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»Das globale Wirtschaftssystem beruht auf der Ausbeutung von Naturkapital«

ist der Gastkommentar von Didier Rabattu im Wirtschaftsmagazin CAPITAL überschrieben. »Das gesamte globale Wirtschaftssystem beruht auf der Ausbeutung von Naturkapital, das einen unendlichen Wert, aber keinen Marktpreis hat«, heißt es dort in erschütternder Offenheit.

Der Autor ist mitnichten, wie man vermuten könnte, Chefökonom von Greenpeace oder einer anderen Umweltschutzorganisation. Die nüchterne Analyse, um die Umweltaktivist*innen seit Jahrzehnten und wo immer möglich einen Bogen machen, stammt von einem bedeutenden schweizerischen Vermögensverwalter. Der Ökonom Didier Rabattu ist Head of Equities beim Schweizer Vermögensverwalter Lombard Odier Investment Managers. Die bedingungslose und rücksichtslose Kapitalisierung der Umwelt gehört nach seiner Analyse zu den »Bedingungen für ungewöhnlich niedrige bzw. negative nominale bzw. reale Zinssätze, niedrige Inflation und geringe Währungsvolatilität«.

Wachsendes Kapital braucht immer neue Profitquellen
Der »Missbrauch der Natur« machte es den Notenbanken möglich, die Währungen bei einem extrem niedrigen Zinsniveau zu stabilisieren. Man kann es aber auch anders sehen: Weil man eine gebührengestützte Stabilisierung der Währung mit wirklich effektiven Negativzinsen (unter Einbeziehung einer Liquiditätsgebühr für Bargeld) unterlassen hat, musste man den Raubbau an der Natur zur Stabilisierung der Währungen weiter fortsetzen. Anders ausgedrückt: Solange wir die exponentielle Vermehrung der Geldvermögen hinnehmen, muss Politik dafür sorgen, dass immer neue Felder der Ausplünderung (zur Bedienung des Kapitals) bereitstehen. Der Raubbau an der Natur steht dabei gleichberechtigt neben der privaten Plünderung weiterer gesellschaftlicher Bereiche wie dem Gesundheitswesen, dem Wissenschaftsbetrieb oder dem Immobiliensektor. Es geht immer darum, dem zunehmenden privaten Kapital neue Quellen für die Renditen zu ermöglichen. Diesem Primat folgt konservative wie sozialdemokratische, liberale wie grüne Realpolitik.

Primat des privaten Profits
Bei der Einpreisung ökologischer Folgekosten sind der Politik in erheblichem Umfang die Hände gebunden. Dies hilft zu verstehen, warum so viele notwendige und absolut plausible Bemühungen zur Eingrenzung von Raubbau und zur Minderung von Umweltbelastungen bereits im Keim erstickt werden.

Aus dem Mund eines schweizerischen Vermögensverwalters entfaltet dieses Primat des privaten Profits seine ganze Absurdität: »Das gesamte globale Wirtschaftssystem beruht auf der Ausbeutung von Naturkapital, das einen unendlichen Wert, aber keinen Marktpreis hat. Rund 50 Prozent aller Wirtschaftstätigkeiten hängen von gesunden und reichlich vorhandenen Böden, Wäldern, Wasser und Ökosystemleistungen ab. Durch den Missbrauch der Natur konnte das globale BIP in den letzten Jahrzehnten wachsen und gleichzeitig die Inflation eingedämmt werden. Das liegt daran, dass das Naturkapital und die negativen und positiven Umwelteffekte nie richtig bepreist wurden und sich in den BIP-Messungen nicht widerspiegeln.«

Um nicht missverstanden zu werden, der Autor kritisiert weder die private Ausplünderung noch ein permanentes Wirtschaftswachstum. Er spricht sich auch nicht für Negativzinsen oder andere Maßnahmen aus, die zu einem Abschmelzen der privaten Kapitalien führen könnten. Einen Ausweg aus der Wachstumsspirale aus wachsenden Geldvermögen, Wirtschaftswachstum und Ressourcenplünderung bietet er nicht.

Die Lösung liegt auf der Hand
Dabei ist die Lösung auf politischer Ebene absolut plausibel und in den meisten Fällen leicht umzusetzen. Das »Naturkapital, das einen unendlichen Wert, aber keinen Marktpreis hat« muss von der Gesellschaft mit ökologischen Abgaben belegt werden. Und die Einnahmen aus diesen Kosten werden zu gleichen Teilen an die Bevölkerung ausgezahlt. So verringert man die absurde Bereicherung von monopolartigen Konglomeraten und Oligarchen. Gleichzeitig verringert man ihre Macht, die politischen Organe und die gesellschaftliche Willensbildung zu beherrschen. Im Sinne eines ehrlichen wirtschaftlichen Wettbewerbs ist eine derartige Entwicklung unerlässlich. Das erklärt vermutlich auch, warum der Beitrag in der Wirtschaftszeitung CAPITAL erscheint.

! Macht den Ressourcenverbrauch von Jahr zu Jahr teurer und verteilt die Erträge zu gleichen Teilen zurück an die Bevölkerung.
! So stärkt man ehrlichen marktwirtschaftlichen Wettbewerb und stabilisiert die demokratischen Strukturen.
! Ungewöhnlich niedrige bzw. negative nominale bzw. reale Zinssätze, niedrige Inflation und geringe Währungsvolatilität erreicht man besser mit einer Geldgebühr und Minuszinsen.

Lesen Sie hierzu auch: »Die Ampel kuscht vor den Stammtischen«, »Sogar Grüne opfern Artenschutz dem Windradausbau« und »The day after: Grund-solidarisch aus der Corona-Krise!«

Klaus Willemsen, 29.04.2022


Verwendete Quellen:

www.capital.de/wirtschaft-politik/didier-rabattu---das-globale-wirtschaftssystem-beruht-auf-der-ausbeutung-von-naturkapital--31796362.html

www.inwo.de/medienkommentare/die-ampel-kuscht-vor-den-stammtischen/

www.inwo.de/medienkommentare/sogar-gruene-opfern-artenschutz-dem-windradausbau/

www.inwo.de/grundsteuerreform-aktuell/the-day-after-grund-solidarisch-aus-der-corona-krise/