• DE

»Kapitalismus absurd« überschreibt das Handelsblatt sein Titelthema

Absurd an dieser Geschichte über Strafzinsen für spekulative Geldhortung ist dabei jedoch vor allem die Summe der Unkorrektheiten, die sich die drei Wirtschaftsredakteure Elisabeth Atzler, Yasmin Osman und Joachim Hofer, sicherlich mit Rückendeckung der Chefredaktion, erlauben. Zu Recht sprechen sie von einem Tabubruch, den Josef Paul, Chef der Raiffeisenbank Gmund, begeht, weil er Geldbeträge über 100.000 Euro, die bei seiner Bank »geparkt« werden, mit einem »Strafzins« belegt. Doch im Folgenden scheinen sie beweisen zu wollen, dass sie den Paradigmenwechsel, der mit diesem Tabubruch einhergeht, noch nicht zur Kenntnis genommen haben; oder wollen sie ihn durch Nichtbeachtung verleugnen?

Quelle: Wikipedia

Die kleine Bank am Tegernsee wird zukünftig Giro- und Tagesgeldkonten ab 100.000 Euro mit 0,4 Prozent pro Jahr belasten. Dabei geht es um 40 Millionen Euro von 140 Kunden, die dieses Geld nicht ausgeben, nicht investieren und auch nicht als Termingeld anlegen wollen. Nicht die Ersparnisse, also Anlagen von drei oder sechs Monaten und schon gar nicht mit Laufzeiten von Jahren, werden herangezogen, sondern ausschließlich enorme Summen die aus spekulativen Gründen gehortet werden. Diese derzeit gravierende Form der spekulativen Geldhortung hat mit Sparern, insbesondere mit dem Zurücklegen von Geld für den späteren Konsum oder den Lebensabend, rein gar nichts zu tun. »Bisher hatte es keine Bank gewagt privaten Kunden Strafzinsen abzuknöpfen«, beginnen Atzler, Osman und Hofer ihren Beitrag (Handelsblatt 12./13./14. August 2016, S.6&7) und fahren fort: »doch jetzt prescht eine kleine Genossenschaftsbank vor«.  

So bitte nicht liebe Handelsblatt-Redaktion. Aus ihrem Artikel geht glaubhaft hervor, dass es der Bank nicht darum geht ihre privaten Kunden zu bestrafen. Auch soll ihnen nichts »abgeknöpft« werden. Das »Verwahrentgeld« ist ein ökonomischer Anreiz, das Geld auf ein Terminkonto umzubuchen oder anderweitig die Geldblockade, die der Bank und der Gesellschaft enorme Kosten beschert, aufzuheben. Die vorausgehende Aufklärung der Kunden, wie die Liquiditätskosten zu vermeiden sind, unterstreicht dies. Ihre Formulierung ist suggestiv und bewusst irreführend. Würden Sie ähnlich formulieren, wenn ein im Bus erwischter Schwarzfahrer für den fehlenden Fahrschein 60 Euro »berappen« muss und der Kontrolleur ihm diesen Betrag »abknöpft«?  

Weit ärgerlicher als dieser moralische Vauxpa ist jedoch folgende Passage: »Eigentlich will EZB-Chef Mario Draghi die Geldhäuser dazu zwingen, mehr Kredite zu vergeben. Doch stattdessen werden die Banken von Einlagen geflutet«. Der ganze Beitrag geht um die Problematik der viel zu großen, täglich fälligen Einlagen. Es geht darum, dass eine kleine Bank, die 40 Millionen Euro Tagesgeld verwalten muss, diese nicht oder nur zu hohen Kosten und einem sehr hohen Risiko langfristig ausleihen kann. Aus der Bilanz der Raiffeisenbank Gmund zitieren Sie, dass 115 Millionen Euro Einlagen 75 Millionen Euro an Krediten gegenüberstehen. Fällt dabei etwas auf? Welches Risiko es für eine kleine Bank bedeuten würde, 40 Millionen Euro täglich fälliger Einlagen als langfristige Kredite an örtliche Unternehmen zu vergeben ist Ihnen nicht mal eine Frage an den Vorstand wert.  

