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Friedenspreis-Trägerin Tsitsi Dangarembga: Profit ist ein Trugschluss

Am 24.10. erhielt die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In ihrer tief beeindruckenden Dankesrede plädiert sie für eine neue Aufklärung, um uns aus alten Denkmustern zu befreien, die unsere Welt nicht gerettet haben.

Am Beispiel ihres eigenen Landes Simbabwe (früheres Rhodesien) machte sie deutlich, wie das „aufgeklärte“ westliche Denken im Zuge der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents der dortigen Bevölkerung ihren menschlichen Wert aberkannte:
„Da jemand, der ‚Ich denke, also bin ich‘ denkt, sich selbst als Mensch betrachtet, wird jemand anders, der anders denkt, als nicht wie ich oder nicht als Mensch wahrgenommen.“ Dieser Mechanismus der differenziellen Zuschreibung von Menschlichkeit ist für einen Großteil der Gewalt verantwortlich, mit der die Menschen einander heimsuchen, meint Dangarembga.

Neue Aufklärung wird gebraucht

Physische, psychologische, politische, ökonomische, metaphysische und genozidale Gewalt sei in die Strukturen der globalen Ordnung, in der wir leben, integriert. Sie wurzele in den Strukturen des westlichen Imperiums. „Das heißt, dass der Westen mit all seiner Technologie, seinen Überzeugungen und seiner Praxis auf vielfachen weiterhin praktizierten Formen der Gewalt aufgebaut ist, die er in den Rest der Welt exportiert hat“, konfrontiert uns die Friedenspreis-Trägerin mit ungeschönten Worten. Ihr gehe es darum zu sagen, „dass die Aufklärung der vergangenen Jahrhunderte abgelaufen ist und wir alle auf diesem Planeten heute dringend eine neue Aufklärung brauchen.“

Hierarchische Denkweisen überwinden

Die gewaltsame Weltordnung, in der wir heute leben, sei durch hierarchische Denkweisen etabliert worden. Die Lösung besteht laut Dangarembga darin, diese hierarchischen Denkweisen abzuschaffen, die auf demografischen Merkmalen wie sozialem und biologischem Geschlecht, Religion, Nationalität, Klassenzugehörigkeit und jedweden anderen Merkmalen beruhen.
Global fließe immer noch viel Geld in Disziplinen wie Marketing, Betriebswirtschaft und Politik, in denen gelehrt werde, eine Zielgruppe zu definieren, indem man eine Population anhand einer Reihe demografischer Merkmale segmentiere. Die Bedürfnisse dieser Population würden dann manipuliert, nicht um das Wohl der betroffenen Personen oder eine Verbreitung des Friedens zu fördern, sondern „etwas zu maximieren, das wir Profit nennen“. Dies könne finanzieller, politischer, sozialer oder anders gearteter Profit sein.

Profit hinterfragen

„Doch diese Sache, die wir Profit nennen, gibt es nicht“, meint Dangarembga. „In absoluten Begriffen ist das Konzept des Profits ein Trugschluss. In menschlicher Hinsicht und in der Welt, in der wir physisch leben, sind Ereignisse und Dinge in Zeit und Raum verortet. Wert, der zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort erscheint, ist der Wert, der aus einer anderen Zeit und von einem anderen Ort abgezogen wurde. Ein System, das auf Profit basiert, darauf, mehr zu erhalten, als man gibt, ist ein System der Ausbeutung. Ein System, das einerseits Konzentration und andererseits ein Defizit erzeugt, ist ein System des Ungleichgewichts. So ein System ist notwendigerweise instabil und deshalb auch nicht nachhaltig.“

Stabiles Wirtschaftssystem als Grundlage für Frieden

Beim Hören von Tsitsi Dangarembgas Rede musste ich an den englischen Ökonomen John Atkinson Hobson denken, der 1899 vom Manchester Guardian als Korrespondent nach Südafrika geschickt wurde, um über den Zweiten Burenkrieg zu berichten. Dort kam er zu der Einsicht, dass der Imperialismus eine Folge des modernen Kapitalismus und seines systemimmanenten Expansionsstrebens sei. 1902 veröffentlichte er daraufhin seine Studie „Imperialism“.

John Atkinson Hobson war wie Silvio Gesell ein wichtiger Vordenker für John Maynard Keynes. Beide hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, dass die Profite der einen zulasten der Einkommen der anderen gehen und damit ein zutiefst ungerechtes und instabiles System erzeugen. Nachdem Silvio Gesell nach dem Ersten Weltkrieg die Idee einer Internationalen Valuta-Assoziation als Ausgleichsmechanismus für den internationalen Handel publiziert hatte, entwickelte Keynes während des Zweiten Weltkriegs den "Bancor"-Plan. Leider konnte er sich damit in Bretton Woods, wo 1944 das internationale Währungssystem der Nachkriegszeit verhandelt wurde, nicht durchsetzen. Damals wurde eine Chance vertan, eine Weltwirtschaft zu etablieren, in der sich alle Menschen als Freie und Gleiche begegnen könnten und das koloniale Nord-Süd-Gefälle nach und nach eingeebt werden könnte.

„Wie ist es möglich, dass wir in ein instabiles, nicht nachhaltiges System investieren, das uns zwangsläufig in den Untergang führt?“, fragt uns daher heute noch bzw. wieder die Friedenspreis-Trägerin Tsitsi Dangarembga. Überkommene ökonomische Glaubenssätze sollten hinterfragt werden. Es gibt kein unendliches Wachstum und unendliche Profite in einer endlichen realen Welt; diese gibt es nur in der Mathematik, wo exponentielles Wachtum theoretisch endlos weitergehen kann. Eine nachhaltige Ökonomie muss jedoch wieder geerdet werden und einen fairen Austausch ermöglichen, innerhalb der Grenzen, die die Natur uns setzt. Menschenwürde, Chancengleichheit, Gerechtigkeit brauchen eine reale und stabile ökonomische Basis. 

Unsere Entscheidung, was und wie wir denken - nicht nur in ökonomischer, aber auch in ökonomischer Hinsicht - ist letztlich eine Entscheidung zwischen Gewalt oder Frieden.

 
Quellen:

Rede von Tsitsi Dangarembga: https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/alle-preistraeger-seit-1950/2020-2029/tsitsi-dangarembga

J.A. Hobson: Imperialism – a Study: https://oll.libertyfund.org/title/hobson-imperialism-a-study#preview

Silvio Gesell: Natural Economic Order: https://www.silvio-gesell.de/the-natural-economic-order.html