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Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft - Ein Ausflug durch das Ausgeblendete | Teil 2

Teil 2 der umfangreicheren, dennoch knapp, interessant und allgemein verständlich geschriebenen Einführung.

Teil 1

11 Die Abdiskontierung der Zukunft49

Der Zinseszinseffekt funktioniert auch umgekehrt. Genauso wie eine bestimmte Einnahme heute "mehr wert" ist, als in einem Jahr (da sie zwischenzeitlich verzinslich angelegt werden kann), so ist auch eine bestimmte Ausgabe heute eine größere Last als in einem Jahr (da auch der nicht ausgegebene Betrag verzinslich angelegt werden kann bzw. nicht finanziert werden muß). Der Verdoppelung eines Betrages durch den Zinseszinseffekt entspricht die Halbierung einer Last auf der Ausgabenseite.

Das klingt wahrscheinlich etwas realitätsfern. Dem kann abgeholfen werden, indem man einmal kurz versucht, die mutmaßlichen Gedankengänge eines Politikers nachzuvollziehen, der vor der Entscheidung steht, heute eine Umweltschutzmaßnahme für 1 Mio. mit 7,2% zu finanzieren oder sie noch 10 Jahre aufzuschieben (falls er dann noch im Amt ist). Die Finanzierungskosten belaufen sich aufgeschuldet über 10 Jahre auf genau den gleichen Betrag, wie die Maßnahme selbst. Die Gesamtkosten betragen also 2 Mio., wenn die Maßnahme heute durchgeführt und in 10 Jahren finanziell abgewickelt wird. Sie betragen nur 1 Mio. bei einer Verschiebung der Maßnahme um 10 Jahre, also die Hälfte. Falls die Maßnahme aus Eigenmitteln bestritten wird, ist die Lage trotzdem nicht anders, denn die zwischenzeitlichen Zinseinkünfte verringern die spätere Belastung.

Die Argumentation ist in solchen Fällen immer die gleiche: heute sind die Kassen leer, außerdem gibt es wichtigeres; Investitionen in die Zukunft sind nur möglich, wenn sie sich rentieren; erst brauchen wir Wachstum, dann können wir die Natur vor unserem Wachstum schützen oder ähnliches. Dabei bemerkt leider kaum jemand, daß sich die Situation niemals ändert und unter den gegebenen Bedingungen auch nicht ändern kann. Es bleibt in einer Zinswirtschaft immer lohnend, Kosten auf später zu schieben.

Die Abdiskontierung greift aber nicht nur bei Kosten, sondern auch bei Investitionen. Ein qualitativ hochwertiges Investitionsgut (sagen wir mal, eine Maschine) mit einer hohen Lebensdauer und einem hohen Preis hat verglichen mit der Billigausführung, die nur die Hälfte kostet und nach der halben Zeit ersetzt werden muß, eklatante Nachteile. Schund ist einfach rentabler.

Der Verfasser möchte sich zu der Aussage hinreißen lassen, daß dem exponentiellen Wachstum der Geldvermögen folglich eine logarithmische Abwertung der realen Zukunft gegenübersteht. Damit ist es auch kein Problem mehr, Kosten auf spätere Generationen abzuwälzen, denn abdiskontiert bleibt ja kaum noch etwas übrig!

Das soll nicht heißen, daß irgend jemand bewußt Zahlungsreihen bis ins Jahr 2100 aufstellt, um die heutigen Umweltschäden schön zu rechnen. Viele Leute haben ja schon enorme Mühe, sich überhaupt an diese sonderbare Systematik anzupassen und sind sehr froh, wenn sie es nach vielen Jahren Schule, Ausbildung, Studium etc. endlich geschafft haben, sich in der Zinswirtschaft wirtschaftlich zurecht zu finden. Die Ursachen vieler Notwendigkeiten bleiben natürlich oft im Dunkeln. Außerdem spielen bei der Problematik der Kostenabwälzung auf später sicherlich eine Menge psychologischer Motive und die leidige Bequemlichkeit mit hinein. Was hier nur gezeigt werden sollte ist die bedauerliche Tatsache, daß über unsere Geldordnung nicht nur eine relative Knappheit des Kapitals (trotz allen Wirtschaftswachstums) und eine Auseinanderentwicklung der Einkommen festgelegt ist, sondern auch eine systematische Abwertung der Zukunft.

"Ein positiver Zinssatz bedeutet nämlich das Signal: ,"Es herrscht Knappheit, es geht euch schlecht. Schaut, daß ihr diese Knappheit in einer Kraftanstrengung beseitigt. Vorübergehend dürft ihr das sogar auf Kosten künftiger Generationen." Aber eben nur vorübergehend. So weise die allokative Wirkung dieses Marktsignals ist, so fatal wirkt es im Zusammenhang mit dem kapitalistischen Zinsmechanismus: Über die Liquiditätsprämie des Geldes wird der Zins perpetuiert - damit auch das Knappheitssignal und eine positive "soziale Diskontrate". Daher wird nicht nur vorübergehend auf Kosten künftiger Generationen gelebt, sondern andauernd. Dieses Opfer künftiger Generationen macht noch nicht einmal Sinn, da die Knappheit im Kapitalismus nicht beseitigt werden kann."50

12 Liquidität und Sicherheit

Die Liquiditätsprämie kann als der Vorteil der Versicherung gegen die Unsicherheit aufgefaßt werden. Ihre Existenz setzt folglich voraus, daß die Welt unsicher ist. In diesem Sinn gibt die Liquiditätsprämie auch einem professionellen Anleger oder Spekulanten die Möglichkeit, schnell auf Renditeschwankungen reagieren zu können (die im Voraus unsicher sind) und somit gewinnmaximierend zu handeln, wobei ersichtlich wird, daß sich die zuvor "virtuelle" Liquiditätsprämie eben doch ,"hintenrum" als meßbarer Ertrag auswirken kann. Das weiß der Anleger bzw. Spekulant natürlich und bleibt bei niedrigen Zinsen lieber liquide (traditionell: er "hortet" Geld).

Aber auch allgemein betrachtet wird die Unsicherheit (Sozial- und Rechtsstaat hin oder her) niemals ganz verschwinden, weshalb es auch immer eine Liquiditätsprämie geben wird. Es bleibt für den Einzelnen immer sinnvoll, sich mittels Liquidität gegen die "Restunsicherheit" abzusichern, solange die Möglichkeit dazu besteht. Dennoch ist die Höhe der Liquiditätsprämie keine feststehende Größe, da sie von vielen Rahmenbedingungen51 abhängig ist, insbesondere von der Sicherheit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeldes im weitesten Sinn, also von dem Vertrauen in die Stabilität der Währung, von der Verläßlichkeit des Rechtssystems usw.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang aber: die Liquiditätsprämie ist und bleibt immer positiv52.

