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Kapitalismuskritik und Freiwirtschaftslehre

Als Reaktion auf den Beitrag »Der Anfang vom Ende des Kapitalismus«, Telepolis 4.9.2015, stellt Meinhard Creydt die Frage »Wohin führt die „Freiwirtschaft“?« Der Autor gibt vor, „ökonomische Essentials“ zu erörtern, fängt aber schon im Vorwort mit ideologischen Unterstellungen an. Zum Ende seines Beitrags versucht er die Idee einer Geldgebühr durch das Argument zu diskreditieren, Silvio Gesell sei als Urvater der Idee vor 100 Jahren ein „fanatischer Befürworter von Konkurrenz und Wirtschaftswachstum“ gewesen.

Die Argumentation von Herrn Creydt zielt darauf ab, den Zinsertrag als leistungsloses Einkommen der Besitzenden für belanglos zu erklären. Die Milliarden an Zinserträgen werden als irrelevant definiert. Seine zentralen Thesen fußen auf der marxistischen Argumentation: Es gibt keine Überlegenheit des Geldes über Arbeit und Ware und die Ausbeutung entsteht da, wo Unternehmer Arbeiter beschäftigen.

Diesbezüglich ist es interessant, die Diskussionsforen zu den beiden Beiträgen zu verfolgen. Nach wie vor argumentieren die Anhänger der marxistischen Lehre überwiegend ideologisch. Es ist aber zu beobachten, dass die Beiträge zunehmend logisch, rational werden. In einem Dialog argumentiert ein Zinskritiker, dass die Unternehmer gerade durch Entlassungen die Arbeiter ausbeuten. An anderer Stelle wird argumentiert, dass ein Unternehmer 120 € pro Arbeitsstunde erhält, die ihn als Arbeitgeber letztlich nur 50 € kosten. Zwangsläufig kommt die Frage auf, warum sich viele Arbeiter und Angestellten nicht selbstständig machen beziehungsweise eine eigene Firma gründen. Und folgerichtig wird die Frage aufgeworfen, wer Zugriff zu Kapital hat und zu welchem Preis Kapital zu bekommen ist.

Der Versuch, der Sinnhaftigkeit einer Geldgebühr durch Verweise auf Silvio Gesell zu widersprechen, ist an dieser Stelle gründlich gescheitert. Ob dies seriös beabsichtigt war, kann angezweifelt werden. Der Autor bemüht den keineswegs repräsentativen Senf als aktuellen Vertreter der FWL anstatt sich auf den relevanten Autor Helmut Creutz zu beziehen. Auffallend ist auch das Fehlen von Fakten über Zinslasten und Zinserträge. Soll hier, wie es in der Diskussion erwähnt wird, das schöne Leben der Kapital-Rentiers, getarnt durch ein linkes Mäntelchen, verharmlost werden? Die Diskussionsforen zu den beiden Beiträgen sind lesenswert und bieten ein aktuelles Stimmungsbild der Jahrzehnte alten Debatte.

Klaus Willemsen, 7.9.2015

Verwendete Quelle:
Wohin führt die "Freiwirtschaftslehre"?
www.heise.de/tp/artikel/45/45720/1.html
Diskussionsforum: http://www.heise.de/tp/foren/S-Wohin-fuehrt-die-Freiwirtschaftslehre/forum-295711/list/
Der Anfang vom Ende des Kapitalismus
http://www.heise.de/tp/artikel/45/45882/1.html
Diskussionsforum: http://www.heise.de/tp/foren/S-Der-Anfang-vom-Ende-des-Kapitalismus/forum-295693/list/