen, ergänzt die EZB das in die Horte versickernde Geld immer weiter mit neuem Geld, für das keine Güter dem Markt zugeführt wurden. Ich las neulich, dass von dem von der Bundesbank herausgegebenen Geld nur ein Zehntel im Umlauf ist. Das bedeutet aber: Wir haben in etwa eine Preisniveaustabilität mit einem Zehntel des von der Bundesbank** herausgegeben Geldes. Wenn das ganze Geld in Bewegung kommt, d.h. als Nachfrage auf dem Markt auftaucht, haben wir eine Superinflation.

Hier wird doch klar, dass nicht Griechenland die Bedrohung des Euros ist, sondern die Politik des EZB-Systems.

Außerdem macht die ganze Griechenland-Politik der Bundesregierung den Eindruck, dass sie sich nicht bemüht, Griechenland zu helfen, sondern die eines Inkasso-Unternehmens, das die Forderungen ihrer Auftraggeber eintreibt.

Den Griechen zu sagen, was sie zu tun haben, wenn sie gar nicht danach fragen, ist einfach politisch dumm. Es hätte genügt, den Griechen zu sagen, dass sie unter den gegebenen Umständen von Deutschland kein Geld bekommen. Dann wäre der Umgestaltungsauftrag bei den Griechen selber gewesen. Und die Griechen sind kein Volk der Dummen, die einen Vormund benötigen.

Ich wünsche mir, dass sich die Redaktion als ein wirkliches, und nicht nur als ein vorgegebenes Expertenteam erweist. Wo bleibt die Standesehre der Wirtschaftsjournalisten?

Mit freundlichen Grüßen

Tristan Abromeit

 

* Auch in der Definitionsschwäche des Geldes in der Währungspolitik und der Berichterstattung liegt ein Grund der Misere.

** Wie das Verhältnis für den ganzen EZB-Bereich ist, weiß ich nicht.

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