• DE

Abgasskandal

Wer hat Schuld am VW-Skandal? Sind skrupellose Manager für das Desaster verantwortlich? Oder ist es die Vorgabe von Herrn Winterkorn, VW zum weltgrößten Automobilkonzern zu machen, der Vernunft und Anstand geopfert wurden? Haben Minister Dobrindt und sein Ministerium bei der Aufsicht versagt? Oder sind Bürokraten in Brüssel Schuld, die sich dem Lobbyismus unterworfen haben?

Bei der Suche nach Ursachen für einen unglaublichen Skandal werden wöchentlich neue Namen genannt und neue Fakten aufgedeckt. Die Dreistigkeit, mit der geltende Abgasregelungen und Grenzwerte umgangen wurden, ist atemberaubend. So dreist wie die gängige Werbepraxis, die uns vorgaukelt, es könnte umweltverträglich und familienfreundlich sein, wenn Papi mit einem Zweitonner-SUV ins Büro fährt. Wir alle lassen uns von Werbebildern mit glücklichen Kindern im herbstlichen Wald die Sinne verkleistern. Gerne lassen wir uns einreden, dass unsere Autoindustrie alles tut, um die Umwelt zu schützen und die Luft rein zu halten.

Wir alle wissen, dass ein Auto nur umweltfreundlich sein kann, wenn es gar nicht erst produziert wird. Jeder kann sich ausmalen, dass der Platz zwischen unseren Häusern besser genutzt werden könnte, wenn dort weniger Autos stehen und fahren würden. Jedes Jahr werden mehr neue Autos zugelassen und Millionen Autos mehr gebaut als in den Vorjahren. Steigende Verkaufszahlen gelten als Erfolg. Schon stagnierende Produktionszahlen werden als Bedrohung wahrgenommen. Kaum jemand will eine Volkswirtschaft ohne Wachstum - und wer will schon einen Autokonzern, der Jahr für Jahr weniger Autos produziert? Wer nicht wächst, wird von Konkurrenten geschluckt oder geht über kurz oder lang in den Konkurs. Eine rückläufige Autoproduktion, weniger Flugzeuge, weniger Rüstung, weniger Medizin... ein Wirtschaften, das aus weniger ein "Mehr für alle" macht, wird bisher noch nicht einmal ernsthaft diskutiert.

Die Abkehr vom Autoboom würde für zig-tausend Familien Arbeitslosigkeit und Existenznot bedeuten, lautet die gängige Einschätzung. Ein Verzicht auf Wirtschaftswachstum und Produktionssteigerung würde unsere Gesellschaft unweigerlich ins Elend stürzen, behaupten alle prominenten Ökonomen. Dies ist der Hintergrund des vergeblichen Versuchs, die Schadstoffbelastung unserer Luft zu begrenzen, und es ist die tiefere Ursache für den Skandal, dass unsere Lebensgrundlagen den Wachstums- und Profitinteressen untergeordnet werden.

Wenn es darum geht, Schuldige zu benennen, dürfen diejenigen nicht fehlen, die an der Perspektivlosigkeit der derzeitigen Wirtschaftspolitik maßgeblich beteiligt sind. Es braucht wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die eine Abkehr von der Wachstumslogik ermöglichen. Die ökonomischen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass wir uns Produktionrückgänge ohne Not leisten können. Der Staat muss auf Steuereinnahmen verzichten können, wenn weniger Rüstungsgüter verkauft werden sollen. Arbeiter müssen sich Arbeitszeitverkürzungen leisten können, wenn weniger Autos produziert werden. Und Managern muss es möglich werden, bei rückläufigen Umsatzzahlen Dividenden zu reduzieren. Das Schachern um Umweltstandards und Wachstumschancen hat in erster Linie ökonomische Ursachen. Diese gilt es zu beheben.

Der Wohlstand der Menschen kann sehr wohl auf permanentes Wirtschaftswachstum verzichten. Natürlich müssten wir viele eingefahrene Gewohnheiten verändern. Die Abkehr von der industriellen Massentierhaltung hätte einen geringeren durchschnittlichen Fleischkonsum zur Folge. Dafür wäre das Fleisch weniger hormonbelastet, Böden und Gewässer würden nicht mehr überdüngt und Millionen Tonnen Antibiotika könnten eingespart werden. Die Besteuerung von Zucker in der Lebensmittelindustrie würde einige Konzernprofite schmälern, gleichzeitig jedoch die Gesundheit von Millionen Menschen fördern. Gleiches würde eine Umstellung der Mobilität zu Gunsten von Fahrradfahrten und Fußwegen bewirken. Wir lassen unsere Kinder schon lange nicht mehr auf der Straße spielen oder mit dem Fahrrad in die Schule fahren, weil Autos den Straßenraum beherrschen wie Raubritter die Wege zwischen den Städten. Gegen die Folgen der Bewegungsarmut ist immer ein Medikament zur Hand. Wir glauben die Märchen von sauberen Auspuffgasen und der rohstoffschonenden Produktion, weil wir selber zu bequem sind, wenn möglich, umzudenken. Wir freuen uns, dass die Luft in Frankfurt und Düsseldorf sauberer ist als in Peking oder Katmandu. Doch dieses Gefühl führt in die Irre.

Letztlich kommt es auf dasselbe heraus, ob ich Grenzwerte manipuliere, sie durch Lobbyismus den wirtschaftlichen Interessen anpasse oder mithilfe von korrupten oder gleichgültigen Politikern ganz verhindere. Unsere Lebensgrundlagen auf Dauer bewahren werden wir nur, wenn wir zu einem nachhaltigen, wachstumsneutralen Wirtschaftssystem kommen. Dazu braucht es in erster Linie ein Geldsystem, das ohne die exponentielle Zins- und Schuldendynamik auskommt. Es braucht ein Geld, das sich auch bei Renditen nahe Null nicht verweigern kann. Und es braucht ein Verständnis von Bodeneigentum und Bodennutzung, das ein nachhaltiges Bewirtschaften ermöglicht.

Klaus Willemsen, 10.11.2015

Kommentare und Antworten

Einen Kommentar hinzufügen

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

Captcha Code Kann das Bild nicht gelesen werden? Klicken Sie hier, um zu aktualisieren

Captcha ist erforderlich!

Code stimmt nicht überein!

* Diese Felder sind erforderlich.