Die Versicherung der individuellen Unsicherheit mittels Liquidität bedeutet letztlich, diese Unsicherheit auf die Gesellschaft abzuwälzen. Die Sicherheit des Anlegers und die erhöhte kollektive Unsicherheit haben ihre Ursache gleichermaßen in der äußerst flexiblen bzw. "zweckentfremdeten" (Nicht-) Verwendung der Liquidität. Die konkreten Auswirkungen der steigenden kollektiven Unsicherheit wurden bereits in den Abschnitten 1 und 2 behandelt. Es kommt zu deflationären Einbrüchen auf der einen, inflationären Schüben auf der anderen Seite, zu einem dauerhaft erhöhten Zinsniveau mit zunehmender Kapitalkonzentration in immer weniger Händen und ganz allgemein zu dem wiederkehrenden Wechsel zwischen Aufschwung und Rezession, wobei sich letztere langfristig verschärfen bis schließlich die sozialen Probleme eskalieren und/oder der finanzielle Überbau kollabiert.

Unter den gegebenen Verhältnissen führt das individuelle Streben nach größtmöglicher Sicherheit zwangsläufig zu steigender kollektiver Unsicherheit. Wir stecken hier in einem "Gefangenendilemma"53. Die kollektive Unsicherheit wird unter den Bedingungen einer nicht neutralen Liquidität54 also auf hohem und steigendem Niveau aufrecht erhalten.

Weite Teile der Geschichte können in dieser Hinsicht als ein Kampf der Menschen gegen die Unsicherheit verstanden werden, ohne das Geld, welches die allgemeine Unsicherheit erhöht, daran anzupassen. Gemeint sind hier z.B. Menschenrechte, Verfassungen, Demokratien, Gewaltenteilung usw.. Zweifellos sind ja die Sicherheit, die Freiheit, die Produktivität sowie die Bedarfsdeckung durch diese Errungenschaften gestiegen und die Unsicherheit sowie das Zinsniveau gesunken. Nur eben nie nachhaltig und auch nie über respektive unter bestimmte Grenzen.

Es ist nun hoffentlich klarer geworden, weshalb in diesem Aufsatz soviel Gewicht auf das Geld gelegt wird. Die realwirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aspekte der Sicherheit sollen hierdurch nicht als unwichtig beiseite geschoben werden. Es ist nur so, daß das Geld als liquideste Position auch diejenige ist, an der man am wirkungsvollsten ansetzen kann (und auch ansetzen muß, soll die steigende kollektive Unsicherheit in Form von wirtschaftlichen und sozialen Problemen nicht erneut katastrophal durchschlagen).

13 Die Projektion des Ewigen und Unendlichen55

Das Geld hat längst die Eigenschaften eines starken Suchtmittels angenommen. Gesamtwirtschaftlich bedingt die Zinsproblematik vor allem eine Notwendigkeit: die Dosis muß steigen. Die Vehikel zur Steigerung der Dosis sind das Wirtschaftswachstum oder, im fortgeschrittenen Stadium, die Inflation56. Fallen diese Vehikel aus, so kommt es zu Entzugserscheinungen in Form einer Verarmung von Bevölkerungsteilen oder, bei einer restlosen Hingabe an das Mittel der Inflation, zu einem Gesamtzusammenbruch.

Als liquider Vermögensgegenstand und Spekulationsobjekt verliert das Geld seinen Bezug zur realen Welt57. Die durchaus sinnvolle Eigenschaft als Tauschmittel für reale Güter und Leistungen wird zunehmend usurpiert von der steigenden Bedeutung als Mittel zur Kumulation von Macht. Diese Macht unterliegt keinem "sinkenden Grenznutzen"; die Macht ist über den Zinseszinsmechanismus ohne Aufwand grenzenlos steigerbar. So haftet dem Geld der Nimbus des Ewigen und Unendlichen an. Es ist der Welt entrückt und bietet sich an als Projektionsfläche für unterdrückte Ängste und Sehnsüchte.

Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn der gesamtwirtschaftliche Suchtcharakter des Geldes auf das Individuum abfärbt. Man benötigt auch keine besondere Sensibilität, um zu bemerken, daß das Geld längst verabsolutiert und zum Fetisch erhoben wurde.

"Die Verabsolutierung von Werten und Dingen führt in Wirklichkeit zu ihrer Vernichtung. Das heißt, daß die Verabsolutierung der Werte immer einen Fetisch projiziert, der dann für die Wirklichkeit gehalten wird. So schafft sich der Mensch einen Fetisch, um sich in Wirklichkeit von ihm abhängig zu machen, ohne dies zu bemerken. ... Obwohl es keiner wahrhaben will, regiert die Magie unser gesamtes modernes Wirtschaftsleben, denn dieses beruht auf dem Widerspruch, daß grenzenloses Wachstum in einer begrenzten Welt geschieht. Dies aber ist nur möglich durch die Verabsolutierung des Geldes, das durch magische Wirkung sich selbst vermehrt."58

Das soll nun wiederum nicht heißen, daß der Zins die einzige Ursache für Projektionen (in wirtschaftlichen Zusammenhängen) darstellt. Es soll aber heißen, daß diese Form der Projektion in einer Zinswirtschaft ausgesprochen nahe liegt, sich geradezu aufdrängt und die bestehenden Verhältnisse stabilisiert.

14 Die fetten Jahre sind vorbei: sukzessive Dekompensation

Offensichtlich bekommt unsere Gesellschaft seit einiger Zeit Probleme mit dem zinsbedingten Umverteilungsmechanismus. Wie geht es nun weiter? Neben eher psychologischen Verabsolutierungen gibt es noch einige systematische Abläufe, mit denen sich die Zinswirtschaft - vorerst - stabilisiert.

Zuallererst ist da natürlich das Wirtschaftswachstum, hervorgerufen durch die Zusatzinvestitionen, mit denen die "gesparten" Zinseinkünfte in die Wirtschaft zurückgeführt werden können (bzw. müssen). Außerdem gestattet das Wachstum die Zahlung der gestiegenen Zinslasten ohne daß es zu Einkommensverluste bei den Arbeitenden kommt (vorausgesetzt, das Wachstum war groß genug, was aber immer seltener der Fall ist).

Mit dem Wirtschaftswachstum wird aber auch die marktwirtschaftliche Seite unseres markt- /zinswirtschaftlichen Zwitters aktiv. Die Wirtschaft tendiert zur Bedarfsdeckung, und die Renditen des Sachkapitals sinken. Wenn sie unter das Zinsniveau sinken, ist das Sachkapital (teilweise) nicht mehr rentabel, wodurch es zu einer Rezession kommt. Irgendwann sinkt die Rendite zwangsläufig unter den Zins, da der Zins eine untere Grenze nie unterschreiten kann.

