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Das Ende der Rentenökonomie - Interview mit Michael Hudson

Michael Hudsons Buch »Der Sektor« haben wir bereits in unserer März-Ausgabe vorgestellt. Nun konnten Beate Bockting und Vlado Plaga ein Interview mit Hudson führen, der wie Charles Eisenstein zu den Theoretikern der Occupy-Bewegung zählt.

Michael Hudson

Mr. Hudson, ursprünglich wollten Sie kein Ökonom werden, stimmt’s? Wie kam es, dass Sie Ihre Pläne änderten und so tief in die Ökonomie eingestiegen sind?

Ich bin nach New York gekommen, um Dirigent zu werden, aber ich traf einen der führenden Wall Street-Ökonomen, der mich davon überzeugte, dass Wirtschaft und Finanzen ein sehr schönes Fachgebiet sind. Es stellte sich heraus, dass ich sehr gut darin war, Grafiken zu erstellen, ich war von dem Konzept des Zinseszinses fasziniert. Und ich war fasziniert von der Tatsache, dass steigende oder fallende Grundwasserspiegel im mittleren Westen von Amerika Einfluss auf den herbstlichen Geldfluss aus dem Bankensystem hatten, wegen der mehr oder weniger guten Ernten. Ich sah, dass die Konjunkturzyklen einen weitgehend finanziellen Charakter hatten, über die anwachsende Verschuldung und die Schuldenerlasse oder Streichung von Schulden bis hin zu Konkursen, die immer und immer wieder im Laufe der Geschichte auftraten. Ich wollte den Aufstieg und Fall der Finanzwirtschaft studieren.

Doch als Sie dann an der New York University studierten, wurden dort nicht die Dinge gelehrt, die Sie eigentlich interessierten ...

Ich habe die Promotion als Eintrittskarte gebraucht, um an der Wall Street zu arbeiten und die Position zu bekommen, die ich wollte. Man braucht einen PhD, aber was ich inden Lehrbüchern fand, war das genaue Gegenteil von allem, was ich an der Wall Street in Wirklichkeit erlebte. Die Lehrbücher beschreiben ein Paralleluniversum.

So mussten Sie also selber nachforschen... Ihr erster Job war bei der Savings Banks Trust Company, einer Treuhandgesellschaft der Sparkassen, von denen es in den 1960ern noch viele gab. Sie sind dort von Anfang an auf die richtige Spur gelangt und haben die Zusammenhänge zwischen Geld und Boden untersucht?

Die Savings Banks Trust Company war das Zentralinstitut für Sparkassen, vergleichbar mit den deutschen Landesbanken. Amerikanische Sparkassen nehmen lokale Einlagen entgegen und sie verleihen sie für Immobilienkredite. Wie die S&Ls waren sie bei der Kreditvergabe auf Immobilienkredite beschränkt, private Darlehen waren ihnen nicht erlaubt, auch keine Unternehmenskredite.

Ich habe zwei Dynamiken bemerkt: Eine war, dass Spareinlagen exponentiell zunahmen, fast ausschließlich deswegen, weil die Einleger alle drei Monate ihre Ausschüttungen bekamen. Also, alle drei Monate gab es einen plötzlichen Sprung bei den Spareinlagen. Die Ersparniszuwächse bestanden hauptsächlich aus den Zinsen, die sich ansammelten. Die Ersparnisse wuchsen also exponentiell, einfach durch Nichtstun.

Die zweite Sache war, dass die gesamten exponentiell wachsenden Ersparnisse in den Immobilienmarkt flossen und dort quasi recycelt wurden. Das bedeutet also, was die Immobilienpreise in den USA steigen ließ, war die Verfügbarkeit von Hypothekarkrediten. Indem ich das Wachstum der Immobilienkredite und Ersparnisse im Bundesstaat New York grafisch sichtbar machte, fand ich heraus, dass die kompletten Ersparnisse in Form von Immobilienkrediten wieder in den Kreislauf gebracht wurden. Das bedeutete, dass es ein exponentielles Wachstum der Geldsummen gab, die in Immobilienkredite flossen, und somit war die Ursache der steigenden Immobilienpreise nicht die Bevölkerung oder die Infrastruktur, sondern die Liegenschaften waren genau so viel wert, wie die Banken in der Lage und willens waren, gegen sie als Sicherheit zu verleihen. Und da die Banken mehr und mehr Geld zur Verfügung hatten, haben sie einfach ihre Kreditvergabe-Standards gelockert.

Es ist eine Art Automatik, ein mathematisches Gesetz ...

