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Marx' Krisentheorie verlangt nach Bargeldgebühr

Die ZEIT hat in der aktuellen Ausgabe Nr. 5 vom 26. Januar Karl Marx als Titelthema. Hans-Werner Sinn schreibt in seinem Beitrag "Marx' wahre Leistung" zu Marx' Krisentheorie: "Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate zu. ... Diese Marxsche Krisentheorie ist hochaktuell." - Aus INWO-Sicht verlangt sie zur Lösung nach einer Bargeldgebühr.

Die optimale Zinsstruktur nach Olah, Huth und Löhr

Die optimale Zinsstruktur nach Olah, Huth und Löhr

Marx' Krisentheorie werde heute in ähnlicher Form wieder von führenden Volkswirten vertreten, so von Carl Christian von Weizsäcker oder dem früheren US-Finanzminister Lawrence Summers, schreibt Sinn in seinem Beitrag. Beide Ökonomen argumentierten, dass die Menschheit schon zu viel investiert habe, sodass die rentablen Investitionsprojekte zur Neige gingen. Es werde nicht genug verdient, um mit dem sicheren Zins von null, den Bargeld biete, Schritt halten zu können. Deswegen drohten Investitionsstreik und Krise.

Während Weizsäcker und Summers fordern, dass der Staat in die Bresche springt, wollen andere Ökonomen, wie zum Beispiel der frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff, stattdessen das Bargeld abschaffen. Der Grund sei folgender: "Dann könnte man nämlich den Zins so stark negativ machen, dass die Investitionen im Vergleich dazu wieder rentabel würden."
Dabei übersieht Sinn, dass es zukünftig eben nicht mehr um die "Rentabilität" von Investitionen geht - was einen entscheidenden Unterschied macht. Bei Negativzinsen wird Geld selbst dann noch investiert, wenn keine Gewinne mehr zu erwarten sind. Anleger sind zukünftig wieder auf realwirtschaftliche Investoren angewiesen, um den Wert ihrer Geldvermögen bestmöglich zu erhalten - eine Leistung, für die sie dankbar sein dürfen und die ggf. sogar finanziell honoriert werden muss.

Weiter meint Sinn: "Solange es Bargeld gibt, kann der Zins freilich nicht stark negativ werden. Denn welche Bank würde ihr Geld zu negativen Zinsen - also mit Kosten für die Bank - an jemand anderen verleihen, wenn sie es einfach als Bargeld halten könnte und dann kaum Kosten hätte? ... Das Problem des EZB-Rates ist, dass er die Zinsen wegen der Existenz des Bargeldes nur bis zur Höhe der Tresorkosten in den negativen Bereich drücken kann. Geht er weiter, behalten die Sparer lieber ihr Geld als Barbestand."
Auch hier muss richtiggestellt werden: Es ist nicht die Existenz von Bargeld an sich, die negative Zinsen verhindert, sondern nur ein Bargeld ohne Haltekosten bzw. Nutzungsgebühr. Die INWO fordert deshalb seit langem eine solche Umlaufsicherung auf Bargeld, die Bargeldhortung unattraktiv macht und so effektive Negativzinsen ermöglicht.

Sinn fährt richtig fort: "Insbesondere große Anleger wie Banken und Versicherungen haben die Möglichkeit, Bargeld zu relativ niedrigen Tresorkosten zu halten. Sie wählen deshalb schon heute in gewaltigem Umfang genau diesen Weg, um den negativen Zinsen zu entkommen." Es gebe schon jetzt Banken, die mehr als zehn Milliarden Euro in bar lagerten. Die Hortung des Bargelds sei dem EZB-Rat ein Dorn im Auge und auch der Grund für die Abschaffung der 500-Euro-Scheine.

Diese Sinn'sche Problembeschreibung sieht der freiwirtschaftlichen recht ähnlich. Aber erst dadurch, dass sie zu Marx einige Dinge hinzufügt, die eher auf die Theorien von Silvio Gesell und John Maynard Keynes zurückgehen.