Mit jeder Rezession geht eine Vernichtung von Sachkapital (Konkurse, Liquidierung von Betrieben, Unterlassung von Investitionen) und eine Vernichtung von Arbeitsplätzen einher. Die Renditen steigen wieder etwas, Investitionen werden wieder rentabel, die Produktion wird kapitalintensiver, und die Verschuldung des Sachkapitals nimmt zu. Auf der Strecke bleibt dabei allerdings die Beschäftigung, die bei jeder Rezession abgebaut und beim folgenden Aufschwung durch kapitalintensivere Produktionsmethoden substituiert wird. Die Rezessionen sind also nicht als Verfallserscheinung des Kapitalismus zu betrachten, sondern - im Gegenteil - als ein Stabilisator der notwendigen (relativen) Knappheit, ohne die Zinsen und Renditen nicht dauerhaft möglich wären.

Dem Sozialsystem obliegt die Aufgabe, die zunehmenden sozialen Disparitäten durch "Zurückverteilung" auszugleichen, allerdings auch wieder auf Kosten der verbleibenden Arbeitenden59. Es wird von unten nach ganz unten zurück verteilt, um die systemimmanente Konzentration nach oben halbwegs erträglich zu gestalten.

Eine andere, im finanziellen Bereich angesiedelte auffällige Erscheinung ist die Aktien- und Devisenspekulation60. Darüber ist es möglich, die Vorteile der Liquidität direkt in Erträge umzuwandeln, solange die Kurse (beim Aktienmarkt) tendenziell steigen. Diese steigen aber nur zum Teil aufgrund einer realen Wertsteigerung der Firmen, die die Aktien emittiert haben. Der mittlerweile größere Anteil der Kursgewinne stammt schlicht aus der Tatsache, daß immer mehr Geld in den spekulativen Bereich einfließt und die gestiegene Nachfrage die Kurse anheizt. Der Aktienboom der letzten Jahre kann daher teilweise als inflationärer Prozeß gedeutet werden, als eine Art Schneeballsystem, mit dem sich das Geld selbsttätig Seifenblasen-Renditen produziert, solange die Zinsen niedrig sind. Das Problem liegt allerdings nicht darin, daß mehr Leute in Aktien investieren, sondern darin, daß zur Spekulation große Geldbestände liquide gehalten werden müssen und dadurch der Realwirtschaft entzogen werden.

"Einerseits müssen die Kursgewinne im Durchschnitt mehr einbringen als der Zins als Vergleichsgröße, andererseits entzieht die bei steigenden Kursgewinnen zunehmende Spekulation dem Kreditgeschäft Geld. So stützen sich Zins und Kursgewinne gegenseitig. Auf der Strecke bleiben die nicht mehr genügend gewinnbringend einsetzbaren Erwerbstätigen, denen unter dem Vorwand der schärferen Konkurrenz das Geld auf zweifache Weise vorenthalten wird: Erstens in Form von zu hohen Zinsen, zweitens in Form von Lohnreduktionen und Arbeitsplatzabbau, um die Kursgewinne weiter zu stützen. Der spekulative Kreislauf wird mit seinen Gewinnmöglichkeiten zu einem Konkurrenten für die Realwirtschaft und damit für die Erwerbstätigen. Sobald die Gewinnaussichten in der Realwirtschaft abnehmen, fließen die Ersparnisse in die Finanzwirtschaft."61

Anstatt die Probleme selbst auszubaden, kann man sie auch in gewissem Maße exportieren. Die Kreditgewährung an Staaten der "Dritten Welt" hat vor allem zur Folge, daß die Exportindustrien (insbesondere die Rüstungsindustrien62) der kreditgewährenden Länder neue Aufträge bekommen. Sofern die Gelder in Rüstungsgüter und Großprojekte investiert werden, fließen sie meistens umgehend in die Industrienationen zurück. Die Verschuldung der "Dritten Welt" verbleibt jedoch als Hinterlassenschaft und zementiert die Umverteilung von Arm zu Reich auf globaler Ebene, denn der Transfer der Zinsen führt zu einem dauerhaften Kapitalabfluß aus den ärmeren Ländern, denen fortan gar keine andere Wahl mehr bleibt, als ihre Ressourcen zu verschleudern.

Eine weitere Stabilisierungsmöglichkeit ist noch der absolute Einkommensrückgang der Arbeitenden zugunsten der Zinsbezieher sowie der Abbau von Sozialleistungen. Damit stehen wir erst am Anfang, aber es wird in Zukunft häufiger Gebrauch davon gemacht werden müssen, unabhängig davon, welche Regierung gerade an der Macht ist. Ältere Volkswirtschaften, wie die in den USA oder in Großbritannien bezeugen, daß da noch einiger Spielraum drin liegt und über die Entstehung einer working poor sogar die Arbeitslosigkeit abgebaut werden kann (wenn das Lohnniveau nur niedrig genug ist).

Die hier beschriebenen "Stabilisierungen" sind selbstverständlich nur Pyrrhussiege des Zinssystems. Sie bewirken, wenn überhaupt, so nur ein Abfedern der zunehmenden Labilität. Dennoch wird das System labiler, denn auf Dauer kann dem exponentiellen Wachstum nichts entkommen. Und dann?

15 Der Ballon platzt: Kapitalvernichtung63

Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Trotz aller kurzfristigen "Stabilisierungen" wird es einen Punkt geben, an dem die Verzinsung nicht mehr durchführbar ist. "Es ist halt ab einer gewissen Größe schlicht unmöglich, nochmals zu verdoppeln"64. Dann gibt es nur noch eins: das Kapital muß weg. Der Ablauf gleicht in groben Zügen dem der oben beschriebenen Rezessionen ("Marktbereinigungen"), nur daß eben die Gesamtwirtschaft "bereinigt" wird65.

Die notwendige Kapitalvernichtung betrifft dann allerdings vor allem das Geldkapital, weil von dort der Verzinsungsdruck ausgeht. Dennoch ist klar, daß trotz aller Abkopplung des finanziellen Sektors ein Zusammenbruch desselben sehr wohl Auswirkungen auf die Realwirtschaft zeitigt66.

Die damit einher gehende Vernichtung von Realkapital ist für die Zinswirtschaft auch insofern "sinnvoll", als dadurch neue Wachstumspotentiale geschaffen werden. Das ist dann ein Abwasch.

