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Ökonom Peter Bofinger: "Münzen und Geldscheine sind ein Anachronismus"

Ich weiß nicht, was soll das bedeuten. Die SPIEGEL-Redaktion macht aus einer Sensation eine Randnotiz und Professor Bofinger versteckt einen ökonomischen Meilenstein, mit dem er in die Geschichtsbücher gelangen könnte, hinter fadenscheinigen, gesellschaftspolitischen Argumenten. Umfang und Inhalt dieses Interviews machten deutlich, wie verunsichert die ökonomische Kaste durch die anhaltend niedrigen Zinsen ist.

Die Ausgangslage: volkswirtschaftlich und währungspolitisch ist es notwendig, dass die Notenbanken ihre Leitzinsen bis auf -6 % absenken können. Das entscheidende Problem dabei wäre die zu erwartende »Flucht in die Bargeld-Hortung«. Um dieses Problem aus dem Weg zu räumen, diskutieren innovative Ökonomen über eine mögliche Abschaffung des Bargeldes. Deutsche Ökonomen haben diese Entwicklung bisher weitgehend verschlafen.

Der Wirtschaftsweise, Peter Bofinger, traut sich als erster namhafter deutscher Ökonom aus der Deckung: »Bargeld ist ein Anachronismus«, wird er im SPIEGEL 21/2015 zitiert. Anstatt jedoch die aktuelle ökonomische Notwendigkeit einer Geldreform zu begründen, lesen wir zunächst peinlich anmutende Begründungen: Wir verlören Zeit an der Ladenkasse und ermöglichten durch das Bargeld die Schwarzarbeit.

Erst im letzten Absatz wird die Geldpolitik der Notenbank, die einzig Auslöser für diese Diskussion ist, erwähnt. »Derzeit können sie die Zinsen kaum nennenswert unter null Prozent drücken, da die Anleger sonst Bargeld horten. Gibt es kein Bargeld mehr, entfällt die Nullzinsgrenze.« Diese Aussage ist, bedenkt man ihre volkswirtschaftlichen Perspektiven, aus dem Mund eines unserer Wirtschaftsweisen eine Sensation. Nicht weniger als ein Paradigmenwechsel und vielleicht der Anfang vom Ende der kapitalistischen Ökonomie. Es ist völlig unbegreiflich, wieso die Redaktion diese Aussage in einer Randbemerkung einer unscheinbaren Randnotiz versteckt. Ist es ideologische Verbohrtheit, dass man nicht sehen kann, was man nicht wahrhaben will? Sind die Redakteure tatsächlich nicht in der Lage zu erkennen, wie weitreichend die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis für Mensch und Gesellschaft sein können?

Sehr geehrter Herr Bofinger,

dass Sie die Hortung von Bargeld als Problem unseres Geldsystems und damit unserer Wirtschaftsordnung benannt haben, ist sehr erfreulich. Das Bargeld deshalb gleich abzuschaffen hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Eine Gebühr auf Liquidität bietet dazu eine elegante Alternative. Die Überwindung der »Nullzinsgrenze« wäre eine bahnbrechende Innovation unserer Geldpolitik. Bitte forschen und schreiben Sie mehr darüber. Eine Anregung finden Sie in unserem Aufruf: »Stabile Währung dank Durchhaltekosten«. Wir sind sehr gespannt auf Ihre Meinung dazu.

Lieber SPIEGEL-Redaktion,

die Überwindung der Geldhortung ist die zentrale ökonomische Herausforderung für die Geldpolitik und für unsere Wirtschaftsordnung. Die Wirtschaftsredakteure des SPIEGEL haben die Bedeutung von Zinsen und Geldumlauf jahrzehntelang aus der Berichterstattung eliminiert. Es zeigt sich heute, dass Silvio Gesell mit seinem Geldverständnis bereits vor 100 Jahren die Schwachstelle der kapitalistischen Geldpolitik richtig erkannt hat und vor allem den richtigen Lösungsvorschlag hatte. Es wäre schön, wenn die »normative Kraft des Faktischen« auch die SPIEGEL-Ökonomen zu mehr Offenheit inspirieren würde.

Klaus Willemsen, 20.5.2015

Verwendete Quellen:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bargeld-peter-bofinger-will-muenzen-und-scheine-abschaffen-a-1033905.html
http://www.inwo.de/ziele/stabile-waehrung-dank-durchhaltekosten/

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