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Von der Zombie-Ökonomie zur Fairconomy

Wird unsere Wirtschaft von »untoten« Unternehmen beherrscht, wie die Kritiker der Negativzinspolitik der EZB monieren? Es gibt sicher Unternehmen, die überflüssig sind. Doch andererseits überleben viele Unternehmen, die wir weiterhin brauchen, sowie neue, innovative Projekte nur mit niedrigen Zinsen.

Von der Zombie-Ökonomie zur Fairconomy

Von der Zombie-Ökonomie zur Fairconomy

Die Mainstream-Argumentation, Sparer würden nun, da es fast keine Zinsen mehr auf Guthabenkonten gibt, um eben diese Zinsen betrogen, ist schlimmste populistische Meinungsmache. Diese Ansicht ignoriert vollkommen, dass es die Sparer selbst sind, die die Zinsen letztlich bezahlen. Das gilt selbst dann, wenn sie selbst nicht verschuldet sind, da Zinsen in den Preisen sämtlicher Produkte enthalten sind. Unternehmen finanzieren sich ja zumeist über Kredite. Nun wird jedoch von den Kritikern der derzeitigen EZB-Politik gerade bemängelt, dass wirtschaftlich nicht mehr erfolgreiche Unternehmen durch eine andauernde Umschuldung von Krediten künstlich am Leben erhalten werden. Die lockere Geldpolitik der Zentralbank fördere die »Zombifizierung« der Wirtschaft. Sie begünstige »Zombie-Kredite«, also Kredite an faktisch insolvente Schuldner, bei denen die Bereinigung der Kredite von den Banken immer wieder hinausgeschoben wird.

Gehebelte Kredite
»Leveraged Loans«, Kredite, die an bereits hoch verschuldete oder bonitätsschwache Unternehmen vergeben werden, nehmen tatsächlich stark zu. Der Markt hierfür hat mittlerweile eine Größenordnung von 1,4 Billionen US-Dollar erreicht. »Leveraged« (gehebelt) bedeutet, dass die Verschuldung des Unternehmens im Verhältnis zu seinem Vermögen oder Gewinn nach gängigen Maßstäben unverhältnismäßig hoch ist. Das kann gefährlich werden, wenn es zu Zinserhöhungen kommen sollte, die diese Firmen nicht mehr verkraften. Anlegerschützer warnen: Die Kreditvergabestandards sind möglicherweise zu locker. Der Markt ist zudem intransparent. Ein großer Teil der Leveraged Loans wird gebündelt als Collateralized Loan Obligations (CLOs) vor allem an Investmentfonds weiterverkauft. Da jedoch auch diese Fonds mit dem Bankensektor verwoben sind, könnten bei Kreditausfällen gefährliche Kettenreaktionen entstehen.Der IWF hat für seinen Finanzstabilitäts-Bericht1die Lage in acht wichtigen Volkswirtschaften untersucht: USA, China, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Die Unternehmensverschuldung in diesen Staaten ist heute deutlich größer als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise; sie ist von 34 auf 51 Billionen Dollar gestiegen. Auch der Anteil »riskanter Kredite«, die vom Ausfall bedroht sind, wächst dabei schnell. Was passiert, wenn sich die Weltkonjunktur deutlich verschlechtert? Eine Krise, nur halb so stark wie die Finanzkrise vor zehn Jahren, würde laut IWF-Experten dazu führen, dass 40 Prozent aller Unternehmensschulden in den untersuchten Ländern (19 Billionen Dollar) nicht mehr aus den Unternehmenseinnahmen finanziert werden könnten. Viele Firmen sind eben nicht finanzstark und können ihre Schulden nur deshalb bedienen, weil die Zinsen heute niedrig sind.

Intelligente Regulierung nötig
Zunächst ist es Aufgabe der Bankenregulierung, dafür zu sorgen, dass Einzelrisiken erfasst, berechnet und angemessen mit haftenden Kapital unterlegt werden. Sich nur auf den Kredithebel zu fokussieren, greift zu kurz. Bislang wurde versäumt, klar zwischen auf Institutsebene berechenbaren Einzelrisiken und nur von Regierung und Zentralbank steuerbaren Makrorisiken zu unterscheiden (auch wenn Basel III hier erste positive Ansätze aufweist).

Zinssteigerungen sind gefährlich
Sollten sich die Finanzierungsbedingungen plötzlich verschlechtern, würden viele Schuldner in Schwierigkeiten geraten. Zinssteigerungen wären insbesondere auch für Entwicklungs- und Schwellenländer riskant. Die Auslandsverschuldung in Schwellen- und Entwicklungsländern liegt heute 60 Prozent höher als zur Zeit der Finanzkrise. Wollen die Kritiker der Negativzinsen große Teile der Unternehmen weltweit durch eine »Normalisierung« der Zinsen in den Ruin treiben?

Statt Zinsen Umweltabgaben erhöhen!
Es darf nicht sein, dass man alle hochverschuldeten Unternehmen über einen Kamm schert und ihnen durch eine Zinserhöhung den »Todesstoß« versetzt, sondern es gilt, statt der Zinsen endlich Umweltverbrauch und Ressourcenverschwendung zu verteuern. Rohstoff-Lizenzen könnten teurer werden. Eine angemessene Besteuerung von Flugbenzin und Schiffstreibstoff würde die Treibhausgasemissionen senken helfen. Plastikverpackungen sollten besteuert werden. Für die ökologische Transformation werden jedoch günstige Kredite benötigt.