Eine Prognose über den konkreten Ablauf und Zeitpunkt einer großen Krise ist jedoch nicht möglich. Die Crux ist ja gerade, daß die Prognostizierbarkeit immer weiter abnimmt (wobei aber diese Abnahme mit tödlicher Sicherheit prognostiziert werden kann). Das System wird immer labiler, die kollektive Unsicherheit nimmt immer weiter zu. Will sagen: die sozialen Unterschiede und die Arbeitslosigkeit nehmen zu, die Verschuldung (und damit die Anfälligkeit gegenüber Krisen) der Wirtschaft und des Staates steigt bis ins Unglaubwürdige, immer mehr Liquidität fließt in den spekulativen Bereich, saugt einerseits Liquidität aus der Realwirtschaft ab, kann andererseits aber auch unverhofft in diese zurückkehren (etwa bei Kursstürzen). So sind auch unterschiedliche Krisenbefürchtungen zu verstehen, die sich vordergründig widersprechen67. Der konkrete Auslöser braucht mit der hier beschriebenen Problematik nicht viel zu tun zu haben, bezeichnend ist vielmehr, daß eine Kettenreaktion ausgelöst wird, die nach und nach alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche erfaßt68 (ähnlich eines Aidskranken, der letztlich an z.B. einer Erkältung stirbt).

Es wird daher auch nicht zu einer genauen Wiederholung der letzten großen Krisen kommen, denn die Organisatoren des Zinsdeals sind schließlich auch lernfähig. Die heutige Bundesbank ist nicht mehr die Reichsbank von 1930, der Golddeckungsstandard ist abgeschafft, die Geschäftsbanken werden peinlichst auf ausreichende Barreserven achten, der bargeldlose Zahlungsverkehr erhöht die Elastizität der Geldversorgung usw. usf.. Wir sind auf der Leiter, die nirgends angelehnt ist, schon ein ganzes Stück weit geklettert und, wer weiß, vielleicht klettern wir auch noch viel höher.

Und noch etwas hat sich geändert. "In diesem Jahrhundert ist angesichts der rapiden sozialen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklung die "soziale Frage" um die ökologische Dimension erweitert worden. Betrachtete man bis in die letzten Jahrhunderte hinein die Natur als einen Feind, den es zu überwinden gelte ... , so dringt heute dagegen zunehmend die Tatsache ins Bewußtsein, daß der Mensch sich in die natürlichen Kreisläufe einbinden muß, wenn er sich und seine Umwelt retten will."69 Eine ökologische Kreislaufwirtschaft ist aber nur unter Rahmenbedingungen denkbar, die nicht zu dauerndem Wirtschaftswachstum zwingen. "Somit läßt der Kapitalismus (hier: die Zinswirtschaft, d. V.) auf kurze Sicht nur die Alternativen ökonomisch-sozialer oder ökologischer Zusammenbruch zu; indes kann man wohl bei weiterer Voraussicht eine nicht erstrebenswerte, sich dennoch langsam vollziehende Synthese beider Szenarien prognostizieren"70.

Das klingt ganz schön düster. Ein pessimistischer Realismus kann aber wenigstens noch die Grundlage für einen realistischen Optimismus liefern, wenn es möglich ist, die Zusammenhänge zu entwirren. Er sollte daher einer Verdrängung der Probleme bei weitem vorzuziehen sein.

16 Ursachen statt Symptome

Nach diesen mies machenden Inhalten der oberen Abschnitte ist es jetzt langsam an der Zeit, zu den optimistischeren Möglichkeiten überzugehen.

Es wird zweckmäßig sein, sich kurz an den "Streit um den Mehrwert" zu erinnern: die Renditen können dauerhaft nicht unter den Zins sinken, obwohl sie das bei weiterer Kapitalbildung tun müßten. Der Zins findet seine untere Grenze auf der Höhe der Liquiditätsprämie des Geldes, d.h. dem Wert des Jokervorteiles bzw. der Überlegenheit des Geldes über alle Waren und Dienste. Oder anders herum: die Liquiditätsprämie setzt den Standard, unter den der Zins nicht sinken kann und dieser setzt nun seinerseits den Standard, unter den die Renditen des Sachkapitals nicht sinken können.

Eine ökologisch verträgliche und gerechte Marktwirtschaft ist aber nur möglich bei Kapitalrenditen und Zinsen von nahe Null. Es stellt sich nun die Frage, wie dies erreicht werden kann, eine Frage, für deren Beantwortung es nötig sein wird, einige der herkömmlichen Erklärungsmuster über Bord zu werfen. Falls die Bereitschaft dazu vorhanden ist, sieht die Antwort sehr schlicht aus:

Man könnte die Liquiditätsprämie neutralisieren.

Man könnte sie selbstverständlich nicht abschaffen, denn der Sinn des Geldes ist es ja gerade, liquide zu sein, also als universelles Tauschmittel zu fungieren und die damit verbundenen Vorteile zu bieten. Aber man könnte der Liquidität Kosten auferlegen, die diese Vorteile kompensieren.

Die Kosten müßten also die gleiche Höhe haben, wie die Liquiditätsprämie und folglich bei Bargeld und Sichtguthaben irgendwo zwischen drei und sechs Prozent jährlich liegen. Die Belastung der Konsumenten, die ohnehin kaum zu der Problematik beitragen, wäre dementsprechend gering. Wenn jemand dauernd 1000 DM liquide hält, wären es bei sechs Prozent 60 DM im Jahr oder 5 DM pro Monat. Entscheidender würden sich die Kosten auf den Investitionskreislauf auswirken.

Es muß hier einem naheliegenden Mißverständnis vorgebeugt werden: bei den Gebühren auf Liquidität handelt es sich nicht um eine inflationäre Entwertung der Kaufkraft. Die Entwertung betrifft lediglich das Tauschgeld (genauer: die Liquidität), nicht aber die langfristigen Guthaben. Es würde - ganz im Gegenteil - überhaupt erst möglich, das Preisniveau tatsächlich stabil zu halten, da es mit der verstetigten Umlaufgeschwindigkeit des Geldes auch möglich würde, die umlaufende Geldmenge genau an die Wirtschaftsleistung anzupassen und so die angeblich unvermeidbare schleichende Inflation zu beseitigen.

Die Auswirkungen wären geradezu gigantisch, und es wären viele Bücher71 nötig, um sie umfassend zu behandeln. Im übernächsten Abschnitt werden die wesentlichen Auswirkungen wenigstens kurz überflogen werden.

Aber zunächst wird es interessant sein, zu sehen, wie ein Neutrales Geld denn aussehen könnte.

