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Negative Zinsen: Was wir bisher gelernt haben

Sie erwarten hier Informationen zur aktuellen Fed-Sitzung? Erhöht die Fed die Leitzinsen wie erwartet? Wahrscheinlich wird sie dies tun, getrieben von den Erwartungen, die Präsident Donald Trump noch angeheizt hat. - Doch richtig wäre dies nicht. Die Welt braucht Negativzinsen.

Ben Bernanke und Narayana Kocherlakota bei der Brookings-Konferenz

Am 6. Juni 2016 veranstaltete das Hutchins Center on Fiscal and Monetary Policy der renommierten amerikanischen Denkfabrik Brookings eine hochkarätig besetzte internationale Konferenz, um über die bisherigen Erfahrungen mit den negativen Zinsen zu diskutieren und zukünftige Perspektiven (auch für die USA) aufzuzeigen.

Gut ein Jahr nach der wegweisenden Londoner Konferenz "Removing the Zero Lower Bound on Interest Rates" (wir berichteten) gab es in Washington eine weitere wichtige Konferenz zum Thema Negativzinsen. Unter dem Titel »Negative interest rates: Lessons learned ... so far« (»Negative Zinsen: Was wir gelernt haben ... bis jetzt«) setzten sich die Teilnehmer mit den bisherigen Erfahrungen mit negativen nominalen Zinsen, insbesondere in Europa, auseinander, auch im Hinblick auf ihre mögliche zukünftige Anwendung in den USA.
Denn eins wurde ganz deutlich: Die Zentralbanker werden immer öfter mit der Zinsuntergrenze konfrontiert. Es muss daher schnellstens dafür gesorgt werden, dass die Geldpolitik bei der nächsten Rezession handlungsfähig bleibt.

Dazu bedarf es einer raschen Aufklärung unter Journalisten und Politikern, denn die Umsetzung geeigneter Maßnahmen ist weniger ein technisches Problem, als eines der gesellschaftlichen Akzeptanz. Der Paradigmenwechsel im Geldsystem hin zu Negativzinsen wird von vielen Menschen - Normalbürgern wie ausgebildeten Ökonomen - noch nicht verstanden und deswegen abgelehnt. Nichts ist daher wichtiger, als die damit verbundenen positiven Perspektiven aufzuzeigen.

An der Brookings-Konferenz nahmen prominente Ökonomen aus Wissenschaft und Praxis teil, neben Vertretern europäischer Zentralbanken auch der frühere Fed-Vorsitzende Ben Bernanke. Daneben stellten Wall-Street-Vertreter die angespannte Stimmung und die Erwartungen der Finanzmärkte dar.

Narayana Kocherlakota, ehemaliger Chef der Federal Reserve Bank of Minneapolis, brachte in der Podiumsdiskussion die Zielsetzung wunderbar auf den Punkt. Ein Teilnehmer warf ein, dass das System möglicherweise an einem Punkt angekommen sei, an dem sinkende Zinsen nicht mehr wie bisher neue Investitionen anregen würden.

Kocherlakota: "Es geht nicht nur darum, die Kreditaufnahme anzuregen, es geht darum, den aktuellen Konsum anzuregen, im Gegensatz zum Sparen. Ich bekomme oft E-Mails von Leuten, die mir schreiben: "Sie zwingen mich zum Geldausgeben, weil die Renditen so niedrig sind." - Ja, genau! Das ist die Taktik. Darum dreht sich die Geldpolitik. Sie wirkt, wenn Sie lieber ausgeben, anstatt zu sparen."

Er machte den Fragesteller darauf aufmerksam, dass die ökonomischen Begrifflichkeiten der Klärung bedürfen: "Sie benutzen den Begriff 'Investment' auf zwei verschiedene Arten, zum einen für physische Investitionen (z.B. den Bau von Betrieben), zum andern für finanzielle Investments (den reinen Kauf von Wertpapieren, die einen Ertrag einbringen). Der springende Punkt der aktuellen Geldpolitik ist es doch, den Kauf von Wertpapieren als richtig, richtig schlecht erscheinen zu lassen - das lässt dagegen Betriebe attraktiv erscheinen, ohne dabei jedoch deren Erträge in irgendeiner Weise geldpolitisch zu beeinflussen." 

Auf den Vortrag seines Ökonomen-Kollegen Prof. Miles Kimball von der Universität Michigan (jetzt Boulder) verweisend, fügte Kocherlakota hinzu: Die Tatsache, dass es momentan nicht mehr Investitionen gibt, rührt daher, dass Miles seine negativen Ertragsraten noch nicht erfolgreich im gesamten Finanzsystem verbreiten konnte."

Und Ben Bernanke ergänzte: "Es gibt tatsächlich Grund genug anzunehmen, dass, wenn die Zinsen ausreichend negativ sind, fast alles einen Ertrag bringt." - Danke für die Zustimmung, Ben Bernanke! Jetzt geht es um die Umsetzung!

Beate Bockting

 

Lesen Sie hierzu auch

die Medienkommentar "Fed wird bald eines Besseren belehrt" und

"Fed sollte Zinswende ganz abblasen!",

meine Kolumnen in der Frankfurter Rundschau,

sowie die Online-Veröffentlichung des Aufsatzes von Prof. Miles Kimball "Negativzinspolitik als konventionelle Geldpolitik". Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Negative Interest Rate Policy as Conventional Monetary Policy“in der englischsprachigen Zeitschrift „National InstituteEconomic Review“ (NIER) No. 234 / November 2015, S. R 5-R 14.

Die gesamte Konferenz des Hutchins Center ist im Internet dokumentiert, eine Zusammenfassung auf Deutsch findet sich in unserer Septemberausgabe der FAIRCONOMY:

http://www.brookings.edu/events/2016/06/06-negative-interest-rates-lessons-learned

 

 

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