Die sogenannten »Strafzinsen« der Raiffeisenbank Gmund sind eine absolut sinnvolle Notwehrreaktion. Auf unseren weitgehend gesättigten Warenmärkten führt der permanente Kapitalüberhang zu sinkenden Kapitalmarktzinssätzen. In der Folge ist die Zinsstruktur soweit abgeflacht, dass es für die Geldhalter kaum noch lohnt, ihre überschüssige Liquidität längerfristig anzulegen. Da die Notenbank bisher auf Liquiditätsgebühren für Bargeld verzichtet, stockt der Geldkreislauf und die liquiden Bestände werden in absurder Weise ausgedehnt. Die Raiffeisenbank Gmund reagiert darauf mit dem einzig sinnvollen Mittel: Liquiditätskosten.  

Den Staatssekretär im Verbraucherministerium, Gerd Billen, zitieren sie mit den Worten »die Kundinnen und Kunden haben die Möglichkeit, den Strafzins zu akzeptieren oder qua Abstimmung mit den Füßen ihren Unmut deutlich zu machen«. Dieses und ähnliche Zitate suggerieren, dass die Interessen der Geldspekulanten die Interessen der Bürger seien. Dabei stellt die Liquiditäts- bzw. Geldgebühr, selbst ohne die Untergrenze von 100.000 Euro, als Waffe gegen die spekulative Hortung für den durchschnittlichen Bürger überhaupt keine Belastung dar. Ein durchschnittliches Giroguthaben von 1000 Euro würde den Kunden in Gmund lediglich vier Euro im Jahr kosten. Schon die jetzt von anderen Instituten beschlossenen Gebührenerhöhungen treffen jeden Kontobesitzer deutlich stärker.  

Sie weisen zu Recht darauf hin, dass Zinserträge und Zinsüberschüsse die wichtigste Einnahmequelle deutscher Kreditinstitute sind. Entscheidend ist dabei jedoch nicht die Höhe der Zinssätze sondern die Differenz zwischen Einlagen- und Kreditezinsen. Für die Anleger sind dabei selbst Zinsen von -0,25 % bei einer Inflation von 0,5 % günstiger als 2 % Zinsen bei einer Inflation von 3 %. Unsere überschuldeten Volkswirtschaften können sich deutlich steigende Zinsraten gar nicht mehr leisten. Der Markt rechtfertigt durch das Kapitalüberangebot keine positiven Realzinseinkommen mehr. Das ist der Paradigmenwechsel, den Sie als Wirtschaftsjournalisten beschreiben und diskutieren sollten.  

Ihre Überschrift »Angriff auf deutsche Sparer« ist eine provokante Lüge. Nirgendwo muss ein deutscher Sparer Negativzinsen für tatsächlich gespartes Geld zahlen. Diese Schlagzeile rechtfertigen sie lediglich dadurch, dass sie die Fristen von Geldanlagen ignorieren und die spekulative Hortung mit dem zeitlich befristeten zurücklegen von Geld, spricht der zeitlich befristeten Überlassung von Kaufkraft, gleichsetzen. Für eine Wirtschaftszeitung eine ungeheure Dummheit, die nur mit ideologischen Scheuklappen erklärbar ist.  

Was Sie beobachten ist nicht »Kapitalismus absurd«, wie Sie es formulieren, sondern der Übergang vom Kapitalismus zur vom Kapitalismus befreiten Marktwirtschaft. Diesen Unterschied darstellen zu können erwarte ich von einem Handelsblatt.  

Lesen Sie dazu bitte auch »Das Verwirrspiel geht weiter«, »Die Legende von der Enteignung unserer Sparer«, »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld« und »Geldpolitik voller Widersprüche«.  

Klaus Willemsen, 13. August 2016  

Verwendete Quellen:

Handelsblatt 12./13./14. August 2016, S.6&7

www.handelsblatt.com www.inwo.de/medienkommentare/das-verwirrspiel-geht-weiter/

www.inwo.de/medienkommentare/die-legende-von-der-enteignung-unserer-sparer/

www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/

www.inwo.de/medienkommentare/geldpolitik-voller-widersprueche/