17 Neutrale Liquidität konkret72

Es müssen die verschiedenen Liquiditätspositionen unterschieden werden. Vor allem handelt es sich um Bargeld und um Sichtguthaben, aber auch kurzfristigen Termineinlagen kommt eine gewisse Bedeutung zu. Außerdem ist der Boden als in diesem Zusammenhang wichtigster nicht monetärer Vermögensgegenstand bedeutsam.

a) Bargeld

Der älteste und bereits mehrmals praktisch angewandte Vorschlag zur Neutralisierung der Barliquidität beruhte auf dem sogenannten Stempelgeld73. Dabei mußten Banknoten in periodischen Abständen auf der Rückseite kostenpflichtig frei gestempelt oder mit Wertmarken (ähnlich Briefmarken) freigemacht werden, um ihren Nennwert zu behalten.

Eine andere Möglichkeit ist das Tabellengeld, bei dem der Nennwert im Laufe der Zeit abnimmt, was in Form einer Tabelle auf der Banknote dargestellt ist. Diese Tabelle enthält die verschiedenen Nennwerte zu den angegebenen Zeitpunkten.

Schließlich wäre auch ein periodisch oder in ungewissen Abständen stattfindender kostenpflichtiger Umtausch einzelner Serien von Banknoten möglich. Die Kosten würden hier in Form der Umtauschgebühr erhoben. Diese Ausführung wird als Seriengeld bezeichnet.

Diese drei Ausgestaltungen haben jeweils besondere Vor- und Nachteile, auf die hier nicht ausführlich eingegangen werden kann. Vielleicht ergeben sich aber auch noch ganz andere Möglichkeiten. Das ist letztlich auch eine Frage der Kreativität.

b) Sichtguthaben

Einfacher liegt der Fall bei der sogenannten Buchliquidität. Belastungen von Konten werden schon heute von den Geschäftsbanken vollautomatisch vorgenommen (z.B. mit Buchungsgebühren). Löhr weist hierzu auf die Möglichkeit hin, die Banken zu einer Abgabe auf ihre Barreserven zu verpflichten, die diese für die geführten Guthabenbestände vorhalten müssen. Die Banken hätten dann ein Eigeninteresse daran, die Belastung möglichst verursachergerecht, d.h. gemäß der Liquidität der Einlagen auf die Kontoinhaber abzuwälzen. In diesem Fall wären auch andere, weniger liquide Bestände, wie z.B. kurzfristige Termineinlagen, betroffen (aber nur im Verhältnis ihrer Liquidität), auf die sonst vermutlich vermehrt ausgewichen würde.

Die Höhe der Liquiditätsgebühren sollte von einer unabhängigen Institution (der Bundesbank oder eines dafür einzurichtenden Währungsamtes) festgelegt werden und auch von dieser eingezogen werden. Bei einem direkten Zugriff durch den Staat wäre zu befürchten, daß die Gebühr zum Zweck der Vergrößerung der Einnahmen zu stark angehoben würde.

Die technischen Voraussetzungen wären also bereits heute gegeben. Es bedürfte zur Einführung allerdings diverser Gesetzesänderungen.

c) Boden

Aufgrund der Liquiditätsprämie des Bodens wäre nach einer alleinigen Geldreform ein in die Höhe schießender Bodenpreis zu befürchten, da die Anleger verstärkt in diesen Vermögensgegenstand ausweichen würde. Die Liquiditätsprämie des Bodens würde bestimmend für die Eigenzinssätze der übrigen Vermögensgüter und würde daher eine weitere Absenkung des Zinses verhindern. Die Verbindung einer Geld- mit einer Bodenreform wäre daher unabdingbar74.

Die Bodenreform würde jedoch keine Enteignungen erfordern. Es geht schließlich darum, die Liquiditätsprämie abzuschöpfen, was auch über eine Besteuerung möglich wäre75. Erleichternd wirkt hier die Tatsache, daß man Grundbesitz weder in Steuererklärungen "vergessen", noch ihn im Koffer in eine Steueroase bringen kann. Die langfristig sicherere Lösung76 wäre daneben aber der sukzessive Ankauf des Boden durch die Gemeinden (mit einem entsprechenden Vorkaufsrecht) und der folgenden Vergabe von Nutzungsrechten (Erbpacht) an den Meistbietenden. Dies hätte auch den Vorteil eines marktgerechten Ablaufes und der Vermeidung eventueller staatlicher Besteuerungswillkür. Quasi "nebenbei" würden dadurch Spekulationen mit diesem lebenswichtigen Gut unmöglich.

18 Bedarfsdeckungswirtschaft

Die Auswirkungen einer Neutralen Liquidität wären, wie gesagt, sehr weitreichend. Wird die Liquiditätsprämie konsequent neutralisiert, so wiegen die Kosten genauso schwer, wie auf der anderen Seite der Jokervorteil der Liquidität, also die "Sicherheit" im weitesten Sinn und die Aussichten auf spekulative Renditen durch die Geldhaltung. Das Transaktionsmotiv wird nun nicht mehr durch das Sicherheits- und das Spekulationsmotiv blockiert, d.h. die Liquidität des Geldes ist nur noch von Vorteil, wenn man sie zum Kaufen benutzt und nicht mehr, wenn man sich die Möglichkeit dazu erhält, es aber nicht tut. Das Tauschmittel "Geld" wäre als Vermögensgegenstand unbrauchbar.

Es kommt nun natürlich erst einmal zu durchaus erwünschten "Ausweichreaktionen". Sobald liquide Mittel anfallen, die nicht umgehend benötigt werden, werden sie investiert oder angelegt, da die langfristigen Anlagen von der Gebühr nicht betroffen sind. Das erhöhte Angebot auf dem Kapitalmarkt führt zwangsläufig zu sinkenden Zinsen, denn die unterste Grenze des Sockelzinses ist verschwunden.

Nun werden Investitionen rentabel, die vorher unterblieben wären. Das vergrößerte Kreditpotential fließt also letztlich auch in Investitionen, nur werden diese von den Schuldnern durchgeführt. Der Umfang des "Nicht- Zustandegekommenen" (vgl. Abschnitt 6) und damit die Arbeitslosigkeit sinkt zusammen mit der Rentabilitätsgrenze. Gleichzeitig kommt es zu einer fortschreitenden (Real-)Kapitalbildung (einer Dauerkonjunktur), die mit ihrer ausgeweiteten Produktion fortan auf die Renditen drückt. Die Absenkung der Renditen geschieht durch den Wettbewerbsmechanismus und erfolgt der bisherigen Erfahrung nach recht zuverlässig77.

"Ausgeweitete Produktion" bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, daß es zu einem noch stärkeren Wachstumswahn kommt, sondern, daß die Zunahme der Produktion nicht mehr kurz vor der nachhaltigen Deckung des Bedarfes wegen "Rentabilitätsschwäche" halt macht. Dem Kapital (wenn ich es mal personifizieren darf) bleibt nichts anderes übrig, als sich für die Bedarfsdeckung zur Verfügung zu stellen, wenn es wenigstens noch etwas von den sinkenden Renditen abbekommen will, da es jetzt keine Rückzugsmöglichkeit mehr in die Liquidität gibt.