Aus freiwirtschaftlicher Sicht ist es allerdings nicht der Zins des Bargeldes (der bei null liegt), sondern vielmehr der "Urzins" im Sinne Gesells bzw. die „Liquiditätsprämie“ im Sinne von Keynes, die für Bargeld über null liegt, welche eine Hürde für alle Arten von Anlagen und Investitionen darstellt. Dieter Suhr hat dies als "Jokervorteil des Geldes" bezeichnet - und genau daran scheitert heute eine wirtschaftliche Erholung. Norbert Olah, Thomas Huth und Dirk Löhr haben zu diesem Thema diverse Artikel veröffentlicht, deren Argumentation ich hier nur kurz zusammenfasse:

Nach John Maynard Keynes ist jedem Vermögensgegenstand ein Eigenzinssatz zuzuordnen, in den neben dem Ertrag (z.B. Verzinsung) und den Durchhaltekosten (z.B. durch Inflation oder Abnutzung) auch die Liquiditätsprämie eingeht, die die Eignung des Vermögensobjekts zum Tausch beschreibt:

Eigenzinssatz = Ertrag – Durchhaltekosten + Liquiditätsprämie

Bei einer langfristigen Geldanlage wird die Liquidität aufgegeben (die Liquiditätsprämie entfällt somit) und der Anleger erhält einen Zinsertrag. Der Eigenzins reduziert sich (in Abwesenheit von Durchhaltekosten) auf den Zinsertrag:

Geldanlage: Eigenzinssatz = Nominalzinssatz

Bei der Geldhaltung bleibt dagegen neben dem Bargeldzins als Ertrag noch der positive Liquiditätsvorteil („Jokervorteil“) des Geldes:

Geldhaltung: Eigenzinssatz = Bargeldzinssatz + Liquiditätsprämie

Die ursprüngliche Liquiditätstheorie des Zinses begründet den Zinssatz aus der Liquiditätsprämie.

Olah, Huth und Löhr argumentieren weiter: Eine auf dieser Eigenzinsgleichung aufbauende Portfoliotheorie liefert im Gleichgewicht einen Ausgleich der Eigenzinssätze ganz in Analogie zum Ausgleich der Grenznutzen in der klassischen Haushaltstheorie. Nach dem Renditeausgleichstheorem wird das Vermögen so lange umgeschichtet bis im Gleichgewicht alle Eigenzinssätze aller Vermögensgegenstände gleich sind.

Um ein solches Gleichgewicht zwischen dem Eigenzins von Geldanlagen und dem von Bargeld herzustellen, muss die dem Bargeld eigene (immer positive) Liquiditätsprämie künstlich neutralisiert werden:

Nominalzinssatz = Bargeldzinssatz + Liquiditätsprämie

Dies gelingt durch einen (künstlichen) Bargeldzinssatz, der von 0 abweichen kann.

Durch die Hinzunahme eines Bargeldzinssatzes wird die Liquiditätsprämie mit der Zinsstruktur in Verbindung gebracht (siehe Grafik oben):

Zinsgefälle = Nominalzinssatz – Bargeldzinssatz = Liquiditätsprämie

Wenn die Liquiditätsprämie durch die "Jokereigenschaften" des Geldes gegeben ist und der Nominalzinssatz die Knappheit von Sachkapital anzeigt, dann sollte sich der Bargeldzinssatz so anpassen, dass ein Portfoliooptimum erreicht wird, auch wenn der Nominalzinssatz von der Liquiditätsprämie abweicht. Bei sinkenden Wachstumsraten und sinkenden Zinsen sollte der Bargeldzinssatz daher negativ und damit zu einer Liquiditätsgebühr werden. Ein Negativzins auf Bargeld bedeutet künstliche Durchhaltekosten für die Kassenhaltung und macht somit Geldhortung unattraktiv.

Liquiditätsgebühr = Liquiditätsprämie – Nominalzinssatz

Somit wäre auch die Lösung für Marx' Krisentheorie eine Bargeld- bzw. Liquiditätsgebühr.

 

Quellen:

Die Zeit, Ausgabe Nr. 5 vom 26. Januar 2017

http://www.hanswernersinn.de/de/ZEIT_26012017

http://www.leuphana.de/fileadmin/user_upload/Forschungseinrichtungen/ifvwl/WorkingPapers/wp_160_Upload.pdf

http://www.sozialwissenschaftliche-gesellschaft.de/files/tiny_templates/Discussion%20Papers/DP-01_Olah_Huth_Lohr.3.pdf

 

 

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