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Negativzinsen haben eine Zukunft

Unter der Überschrift "Negativzinsen sind unpopulär. Aber sie haben dennoch eine Zukunft" schreibt Gerald Braunberger am 17. Januar 2017 im Wirtschaftsblog der F.A.Z. einen sehr lesenswerten Beitrag über eine Studie der Credit Suisse, in der Anleihekäufe und Negativzinsen als unkonventionelle geldpolitische Instrumente gegeneinander abgewogen werden. Die Autoren geben den Negativzinsen den Vorzug.

Die Schweizer Grossbank Credit Suisse (CS) war Anfang 2015 das erste Schweizer Geldhaus, das Negativzinsen von seinen Grosskunden verlangte. Nun hat die CS anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos eine Studie präsentiert, in der sie die Wirkungen von Negativzinsen mit denen von Anleihekäufen vergleicht. Nach der Studie "The Future of Monetary Policy" (Die Zukunft der Geldpolitik) sind beide außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen der Krisenzeit wirksam. Aber ganz im Sinne der INWO kommt die CS-Studie laut Gerald Braunberger zu folgendem Fazit: "Sie hält den Negativzins für das brauchbarere Instrument."

Die beauftragten Ökonomen (Oliver Adler, Zoltan Pozsar, Prof. David L. Yermack und Stefani Kostadinova) seien aufgrund der Erfahrungen mit diesen Instrumenten zu folgenden Ergebnissen gekommen:

Anleihekäufe („Quantitative Easing“, QE)

Anleihekäufe haben Ähnlichkeit mit traditionellen geldpolitischen Instrumenten, doch während die Zentralbank traditionell vor allem kurzfristige Wertpapiere ankauft, sind es bei QE zum Großteil Wertpapiere mit längeren Laufzeiten. Das Ziel ist jedoch immer, die Marktzinsen zu beeinflussen.

„Nebenprodukt“ dieser Politik ist jedoch die Ausweitung der Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Das QE, das das amerikanische Federal Reserve System zwischen 2008 und 2014 betrieben hat, könne laut den Autoren mit Blick auf den Arbeitsmarkt als „relativer Erfolg“ bezeichnet werden. Allerdings sei noch nicht klar, ob diese Politik nicht noch zukünftig die Finanzstabilität gefährde, u.a. weil die Verschuldung amerikanischer Unternehmen stark gestiegen sei.

Auch die britischen Erfahrungen mit QE würden von den Autoren als „relativ erfolgreich“ bezeichnet, so Braunberger. Für die Eurozone, wo die EZB erst viel später, im März 2015, ein großes Anleihekaufprogramm begonnen hat, ließen sich noch keine belastbaren Aussagen treffen.

"Wo man Anleihekäufe betrieben hat, haben Beschäftigung und Wirtschaftswachstum trotz schwieriger Rahmenbedingungen zugelegt. Aber es ist weder klar, welchen Beitrag QE dazu geleistet hat, noch ist sicher, dass QE über die von der Theorie vorhergesagten Kanäle gewirkt hat", fasst Gerald Braunberger das ambivalente Fazit der Credit Suisse zusammen. 

Negativzinsen

Die Autoren der Studie treffen gleich zu Beginn eine wichtige Unterscheidung: "Kleine Länder haben Negativzinsen eingeführt, um Auslandskapital abzuwehren und damit eine zu starke Aufwertung ihrer Währungen zu verhindern. Große Länder/Wirtschaftsräume haben Negativzinsen eingeführt, um Wirtschaftswachstum und Inflation anzutreiben."

Wie die Anleihekäufe haben negative Leitzinsen dazu beigetragen, die Marktzinsen zu senken, wenn es auch bei beiden Maßnahmen schwierig sei, den konkreten Beitrag für die wirtschaftliche Erholung zu messen. Interessant sei laut Braunberger etwas anderes: "In jenen Ländern, die Negativzinsen eingeführt haben, um eine zu starke Aufwertung ihrer Währungen zu verhindern, ist ein signifikanter Einfluss des Negativzinses auf den Wechselkurs nicht nachzuweisen. In der Eurozone und in Japan, die zumindest offiziell Negativzinsen nicht wegen des Wechselkurses eingeführt haben, ist ein Einfluss auf die Wechselkurse deutlich sichtbar."

Problembereiche

Die problematische „Flucht ins Bargeld“ habe laut Studie bisher keine Bedeutung, müsse aber im Auge behalten werden. - Solche Äußerungen, die man immer wieder liest, sind aus INWO-Sicht jedoch verharmlosend. Die Bargeldhaltung bzw. -hortung nimmt fast überall zu. Im Euroraum ist der Banknotenumlauf von 2010 bis Ende 2015, also in nur 5 Jahren, um ganze 25% angestiegen. Die Gesamtmenge an Bargeld in Scheinen ist seit der Euro-Einführung Anfang 2002, bei der es ja keine Bargeldengpässe gab, um ein Vielfaches auf inzwischen über 1 Bill. Euro angewachsen - warum ist das so, wenn doch immer mehr auf unbaren Zahlungsverkehr übergegangen wird? Bargeldhortung ist also sehr wohl ein Problem. Sie lässt sich aber verhindern, damit die Negativzinspolitik nicht wegen des Bargelds an Grenzen stößt.