Die Notwendigkeit eines permanenten Wirtschaftswachstums resultiert zur Zeit ja gerade aus dem Umstand, daß der Bedarf eben nicht gedeckt wird78!

Es ist zwar anzunehmen, daß es zuerst zu einem weiteren Wachstumsschub kommt, was angesichts des Nachholbedarfes von über vier Millionen Arbeitslosen auch kein Wunder ist, aber mit den sinkenden Renditen sinkt nach und nach auch die Motivation, weitere Investitionen vorzunehmen. Ebenfalls sinkt die rendite- und zinsinduzierte Ersparnisbildung und damit der Zwang, diese Gelder über weitere Verschuldung in die Wirtschaft zurückzuführen, damit es keine Nachfrageausfälle gibt (also die Notwenigkeit weiteren Wirtschaftswachstums).

Auf dem Weg zum Nullzins verlagern sich ständig Kapitaleinkommen zu Arbeitseinkommen79. Die Konzentration des Kapitals wird umgekehrt in eine Dezentralisierung. Dementsprechend schwindet der Einfluß kapitalkräftiger Konzerne und wirtschaftlicher Mamutgebilde. Die Dezentralisierung des Kapitals schlägt folglich auf die Realwirtschaft durch. Der Verdrängungswettkampf um die größte Kapitalkraft bekommt die Chance, in einen marktwirtschaftlich fairen Wettbewerb überzugehen.

Die Entwicklung findet ihren Gleichgewichtszustand bei einem Niveau der Zinsen und Renditen von Null, d.h. bei einer konsequenten Eliminierung leistungsloser Kapitaleinkommen, sei es aus Geld- oder Sachkapital. "Der Kapitalist als "funktionsloser Investor" (Keynes) verschwindet mit der Kapitalrente, es bleibt der Unternehmer, der ein Leistungsentgeld für die Führung des Unternehmens erhält"80. Weitere Zusatzinvestitionen werden dann nicht mehr vorgenommen, da sie unrentabel wären, also Verluste einbringen würden. Die Nettoinvestitionsrate und damit das Wachstum sinkt deshalb auch bis auf Null, d.h. die Investitionen und der Verschleiß des vorhandenen Kapitalstocks81 halten sich die Waage. Ebenso sinkt die Sparquote auf Null, die Neubildung von Ersparnissen und deren Auflösung halten sich auch die Waage.

Das müssen sie tun, denn bliebe die Sparquote auch bei einem Nullzins noch positiv, würde der Kapitalmarkt kurzfristig mit negativen Zinsen reagieren. Dabei ist zu beachten, daß sich die Ersparnisse jetzt nur noch aus Arbeitseinkommen zusammensetzen. Ein negativer Zinssatz auf gesparte Arbeitseinkommen ist aber ein eindeutiges Signal: Arbeit lohnt sich nicht mehr. In dieser Situation ist das Signal auch vollkommen richtig, denn offensichtlich liegt die Leistung der Wirtschaft über dem Bedarf. Es kann nun zu Arbeitszeitverkürzungen auf freiwilliger Basis kommen, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Die Höhe der gleichgewichtigen gesamtwirtschaftlichen Ersparnis wird vorwiegend durch das Vorsorgebedürfnis der Bevölkerung bestimmt.

Die Marktwirtschaft ist im Gleichgewichtszustand trotz "Nullwachstum" nicht statisch. Sobald neuer Bedarf auftritt, können Unternehmer durch Zusatzinvestitionen "Pioniergewinne" erzielen, bis die Konkurrenz nachgezogen hat. Die Wirtschaft kann also noch wachsen, wenn dies sinnvoll ist. Ebenso kann sie schrumpfen ohne dadurch eine Krise auszulösen. Wann dieses Gleichgewicht erreicht wird hängt dementsprechend vom Bedarf ab.

Der Zins ist nicht abgeschafft, sondern pendelt je nach Laufzeit der Anlagen um Null. Die zu zahlenden Schuldzinsen sind allerdings immer noch leicht positiv, da darin auch noch die Bankmarge und Risikoprämien enthalten sind.

Ohne Zins bzw. Rendite verbleibt der Arbeitsertrag in voller Höhe bei den Arbeitenden (natürlich inklusive arbeitender Unternehmer). Von dort aus fließt er in den Konsum. Die Konsumquote des Volkseinkommens beträgt 100% (auch das ist notwendig, da sonst Teile des Volkseinkommens netto investiert werden müßten und zu einem Wirtschaftswachstum führen würden, was aber nicht möglich ist, da dann die Renditen negativ würden, s.o.). Gleichzeitig ist der Besitz von Realkapital kein Privileg mehr, da es über zinslose Kredite allgemein zugänglich ist. Der Machtanspruch des Kapitals wird obsolet. Gerade in dieser Situation (der des allgemeinen Zugangs zu Realkapital) wird der Versuch, es zu akkumulieren sinnlos, da es nun keine Rendite mehr abwirft.

Aus unternehmerischer Sicht ergeben sich einige Änderungen in den Prioritäten, obwohl - oder gerade weil! - das Gewinnstreben weiterhin aktiv sein kann. Je weniger die Vergrößerung des Outputs auf zusätzliche Renditen hoffen läßt, desto gewinnbringender wird es werden, statt dessen den Input zu verringern, also letztlich Energie und Ressourcen einzusparen82. Die "Effizienzrevolution"83 wird möglich, weil die Zukunft nicht mehr abdiskontiert wird. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, daß es trotzdem für den Einzelnen gewinnbringend sein kann, (ökologische) Kosten auf die Gesellschaft abzuwälzen. Eine ökologische Steuerreform wäre darauf schon seit langem die angemessene Antwort und würde auch in der hier beschriebenen Bedarfsdeckungswirtschaft ihre Bedeutung behalten.

Ganz allgemein muß darauf hingewiesen werden, daß die Neutralisierung der Liquidität nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine sozialverträglich-ökologische Marktwirtschaft ist. Mit einem entsprechend pessimistischen Menschenbild kann man sich auch eine durch die Unersättlichkeit der Konsumenten angetriebene Superwirtschaft ausmalen, die erst dann in ihr Gleichgewicht findet, wenn die Erde zubetoniert ist. Es kann aber auch sein, daß sich die heute oft anzutreffende Konsumwut als das gleiche erweist, wie Oma's Gerede "Kind, du mußt doch ordentlich essen", nämlich als schwindendes Überbleibsel einer Mangelwirtschaft.

