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„Kapitalfehler“ - Das aktuelle Buch der Autoren von „Der größte Raubzug der Geschichte“

Matthias Weik und Marc Friedrich haben mit „Kapitalfehler“ ein locker formuliertes Werk mit einem hehren selbsterklärten Ziel verfasst: „am Ende aus verschiedenen Denkrichtungen und Schulen einen Leitfaden für eine nachhaltige und gesunde, den Menschen dienende Wirtschaft zu entwickeln.“

Matthias Weik und Marc Friedrich haben mit „Kapitalfehler“ (Eichborn-Verlag, 2016) ein locker formuliertes Werk mit einem hehren selbsterklärten Ziel verfasst: „am Ende aus verschiedenen Denkrichtungen und Schulen einen Leitfaden für eine nachhaltige und gesunde, den Menschen dienende Wirtschaft zu entwickeln.“[1]

Positiv fällt auf, dass sie einen breiten Überblick liefern und sich gleichzeitig eine starke eigene Meinung erlauben, durchaus häufiger im Widerspruch zur vorherrschenden ökonomischen Lehre. So beziehen sie sich im Kapitel über die Entstehung von Geld und von Marktwirtschaft auf den Anthropologen David Graeber und bezeichnen die offenbar gerne in gängigen Ökonomiebüchern wiedergegebene Erzählung Adam Smith's zur Frühgeschichte des menschlichen Handels als „Märchen“[2]. Die Autoren wenden sich eher an das breite Publikum, was nach dem Erfolg ihres SPIEGEL-Bestsellers „Der größte Raubzug der Geschichte“ nur logisch ist. So erklären sie auch Grundlagen, sofern diese dem breiten Publikum eher unbekannt sein dürften, da die Medien oft einen ganz anderen Eindruck erwecken: „Die Schulden der Einen sind die Ersparnisse der Anderen“[3] und „Wer sich einen realistischen Blick von der wirtschaftlichen Lage eines Landes verschaffen will, muss die Gesamtverschuldung in Augenschein nehmen… die Schulden des Staates, der Unternehmen und der Privathaushalte“[4].

Weik und Friedrich bekennen sich selbst als „Befürworter des Ordoliberalismus“[5]. Sie wollen über eine längere historische Rückschau Erkenntnisse für ein besseres Wirtschaftssystem gewinnen. Ihre Beobachtung ist, dass der Kapitalismus periodisch in Krisen gerät. Hierbei sehen sie ursächlich „»lange Wellen der Konjunktur«, hinter denen Aufstieg und Niedergang großer technischer, infrastruktureller und organisatorischer »Basisinnovationen« wirken“[6]. Der Niedergang sei gekennzeichnet vom „Rückgang der Rentabilität von Unternehmen, von ganzen Branchen, bisweilen sogar von ganzen Volkswirtschaften“[7]. In einer Fußnote weisen die Autoren hier darauf hin, dass Marxisten mit dem „tendenziellen Fall der Profitrate“ das gleiche Phänomen beschrieben, man aber von Rentabilität statt von Profit sprechen solle, wenn man sich nicht selbst als Marxist „outen“ wolle. Sie schreiben, sie wollen sich „nicht orthodox an jenes »Gesetz« klammern“[8], sehen aber neben dem periodischen Niedergang auch eine wiederholtes Übergehen des quasi gesunden Realkapitalismus in den (selbst-)zerstörerischen Finanzkapitalismus[9]. Investitionen in der Realwirtschaft seien „nur rentabel bei »stabilen und unter der Wachstumsrate liegenden Zinssätzen«“[10]. Leider bleiben die Wirtschafts-Autoren an dieser Schlüsselstelle ihrer Zunft treu und wollen das Problem mit „nachhaltigem Wirtschaftswachstum“[11] anstelle von dauerhaft niedrigen Zinssätzen lösen. Was soll das überhaupt sein, „nachhaltiges Wachstum“? Wie nachhaltig ist es, jedes Jahr z.B. fünf Prozent mehr zu produzieren, mithin etwa alle 14 Jahre die Wirtschaftsleistung zu verdoppeln? Auch negieren die Autoren die inhärente Tendenz unseres Geld- und Wirtschaftssystems, die Reichen reicher zu machen. Sie schreiben jeder Unternehmer wüsste, dass das Risiko, mit seinen Ideen, Produkten oder Dienstleistungen Verluste zu machen, „mindestens so hoch wie die Aussicht auf Gewinn“[12] sei. Markus Pühringer dagegen konstatiert in „Im Bann des Geldes“, dass sich „im kapitalistischen Casino“ ein „positiver Erwartungswert gebildet“ habe: in der Summe vermehre sich das investierte Kapital Jahr für Jahr „um ein paar Prozent“[13]. Laut den Autoren sei die letzte Krise durch „viel zu niedrige Zinsen und damit durch viel zu viel billiges Geld entstanden“[14]. Wir bei der INWO sagen dagegen, dass (neben der zunehmend ungleichen Vermögensverteilung) ein Hauptgrund für die Krise die zu flache Zinsstruktur ist, also der zu geringe Unterschied zwischen den Zinsen für kurz- und für langfristige Geldanlagen. Eine Korrektur sollte aber nicht am 'langen' Ende, sondern bei den kurzfristigen Anlagen und den liquiden Mitteln passieren – was die EZB mit den Negativzinsen auf Zentralbankgeld immerhin eingeleitet hat.

