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Ruiniert Corona die Staatsfinanzen?

Nein, sagt der Ökonom Tom Krebs. Sachlich und nachvollziehbar beschreibt er die Situation. Seine Forderungen bleiben jedoch nebulös und widersprüchlich. Einige Argumentationslinien werden nicht zu Ende gedacht, womit er sich zum Propagandisten für höhere Kapitalerträge macht.

»Die Wirtschaft muss ökologisch nachhaltiger werden, die Gesellschaft aber auch sozial gerechter«, fordert Krebs im Interview mit Zeit-online. Und weiter, »dann bleibt eigentlich nur eine höhere Besteuerung des Kapitals.« Das »eigentlich nur« weist darauf hin, dass er die »Schere im Kopf« bereits angelegt hat. Anstatt der höheren Besteuerung könnte er auch formulieren, dass die Ertragskraft des Kapitals weiter sinken muss. Der von ihm im ersten Satz formulierte Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit könnte genau dadurch aufgelöst werden. Das maßlose Überwachstum von Geldkapital und Erträgen aus Bodeneigentum ist ursächlich sowohl für die Zerstörungsdynamik als auch für die Umverteilung von der Arbeit zum Besitz.

Das Ignorieren der Kapitalfunktion für das ökonomische Handeln führt bei Krebs zu diversen Missverständnissen. »Wenn alle Staaten im Euroraum sich weiter verschulden, muss die Geldpolitik expansiv bleiben, um das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte dauerhaft zu gewährleisten«, glaubt der Professor für Makroökonomie. Dabei kann man diesen Zusammenhang auch anders darstellen: Solange Gläubiger ihre Schulden positiv verzinsen müssen, muss auch die Geldpolitik expansiv bleiben. Erst wenn die Leitzinsen dauerhaft unter null liegen, wird die Entwicklung an den Finanzmärkten eine Expansion der Geldmenge überflüssig machen. Negative Zinssätze stabilisieren die Finanzlage der öffentlichen Haushalte und bremsen das Überwachstum von Geldvermögen und Schulden.

Eine expansive Geldpolitik, sagt Krebs, »kann dann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, weil das billige Geld zum Beispiel den Immobilienboom befeuert. Von dem profitieren aber nur die Wohnungsbesitzer und nicht die Mieter.« Diese Aussage impliziert, dass man die Steigerung der Bodenwerte durch höhere Zinsen auf Geldkapital bremsen könnte. Dies hieße aber, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Warum aber lässt sich ein intelligenter Mensch wie Tom Krebs, der Professor für Makroökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim ist, auf so eine Verknüpfung ein? Durch die international sinkenden Renditen des Finanzkapitals werden weltweit immer größere Summen in Bodenwerte investiert. In der Folge steigen die Preise und die Renditeerwartungen. Der Gesellschaft jedoch steht es frei, diese steigenden Renditen den internationalen Finanzinvestoren zu überlassen oder sie, zum Wohle der Allgemeinheit, abzuschöpfen. Seit über 150 Jahren ist die Privatisierung der Bodenrente als Ursache für Ausbeutung und Ungerechtigkeit wissenschaftlich dokumentiert. Wie ist es möglich, dass sie selbst im Wissenschaftsbereich bis heute als Tabu behandelt wird?

Tom Krebs gibt vor, für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu stehen und singt doch das hohle Lied des Kapitals: »Zudem lassen die niedrigen Zinsen Aktienkurse steigen, was wiederum tendenziell eher den Vermögenden hilft.« Diese Aussage ist irreführend und falsch. Niedrige Zinsen entlasten Unternehmen, die auf Fremdkapital angewiesen sind. Sie stärken damit den Wettbewerb und vergrößern den Spielraum für Löhne und Gehälter. Der Anstieg der Aktienkurse geht überwiegend auf die völlig maßlose Ausweitung der Geldmenge zurück. Ursache hierfür wiederum ist die massive Zunahme der Geldhortung durch das Fehlen angemessener Liquiditätsgebühren auf Bargeld. Siehe dazu: Stabile Währung durch Haltegebühren auf Geld.

Wichtig ist es, bei der Beurteilung der Aktienkurse auch die Entwicklung der Dividenden, die Ausschüttung von Gewinnen an die Besitzer, zu berücksichtigen. Positive und hohe Zinssätze schaffen einen enormen Wettbewerbsvorteil für bereits große und wohlhabende Konzerne. Dies geht immer zulasten von Konkurrenten. Außerdem orientieren sich Aktiengesellschaften bei der Ausschüttung von Dividenden am allgemeinen Zinsniveau. Je niedriger das Zinsniveau desto geringer der Druck, Dividenden auszahlen zu müssen und desto größer die Chance, Erträge in der Firma belassen zu können.


Sehr geehrter Professor Krebs,

Sie schreiben: »Wenn wir mittelfristig für den angesprochenen Umbau der Gesellschaft zusätzlichen Finanzbedarf haben, ist eine jährliche Vermögenssteuer die bessere Lösung als eine einmalige Abgabe.« Dies ist mit Sicherheit zutreffend. Die weitaus bessere Lösung jedoch besteht darin, die Höhe der Kapitalerträge durch eine konsequente Null-Zins-Politik zu senken und die konsequente Abschöpfung der Bodenrente zu gewährleisten. Diese beiden Maßnahmen sind geeignet, eine nachhaltig stabile und sozial gerechte Marktwirtschaft auf der Basis von Vollbeschäftigung und dem Verzicht auf sinnentleertes Wirtschaftswachstum zu realisieren.

Lesen Sie hierzu auch: »Die Wirtschaft braucht jetzt Negativzinsen«, »Staatliche Konjunkturprogramme sind der riskante Weg aus der Krise; Negativzinsen sind der elegantere Weg und sichern allen die notwendige Entlastung« und »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld«.

Klaus Willemsen, 16.12.2020


Verwendete Quellen:

https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-12/corona-schulden-tom-krebs-verschuldung-vermoegenssteuer?utm_referrer=https%3A%2F%2Fduckduckgo.com%2F

www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/

www.inwo.de/medienkommentare/die-wirtschaft-braucht-jetzt-negativzinsen/

www.inwo.de/medienkommentare/staatliche-konjunkturprogramme-sind-der-riskante-weg-aus-der-krise-negativzinsen-sind-der-elegantere-weg-und-sichern-allen-die-notwendige-entlastung/