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»Das historische Zinstief sorgt derzeit für Nervenkitzel«

Niedrige Zinsen sind ein Segen für Wirtschaft, Verbraucher und die verschuldeten Staaten. Einige Verbandsvertreter der Bank- und Versicherungsbranche versuchen dennoch seit Jahren den Eindruck zu erwecken, diese Entwicklung ginge zu Lasten der Sparer und gefährde die Altersrückstellungen von Millionen Menschen. Im Handelsblatt-Interview rückt der Aktuar Wilhelm Schneemeier die Unkenrufe zurecht.

Nicht wenige Lobbyisten fordern eine Geldpolitik mit höheren Zinsen und höheren Inflationsraten, weil sie nicht in der Lage sind, ihr Denken und ihre Geschäftsmodelle an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Wilhelm Schneemeier, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) und damit Deutschlands oberster Versicherungsmathematiker, beurteilt die Lage pragmatisch und erfreulich unideologisch.

Die Erwartung eines baldigen Endes der Niedrigzinsphase sieht er skeptisch. »Schon seit 1991 sind die Zinsen auch aus rein volkswirtschaftlichen Gründen nach unten gegangen. Eine wirkliche Trendwende gab es bei den volkswirtschaftlichen Rahmendaten nicht. Die Aktuare und Versicherer sollten sich auf längere Sicht auf niedrige Zinsen einstellen.«

Das Zins- und Renditetief resultiert aus dem Überangebot an Geldkapital und aus der faktischen Unmöglichkeit, die volkswirtschaftliche Leistung auf ewig Jahr für Jahr zu steigern. Das Versprechen an Sparer, ihre Rücklagen jährlich um 4 % zu vermehren, ist nur durch die Leistung anderer, durch die Akzeptanz entsprechender Risiken oder durch Inflation einzuhalten.

Schneemeier benennt die Problematik nüchtern: »Nehmen Sie die Garantien. Wie hoch ist das Risiko, wenn ein guter Teil der Bestände noch mit Zusagen von vier Prozent ausgestattet ist? Was passiert wenn der Marktzins nach unten geht? Welche Kapitalanlagen wählen wir?«

Es ist das Geschäft einer seriösen Versicherung, ihren Mitgliedern nur solche Versprechungen zu machen, die langfristig realisierbar sind. Für den Versicherten kommt es aufs Gleiche heraus, ob seine Ersparnisse bei 1% Inflation mit 2% verzinst werden oder bei 3% Inflation mit 4%. Schmerzlich wird es erst dann, wenn die Inflation über die Zinsrate steigt.

Sehr geehrter Herr Schneemeier,
Ihre sachliche Analyse der Situation ist sehr erfreulich. Erlauben Sie uns dennoch einige Nachfragen.

Sie sagen: »Keinem Aktuar macht es Spaß, Bewertungen in einem Zinsumfeld von 0,5 Prozent vorzunehmen oder Produkte zu entwickeln.«

Bietet das Niedrigzins-Niveau aus Ihrer Sicht nicht auch Vorteile für die Versicherer und die zukünftigen Rentner? Niedrige Zinsen entlasten vor allem die Wirtschaft und stärken dadurch die Beschäftigungssituation. Sie würden es umso mehr tun, wenn sie auf lange Sicht niedrig blieben. Es gäbe mehr Spielraum für Lohnerhöhungen und Altersrückstellungen.
Verringert das niedrige Zinsniveau für Ihre Branche das Ausfallrisiko nicht spürbar? Und ist den Sparern nicht am meisten gedient, wenn es der Notenbank gelingt, die Inflation auf Dauer nahe Null zu halten?

Anders formuliert: Ist das Verlustrisiko Ihrer Kunden durch eine anziehende Inflation und "Marktbereinigungen" im Versicherungsgewerbe nicht als schwerwiegender und somit negativer zu bewerten, als der Rückgang der Garantiezinsen im Umfeld einer stabilen Währung?

Zum Thema der richtigen Investitionspolitik der Lebensversicherer stellen wir uns folgende Frage: Ist nicht die extrem flache Zinsstruktur im Dollar- und Euroraum ein entscheidender Risikofaktor?

Die INWO setzt sich für Liquiditätsgebühren ein, wie sie auch von Top-Ökonomen wie Ken­neth Rogoff, Wil­lem Bui­ter, Mi­les Kim­ball oder Marvin Goodfriend diskutiert werden. Diese könnten die liquiden Bestände auf ein vertretbares Maß reduzieren und sie vermehrt in langfristige Ausleihungen, zu günstigen Konditionen, umwandeln. Dies käme nicht zuletzt den Versicherern zugute.

Sind Spaß und Nervenkitzel nicht besser im Gleichgewicht, wenn man geringe Renditen in einem ruhigen und soliden wirtschaftlichen Umfeld anbieten kann, als wenn man höhere Renditen mit größerem Risiko in einem finanz- und währungspolitisch immer riskanteren Umfeld kalkulieren muss?

Klaus Willemsen, 25.7.2015

Verwendete Quelle:
www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge/altersvorsorge-sparen/chefaktuar-schneemeier-im-interview-versicherer-muessen-langlaeufer-kaufen/12058916.html

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