Diese Fehler in der Diagnose führen zumindest teilweise zu falschen Empfehlungen und Erwartungen. Der Euro solle aufgelöst und stattdessen nationale Währungen nach einem„neuen Bretton-Woods-Verfahren“ eingeführt werden[15]. Die Autoren übersehen dabei, dass dieses Verfahren fester Wechselkurse mit dem US-Dollar als (goldgedecktem) Anker nur wegen des kriegsschädenbedingt außerordentlich hohen und langanhaltenden Wirtschaftswachstums überhaupt einige Zeit funktionieren konnte. Staaten sollen pleite gehen können, fordern sie – was in der jetzigen Welt mit stets positiven Zinsen ab einer bestimmten Schuldenquote in Fremdwährung durchaus sinnvoll ist. Gäbe es dank Freigeld diese Zinslast nicht, wären für einen Staat dagegen beliebig hohe Schulden trag- und, falls überhaupt gewünscht, langfristig auch abbaubar. Durch die Verfügungsgewalt über Land und Steuersubjekte hat jeder Staat schließlich dauerhaft Einnahmen. Dass die von den Autoren angedachte Einführung eines Vollgeldsystems oder die Abschaffung aller privaten Banken[16] den Krisen ein Ende setzen und stattdessen den Wohlstand steigern und seine Verteilung verbessern würden, darf zumindest bezweifelt werden. Helmut Creutz z.B. betont, dass nicht die Banken, sondern die Vermögen das Problem sind[17].

Aus freiwirtschaftlicher Sicht zu begrüßen ist dagegen die Vehemenz, mit der die Autoren unterstreichen, dass Arbeit, Boden und Geld „ganz offensichtlich keine Waren“[18] sind . Auch die Klarheit in Bezug auf die Notwendigkeit der nicht-profitorientierten Bereitstellung von Infrastruktur[19] würde man sich an anderer Stelle, zum Beispiel im Bundestag, genau so wünschen. Als Mittel gegen die beklagten Steuervermeidungsmöglichkeiten der internationalen Großkonzerne, die die Infrastruktur damit nahezu kostenlos nutzen, fordern die Autoren hauptsächlich, „die Steueroasen vom internationalen Zahlungsverkehr ab[zu]schneiden“[20] statt die naheliegende Variante der Boden- und Ressourcenbesteuerung zu wählen, der sich kein Boden und Infrastruktur nutzender Konzern entziehen könnte.

Die Autoren schreiben selbst, dass die Realwirtschaft „niedrige Zinssätze“ brauche[21], kritisieren aber aufs schärfste die Nullzinspolitik der EZB, die Europas Bürger „enteignet“[22]. Was hat es eigentlich mit Enteignung zu tun, wenn man keine Zinsen für sein Geld bekommt? Und wer hat durch die Niedrigzinsen mehr „entgangene Einnahmen“, diejenigen, die von Arbeitseinkommen leben, oder die wenigen Reichen, die überwiegend Kapitaleinkommen beziehen?

Trotz einiger Widersprüche und der geforderten Maßnahmen, die letztlich nicht das propagierte Ziel „alle sollen vom Wohlstand profitieren, nicht nur eine kleine Elite“ erreichen dürften, ist das Buch voll von interessanten Fakten und Verweisen und enthält einige provokante Thesen. Zur guten Lesbarkeit tragen außerdem die sparsam eingesetzten „Schmuck-Zitate“ zum Beispiel von Johannes Rau[23], Kurt Tucholsky[24] und Oscar Wilde[25] bei.

1 S. 87

2 S. 234

3 S. 266

4 S. 261, Kapitel „Schuldknechtschaft für alle“

5 S. 229

6 S. 159

7 S. 164

8 S. 168

9 S. 170, Real- und Finanzkapitalismus mit Bezug auf Stephan Schulmeister

10 S. 171

11 S. 41

12 S. 162

13 Markus Pühringer, Im Bann des Geldes - Anleitung zur Überwindung des Kapitalisums, 2013

14 S. 277

15 S. 308

16 S. 313

17 INWO-Standpunkt „Banken in die Schranken?“

18 S. 253, in einem Zitat von Karl Polanyi

19 S. 222 „Straßen, Schienennetz, öffentlicher Fern- und Nahverkehr, Wasser/Strom und Wasserstraßen“

20 S. 288

21 S. 171 vielleicht weniger die eigene Meinung, sondern die von Schumpeter?

22 S. 307

23 S. 233: Wer glaubt, das ganze Leben bestehe nur aus Marktbeziehungen, der kennt letztlich von allem den Preis und von nichts mehr den Wert.

24 S. 261: Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung.

25 S. 318: Mit 90% der Menschen nicht übereinzustimmen, ist eines der wichtigsten Anzeichen für geistige Gesundheit.

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