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Handelsblatt bringt Leser zur Verzweiflung

Die Niedrigzinsen bringen viele Sparer zur Verzweiflung, behauptet das HANDELSBLATT. In einem schamlos unkritischen Beitrag berichtet Katharina Schneider über die Erfolge so genannter Zinsportale. Eine Werbeanzeige wäre kaum anders formuliert worden.

Rund zwei Billionen Euro parken deutsche Anleger derzeit auf Tages- und Festgeldkonten und verzichten damit auf Zinsen, Dividenden und andere Ertragsmöglichkeiten. Ein kleiner, aber schnell anwachsender Teil dieses Vermögens wird derzeit über Zinsportale junger Finanz-Technologie-Unternehmen ins Ausland vermittelt. Vorbei an den klassischen Finanzdienstleistern werden Anlagen an ausländische Banken vermittelt, die aufgrund ihrer riskanten Geschäftsbilanzen höhere Zinsen bieten müssen.

Der ausführliche Handelsblatt-Beitrag vermeidet es, die Ursachen und Hintergründe der Zinsdifferenzen darzustellen. Unerwähnt bleibt u.A., dass es einen Unterschied macht, ob ein Privatmann seine Ersparnisse optimieren will oder ein Vermögensverwalter einen kleinen Teil seines Portfolios mit hohem Risiko anlegt. Im Artikel heißt es dazu lediglich: »Max Herbst, Chef der FMH-Finanzberatung, hält die Angebote von Zinsportalen schon jetzt für eine sinnvolle Alternative zu den Offerten der Hausbanken. ›Sie haben sich mittlerweile etabliert und zu vertrauenswürdigen Anbietern entwickelt‹, so Herbst.« Die Zuverlässlichkeit der Einlagensicherung wird mit einem lapidaren Satz abgetan und Wechselkursrisiken werden gar nicht erwähnt. Auch die grundsätzliche und für die Höhe der Zinssätze wesentliche Frage der Laufzeiten wird nicht reflektiert. Lediglich sehr kritische Leser werden über den Satz stolpern: »Bei kurzen Laufzeiten von zwei bis drei Jahren habe ich aber keine Sorge«. Es stünde dem Handelsblatt und Frau Schneider gut an, etwas mehr auf die Hintergründe und Risiken einzugehen. Schließlich ist der Beitrag für private Leser und nicht in erster Linie für Profianleger geschrieben.

Interessant zu erfahren wäre beispielsweise, wie die Redaktion ihre wiederholt geäußerte Behauptung begründet, »die Niedrigzinsen bringe viele Sparer zur Verzweiflung«. Umfragen unter Sparern belegen dies nicht und auch das Anlageverhalten belegt eher eine offenkundige Gleichgültigkeit. Hohe Zinsen gibt es in der Regel für langfristige Anlagen und bei hohen Risiken oder bei entsprechend hohen Inflationsraten. Hohe Realzinsen bei sehr kurzen Laufzeiten kann es am Markt nur geben, wenn die Nachfrage nach Investitionsgütern größer wird, als durch das vorhandene Finanzkapital befriedigt werden kann. Ein Szenario, das ohne Krieg und massive Zerstörungen in den Industrieländern nicht mehr auftreten wird.

Es ist ziemlich witzlos über Zinserträge zu schreiben, ohne zwischen Nominal- und Realzinssätzen zu differenzieren, wie es derzeit nicht selten geschieht. Diese Art der oberflächlichen Berichterstattung ist dazu geeignet, insbesondere anspruchsvolle Leser zur Verzweiflung bringen. Lesen Sie dazu bitte auch »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld« und »Wann gibt's mal wieder richtig Zinsen?«

Klaus Willemsen, 17.08.2017

Verwendete Quellen:

www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/vier-milliarden-fuer-weltsparen-vorteile-fuer-die-kunden/20199116-2.html

www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/

www.inwo.de/medienkommentare/wann-gibt-s-mal-wieder-richtig-zinsen/

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