Ethische Kreditvergabe
Zudem müssen ethische Kriterien bei der Kreditvergabe überall stärker berücksichtigt werden. Einige alternative Banken machen schon jetzt nur Geschäfte mit ethisch und ökologisch vertretbaren Unternehmen und fördern mitihren Investitionen eine nachhaltige Entwicklung und soziale Projekte. Diese brauchen niedrigverzinste Langfristkredite. Die Langfristzinsen können sinken, wenn die Geschäftsbanken den Negativzins der Zentralbank an die Halter täglich fälliger Guthaben weitergeben. Dadurch steigt der Anreiz, auch bei niedrigen Zinsen Gelder längerfristig festzulegen. Dies gewährleistet die Versorgung der Realwirtschaft mit günstigen Langfristkrediten, ohne dass die Geschäftsbanken für die Refinanzierung zu stark auf kurzfristige Gelder angewiesen sind. Dadurch sinkt die Abhängigkeit von der Entwicklung der Leitund Geldmarktzinsen wie auch die Abhängigkeit der Banken untereinander.2

»Es gilt, statt
der Zinsen endlich
Umweltverbrauch
und Ressourcen-
verschwendung
zu verteuern.«

Mehr selbstbestimmte Zeit
Bei sinkenden Zinsen können wir auf weitere Produktivitätssteigerungen verzichten. Unsere Wirtschaft ist bereits hochproduktiv. Bei niedrigeren Kapitalkosten können die Löhne steigen, was den Menschen erlauben würde, ihre Arbeitszeit zu verkürzen. Mehr Eigenarbeit und Subsistenzwirtschaft macht nicht nur Freude, sondern ist in den meisten Fällen ökologisch sinnvoll und fördert die Resilienz unserer Gesellschaften. Bei kürzeren Arbeitszeiten kann die verbleibende Erwerbsarbeit auf alle verteilt werden. Niemand muss mehr ungewollt erwerbslos sein. Wenn durch niedrige Zinsen die Kaufkraft in der Bevölkerung gleichmäßiger verteilt wird, können die Menschen freier entscheiden, welche Unternehmen sie mit ihren Käufen unterstützen möchten, und welche nicht.

Geldvermögen in die Pflicht nehmen
Wer an eine »Normalisierung« der Geldpolitik glaubt, lebt in einem Wolkenkuckucksheim und hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die heutige Herausforderung liegt darin, nicht mehr den Schuldnern die ganze Zinslast aufzubürden, sondern nun die großen Geldvermögen, die über Jahrzehnte akkumuliert wurden, in die Pflicht zu nehmen. Da Geld nicht arbeitet und auch keinen Nachwuchs bekommt, wie bereits Aristoteles herausgestellt hat, beruhen Zinseinkommen nicht auf der eigenen, sondern auf der Arbeitsleistung der Kreditnehmer, die im Übrigen auch das unternehmerische und damit das eigentliche Risiko tragen.3

Negativzinsen helfen der Realwirtschaft
Die in einer Volkswirtschaft erhältlichen Güter und Dienstleitungen geben dem Geld seinen Wert. Daher müsste sich der Geldbesitzer eigentlich bei dem realwirtschaftlich produktiv tätigen Kreditnehmer und dessen Mitarbeitern dafür bedanken, dass diese durch produktive Investition seinem Geld einen Wert, also Kaufkraft verleihen! Wäre es nicht folgerichtig, real wirtschaftende Unternehmen dafür zu belohnen, dass sie den Werterhalt des Geldes sichern? Es darf nicht länger darum gehen, Gewinne für den Zinsdienst zu generieren. Gesellschaftlich sinnvolle Arbeiten müssen finanziert werden! Effektive Negativzinsen, die im Idealfall wie von Silvio Gesell vorgeschlagen auch das Bargeld einbeziehen, sind das Mittel der Wahl.

Effektive Negativzinsen würden den Geldfluss aufrechterhalten, ohne dass dazu ein positiver Geldzins (über null) als Prämie für den Verzicht auf Liquidität (J. M. Keynes) notwendig wäre. Startups würden leichter als heute Kredite erhalten. Zudem würde die Hauptursache sowohl für die stetig wachsende Ungleichheit in der Vermögensverteilung wie auch für den Wachstumszwang der Wirtschaft und damit die Umweltzerstörung behoben. Eine sozialökologische Transformation wird es nur mit effektiven Negativzinsen geben können.

Felix Fuders und Beate Bockting

Dieser Beitrag erschien in der Fairconomy Nr. 4 Dez 2019


1 International Monetary Fund (Hrsg.): Global Financial Stability Report, Oktober 2019, online unter: www.imf.org/en/publications/gfsr. Siehe hierzu auch: p.dw.com/p/3RP0E


2 Vgl. Beate Bockting: »Degrowth braucht eine Geldreform«, in FAIRCONOMY Sept. 2014, S. 8-9, im FAIRCONOMY-Archiv online unter: www.inwo.de/uploads/media/FAIRCONOMY/ausgaben/ausgabe-2014-3.pdf


3 Hierzu: Felix Fuders: »Neues Geld für eine Neue Ökonomie – Die Reform des Geldwesens als Voraussetzung fur eine Marktwirtschaft, die den Menschen dient«, in Gregor Krämer (Hrsg.): Finanzwirtschaft in ethischer Verantwortung – Erfolgskonzepte fur Social Banking und Social Finance, Springer, Wiesbaden 2017, S. 121-183, insb. S. 136 ff.; ders.: »Warum der Zins auch moralisch nicht zu rechtfertigen ist«, in: Humane Wirtschaft, Nr. 2/2010, S. 26-29.