Außerdem muß schon hier vorweg genommen werden, daß der beschriebene Gleichgewichtszustand als hypothetisches Szenario zu verstehen ist, das in der Realität zwar angenähert, aber (mittelfristig) nicht punktgenau erreicht werden kann. Das gilt besonders bei einem nationalen Alleingang unter global vernetzten Kapitalmärkten.

Diese Betrachtung über die Folgen könnte noch lange fortgeführt werden. Sie bleibt hier bewußt auf einige wirtschaftlich relevante Zusammenhänge beschränkt, da das Ansinnen, Wertmarken auf Geldscheine kleben zu wollen, wohl vordergründig nicht gerade besonders fundiert erscheint. Die vielen weiterhin anzunehmenden Auswirkungen auf den sozialen und kulturellen Bereich können hier nicht einmal angeschnitten werden, da sie den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würden.

19 Ausweichreaktionen84

Aber werden das denn "die Kapitalisten" so einfach mit sich machen lassen? Mit Sicherheit wird es ihnen keinen Spaß machen, aber die Frage ist, welche Ausweichreaktionen überhaupt möglich sind. Von militärischen Interventionen oder ähnlichen "Konterrevolutionen" wird im folgenden abgesehen.

Man muß dabei beachten, daß "die Kapitalisten" in dem beschriebenen Szenario nicht etwa auf eine Rendite oder einen Zins verzichten. Jeder holt weiterhin raus, was gerade geht. Die Höhe der Renditen (der landesübliche Zinsfuß) liegt nun einfach nahe Null. Dorthin geführt hat uns der marktkonforme Wettbewerb, also gerade das Gewinnstreben "der Kapitalisten". Dieses sorgt weiterhin dafür, daß die Situation auch so bleibt, da temporär mögliche Renditen durch den Wettbewerb eliminiert werden.

Aber warum sollten "die Kapitalisten" dann überhaupt noch etwas tun, z.B. Arbeitsplätze schaffen? In der Tat würden sie nichts mehr tun, da sie nicht mehr existieren (im Sinne des "funktionslosen Investors"). Der etwas ungünstige Begriff "die Kapitalisten" wird aber noch kurz beibehalten, um einige Abläufe durchzuspielen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen könnten sie gerne bleiben lassen, denn, wie bereits erwähnt, ist die Verfügung über Sachkapital nun kein Privileg mehr. Mit einem Gedankenspiel wird das verständlich: Nehmen wir an, es gibt Arbeitslose (die z.B. von einem frustrierten "Kapitalisten" hinausgeworfen wurden). Sie haben einen Bedarf an verschiedenen Gütern. Im Nullzins-Szenario nehmen sie nun einfach einen zinslosen Kredit auf und schaffen sich ihre Arbeitsplätze selbst, z.B. durch den Bau einer neuen Fabrik. Die Rentabilitätsgrenze liegt bei Null, d.h. sie können ihre eigene Arbeitskraft so lange rentabel verwerten, wie sie nur ihr eigenes Einkommen erwirtschaften. Die Konsumquote beträgt 100%, d.h. ihr Einkommen fließt vollständig in den Konsum und erzeugt damit quasi rückwirkend sich selbst85 (wenn sie die durch sie verbrauchten Güter selbst hergestellt hätten). Selbstverständlich werden nicht alle Arbeitslosen zu Unternehmern werden, aber gesamtwirtschaftlich ist es auch ganz egal, wer die Investitionen vornimmt und die Arbeitsplätze schafft, die dann den zuvor ungedeckten Bedarf decken86. Irgend jemand wird sich finden, da die vorhandenen Gelder aufgrund der Gebühr nicht mehr zurückgehalten werden können ohne einen Substanzverlust zu erleiden.

Die gleiche Argumentation zieht auch für den Fall, daß sich "die Kapitalisten" an Marx erinnern und das Lohnniveau unter den Wert der produzierten Waren drücken wollen. Im Nullzins-Szenario müßten sie dafür erst einmal die Arbeiter finden, die das mit sich machen lassen. Die Arbeit ist jetzt der knappste Produktionsfaktor.

Innerhalb des Währungsraumes wird es kaum Möglichkeiten für bedrohliche Ausweichreaktionen geben, zumal sich "die Kapitalisten" mit entfesseltem Eigeninteresse selbst entmachten würden (da kann man sich drauf verlassen). Es bleibt also die "Flucht" in das Ausland87.

Damit ist natürlich die "Flucht" der Geldvermögen gemeint, da ein Abtransport des vorhandenen Realkapitals absurd hohe Transaktionskosten verursachen würde oder völlig unmöglich ist (Immobilien). Das Geld verläßt aber nicht den Währungsraum, sondern wird in eine Fremdwährung gewechselt. Das setzt voraus, daß es einen Besitzer dieser Fremdwährung gibt, der in DM wechseln möchte. Das Regulativ, welches hierbei eventuelle Ungleichgewichte in Einklang bringt, ist der Wechselkurs. Wenn nun - wie zu erwarten sein würde - vermehrt DM in Fremdwährungen gewechselt wird, so wird der Kurs der DM sinken.

Der sinkende Wechselkurs hat nun mehrere Auswirkungen. Einerseits wirkt er der weiteren Kapitalflucht direkt entgegen, da die Fremdwährungen "teurer" werden. Zusammen mit den Fremdwährungen werden auch importierte Güter teurer, die in Fremdwährungen bezahlt werden müssen. Andererseits werden die inländischen Exportgüter im Ausland günstiger. Dadurch würde sich das Exportvolumen erhöhen und eine vergrößerte Nachfrage nach inländischer Währung hervorrufen. Auch dies wirkt der weiteren Kapitalflucht entgegen. Der Abfluß von Kapital würde so gesehen durch einen Abfluß von Exportgütern substituiert. "Der Export von realwirtschaftlichen Ressourcen "unter Preis" (= gesunkene ,"Terms of Trade") ist also als "Selbstheilungsmechanismus" notwendig, damit der Marktprozeß wieder ins Gleichgewicht kommt. ... Die Behinderung der Selbstheilungskräfte des Marktes ist somit der Kern des Problems."88 Diese Behinderung betrifft vor allem Entwicklungs-, Transformations- und Weichwährungsländer. Die Bundesrepublik dürfte hingegen kein großes Problem damit haben, ihr Exportvolumen zu steigern. Trotzdem bleibt die Frage: "läßt sich in einer Welt mit auf das engste verbundenen Kapitalmärkten quasi im "Alleingang" in einer Wirtschaftsregion ein zinsfreier Raum verwirklichen? Die Frage muß wohl mit einem klaren Nein beantwortet werden, denn der Zins ist letztlich eine internationale Größe. Allerdings dürfte es möglich sein, das Zinsdifferential zum Ausland umso mehr zu erhöhen, je stärker sich der freiwirtschaftlich dominierte Wirtschaftsraum durch besondere währungspolitische, rechtliche, wirtschaftliche und soziale Stabilität vom "Rest" der Welt abhebt".89

Eine besondere Stabilität würde mit der beschriebenen Reform aber trotz des Problems der Kapitalflucht gerade einher gehen. Nachfragelücken wären trotz eines weiterhin positiven Zinses nicht mehr möglich, Vollbeschäftigung könnte angenähert werden (man denke an das zum großen Teil exportbedingte Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik). Das wäre ja auch schon was.