Auch bei weiteren Problembereichen geben die Autoren der CS-Studie einstweilen Entwarnung: Die Ertragsprobleme der Banken seien bisher nicht sehr groß und auch für die Möglichkeit, dass wegen der Negativzinsen mehr statt weniger gespart würde, sehen sie bisher keinen Beleg.

Nicht auf halber Strecke stehen bleiben

Das von Gerald Braunberger zitierte Fazit der Untersuchung kann vonseiten der INWO nur unterschrieben werden: „Die Fortführung der Anleihekäufe in ihrer heutigen Form erscheint im Vergleich zu Negativzinsen als ein weniger geeignetes Instrument, aus dem einfachen Grund, weil fortgesetzte Käufe staatlicher und privater Anleihen zu einem Austrocknen der Anleihemärkte führen würde. Im Gegenzug könnte eine extreme Negativzinspolitik effektiv sein, sofern sichergestellt wird, dass eine Flucht ins Bargeld nicht stattfindet.“

Braunberger lässt aber auch nicht aus, dass die Credit Suisse ein schwindendes Vertrauen in die Negativzinspolitk ausmacht, sowohl in der Eurozone als auch in Japan. Und führende Vertreter der Fed hätten sich in der letzten Zeit – für den Fall eines erneuten Wirtschaftsabschwungs – eher pro Anleihekäufe ausgesprochen. Aus der Perspektive der INWO ist dieser Vertrauensschwund jedoch ganz klar darauf zurückzuführen, dass die Bargeldproblematik immer noch nicht offensiv angegangen wird (siehe oben).

Wenn keine Flucht ins Bargeld möglich wäre, könnten die Geschäftsbanken die Negativzinsen viel leichter an ihre Kunden weitergeben – mit allen positiven Effekten, die dies nicht nur für die Ertragslage der Banken, sondern für die gesamte Wirtschaftsentwicklung und Finanzstabilität hätte. Eine halbherzige Negativzinspolitik, wie wir sie bisher erleben, kann nicht das ganze positive Potential, das in diesem Instrument steckt, zur Entfaltung bringen. Dies wird nicht nur von der INWO, sondern auch von dem amerikanischen Topökonomen Miles Kimball immer wieder betont.
Die Zentralbanken dürfen jetzt nicht auf halber Strecke stehen bleiben, sonst gibt es keinen dauerhaften Ausweg aus der Überschuldungskrise!

Anleihekäufe nötigen zu stärkeren Negativzinsen

INWO-Mitglied Eckhard Behrens vom Seminar für freiheitliche Ordnung (SffO) in Bad Boll macht außerdem in einem Leserkommentar im F.A.Z.-Blog noch auf einen anderen wichtigen Punkt aufmerksam: Die Anleihekäufe konterkarieren sogar die Negativzinspolitik, denn das QE nötigt dazu, in noch stärkerem Umfang von Negativzinsen Gebrauch zu machen.

"Wenn es das Ziel ist, mit geldpolitischen Maßnahmen die Konjunktur anzukurbeln, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, dann ist das traditionelle Mittel die Senkung der Leitzinsen. Da ist nicht einzusehen, dass an der Nulllinie Schluss sein soll", so Behrens. "Mit Leitzinssenkungen soll die Zinsstrukturkurve steiler werden. Dem wirken Anleihekäufe, die die langfristigen Zinsen senken, jedoch entgegen. Je stärker die langfristigen Zinsen sinken, umso niedriger müssen bei schlechter Konjunktur die Leitzinsen gedrückt werden. Sonst wird die Zinsstrukturkurve zu flach."

Behrens weist zudem auf Folgendes hin: "Negative Leitzinsen führen so lange nicht zu maßlos großen Bargeldhorten, so lange die Negativziffer nicht höher ist, als die von der Notenbank erreichte Inflationsrate. Bei ein Prozent Inflation kann der Leitzins auf minus ein Prozent festgesetzt werden, ohne dass sich eine Flucht in das Bargeld schon rechnet. Real betrachtet beträgt der Leitzins dann sogar schon minus 2%. Diese Überlegungen gelten auch noch, wenn die Notenbank ihr Inflationsziel erreicht und damit die Inflationserwartungen wieder auf einem höheren Niveau verankern kann. Konjunkturell wäre das im Euroraum bei fast 10% aktueller Arbeitslosigkeit durchaus notwendig."

 

Lesen Sie auch das gemeinsame Positionspapier freiwirtschaftlicher Organisationen "Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld" auf geldreform.eu

Die Studie der Credit Suisse unter dem Titel "The Future of Monetary Policy" (Die Zukunft der Geldpolitik) finden Sie hier.

Auch empfehlenswert: Deutsche Bank-Stratege für effektive Negativzinsen, auch auf Bargeld

Quelle:

http://blogs.faz.net/fazit/2017/01/17/negativzinsen-sind-unpopulaer-aber-sie-haben-dennoch-eine-zukunft-8371/

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