Zusammenfassend muß man wohl trotzdem zugestehen, daß hier ein gewisses Manko der Theorie liegt. Es sieht so aus, als ob man sich sogar nach einer Geld- und Bodenreform mit einem bloß gesunkenen, aber nicht bei Null angekommenen Zinsniveau begnügen müßte. Zu diesem Punkt ist sicher noch viel weitere Forschung nötig, um ein Maximum an Zinsdifferenz herauszuholen.

Weitaus effektiver als eine nachträgliche Kapitalflucht wäre es natürlich, eine solche Reform von vorn herein zu verhindern. Es wäre im Vorfeld der Reform sicher mit erheblichen (vor allem propagandistischen) Widerständen von einflußreicher Seite aus zu rechnen. Solche Propaganda wird schon heute ausgerechnet von einigen linken bis linksradikalen Gruppen verbreitet, bei denen es anscheinend eine abgemachte Sache ist, daß der freiwirtschaftliche Ansatz irgendwie "rechtslastig" oder sogar faschistoid sein soll90. Das Thema wurde auch bereits in einigen Zeitschriften und Zeitungen aufgegriffen91. Sofern man die Welt in "rechts" und ,"links" aufteilt, liegt dieser "Umkehrschluß" aus linker Perspektive wohl nahe, bleibt aber trotzdem an den Haaren herbei gezogen. Übersehen wird dabei, daß sich die Freiwirtschaft nicht nur gegen die "linken" (vor allem auf Marx zurückgehenden) Zentralisierungs- und Verstaatlichungsvorhaben richtet, sondern gegen jede Form wirtschaftlicher und politischer zentralistischer oder totalitärer Machtkonzentration. Diese Teile der "Linken" können das fragwürdige Verdienst für sich beanspruchen, gemäß ihrer langen Tradition lieber andere zu diffamieren, anstatt selbst konstruktiv zur Sache zu kommen. Erschwerend kommt hinzu, daß die Zinsproblematik schon von den Nazis zu Propagandazwecken mißbraucht wurde (freilich ohne zum Kern des Problems vorzudringen) und sich sogar einzelne frühere Freiwirtschaftler Anbiederungsversuche an die Nazis geleistet haben92. Da diese Vorwürfe deshalb oberflächlich so schön ins Bild "passen", wird man sich wohl noch auf einige Schlammschlachten gefaßt machen müssen. Es kann hier nur abermals auf die Literatur im Anhang verwiesen werden, mit der Bitte an den Leser, sich selbst ein Bild von der Absurdität solcher Vorwürfe zu machen.

20 Praktische Versuche93

Die Gedanken zu einer Geldreform sind nicht bloß graue Theorie. Sie wurden schon verschiedentlich praktisch erprobt, wenn auch nur in regional begrenzten Versuchen. So wurde 1929 in Erfurt eine Wära- Tauschgemeinschaft gegründet, die ein umlaufgesichertes, d.h. mit Kosten belegtes Ersatzgeld herausgab (die "Wära"). Nach kurzer Zeit hatten sich dieser Gemeinschaft schon über 1000 Firmen angeschlossen, die während der beginnenden Krise einen separaten Kreislauf bildeten. Das zuvor überregionale Experiment verdichtete sich in der niederbayrischen Ortschaft Schwankirchen zu einem Wära-Knotenpunkt. "Die von den Initiatoren in die Wära gesetzten Erwartungen schienen sich in Schwankirchen trotz mancherlei Komplikationen ... zu erfüllen. Der Erfolg der Wära weckte jedoch auch den Argwohn der Deutschen Reichsbank. ... Dem Interesse der Deutschen Reichsbank an der Wahrung ihres Ansehens kam es deshalb sehr entgegen, daß der Reichsfinanzminister H. Dietrich im Zuge der Brüningschen Notverordnung die Herstellung, Ausgabe und Benutzung jeglichen Notgeldes im Oktober 1931 durch eine Verordnung verbot."94

Noch bekannter wurde das Experiment von Wörgl95, einer Marktgemeinde in Tirol. "Während überall in Österreich die Zahl der Arbeitslosen vom August 1932 bis August 1933 um rund 10% anstieg ... , konnte sie im Bereich der Gemeinde Wörgl im gleichen Zeitraum um 25% gesenkt werden. Nach diesem Erfolg konnte es nicht ausbleiben, daß auch das praktische Freigeldexperiment von Wörgl schon wenige Monate nach seinem Beginn internationales Aufsehen erregte."96 Weitere 170 Gemeinden in Österreich wollten daraufhin ebenfalls ein umlaufgesichertes Geld einführen. Auch dieses Experiment wurde nach einem langen Rechtsstreit verboten und die weiteren geplanten Einführungen konnten nicht zustande kommen. Dem Bürgermeister Wörgls, der gerade eine Vortragsreise durch die Schweiz geplant hatte, wurde Redeverbot erteilt und die Einreise verweigert.

Dennoch kam es zu weiteren Experimenten in der Schweiz, in Spanien, in Frankreich und den USA, die aber auch größtenteils verboten wurden oder offenkundige Mängel in der Umlaufsicherung aufwiesen und daher wieder eingestellt wurden.

Bezeichnend ist bei den praktischen Versuchen, daß die erfolgreichen unter ihnen gerade aufgrund ihres Erfolges verboten wurden (bzw. bei befürchtetem Erfolg gar nicht erst zustande kamen). Obwohl man diese regional begrenzten Experimente nicht einfach auf den gesamten Währungsraum übertragen kann, können sie aber dennoch zumindest als Indiz dafür gelten, daß es sich bei einer solchen Reform nicht bloß um eine nette, aber undurchführbare Idee handelt.

Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang auch noch die neueren Tauschringsysteme, die zwar kein Ersatzgeld ausgeben, aber trotzdem eine Gebühr auf ihre "Sichtguthaben" erheben. Leider kann auf das Für und Wider der verschiedenen Tauschringsysteme hier nicht mehr näher eingegangen werden97.

Teil 3

von Juergen_Probst - 10. Oktober 2003

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