Ja, ein mathematisches Gesetz, unabhängig von der Wirtschaft. Mit anderen Worten: Die Ersparnisse wachsen, ob die Wirtschaft'wächst oder nicht. Die Zinsen, die an Anleihegläubiger, Sparer und andere Gläubiger ausgezahlt werden, wachsen weiter an ... Und das erweist sich als Schlüssel zum Verständnis, warum die heutige Wirtschaft sich zwischen Gläubigern und Schuldnern immer weiter polarisiert.

Sie schreiben in »Der Sektor«, das Diagramm, das Sie damals erstellten, hätte ausgesehen wie Hokusais Holzschnitt »Die große Welle vor Kanagawa« oder wie ein Kardiogramm. Warum?

 

Hokusai’s »Great Wave off Konagawa«,
Metropolitan Museum of Art

Jeder Zinssatz hat eine Verdopplungszeit. Wie hoch auch immer der Zins, eine verzinste Einlage wächst und wächst; normalerweise immer dann, wenn die Zinsen gezahlt werden. Deshalb sieht es aus wie ein Kardiogramm. Alle drei Monate gibt es einen Anstieg, das sieht dann aus wie Hokusais Welle mit einem Zick-Zack, der die quartalsweise Zinsgutschrift widerspiegelt.

Das exponentielle Wachstum des Finanzkapitals und der verzinslichen Schulden ist viel schneller als das Wachstum der restlichen Wirtschaft, das in einer S-Kurve langsam abnimmt. Das ist genau genommen das, was den Konjunkturzyklus abschwächt. Es ist nicht wirklich ein Zyklus, es ist eher wie der langsame Anstieg einer Welle – und dann ein plötzlicher senkrechter Absturz.

Das dauert nun schon seit einem Jahrhundert an. Es baut sich langsam auf, die kleinen Wellen steigen an, bis es eine so große Menge gibt, dass es zum Absturz kommt. Im 19. Jahrhundert kam es etwa einmal alle elf Jahre zu einem Absturz. Aber in den Vereinigten Staaten wird der Absturz durch das Verleihen vonimmer mehr Geld und durch die Rettung der Banken aufgeschoben. So kam es erst 2008zum Crash. Von 1945 bis 2008 gab es einen seeehr langen Aufschwung – und erst jetzt ist es zum Crash gekommen. In der Vergangenheit brachten die meisten Abstürze und Krisen seit dem 19. Jahrhundert zumindest einen Hoffnungsschimmer: Sie haben die faulen Kredite ausgelöscht. Aber dieses Mal ließ man die Schulden weiter bestehen und es gab massenhaft Zwangsvollstreckungen, und wir leiden nun immer noch unter einer Schuldendeflation.

Statt einer Erholung gibt es nur Stillstand für die Wirtschaft als Ganzes, das heißt für 99 Prozent der Wirtschaft. Der einzige Teil der Wirtschaft, der wächst, sind die reichsten fünf Prozent. Das sind die Gläubiger, die von ihren Zinseinnahmen und ökonomischen Renten leben: von Monopolrenten, Pachteinnahmen und Geldzinsen. Der Rest der Wirtschaft ist dabei, ganz langsam zu schrumpfen.

Sie sagen, der akkumulierte Zinseszins wurde von den Banken wieder als Hypothekendarlehen ausgereicht. Ist das aus Sicht der Banken nicht einfach nur konsequent?

Wie gesagt, Sparkassen und Spar- und Darlehenskassen war es nur erlaubt, Hypothekenkredite zu vergeben. Die Geschäftsbanken heute suchen ihre Kundschaft da, wo die größte Wirtschaftskraft ist. Trotz der Tatsache, dass die meisten Ökonomie-Lehrbücher sagen, Industrie und Fertigung wären der wichtigste Teil der Wirtschaft, ist tatsächlich die Immobilienwirtschaft am bedeutendsten, und so werden die meisten Bankkredite im Immobiliensektor vergeben, und danach für Öl, Gas und Bergbau.

Das erklärt, warum die Banken und Finanzakteure zu den wichtigsten Lobbyisten wurden, die politischen Druck ausüben, damit Immobilien, Öl, Gas und Bergbau weniger besteuert werden: Damit es mehr Geld gibt, das in die ökonomischen Renten fließen kann. Der größte Teil der Bodenrenten und Ressourcenrenten fließt in Form von Zinsen an die Banken, statt als Steuern an die Regierung.

Statt dass das Wohnen also mit der Zeit immer kostengünstiger geworden wäre, kann man es sich aktuell viel weniger leisten als noch in den 1960ern?

Ja, der Grund dafür ist, dass die Neukreditschöpfung die Vermögenswerte aufgeblasen hat. Das kennzeichnende wirtschaftliche Merkmal unserer Zeit ist die Vermögenspreisinflation. Die Banken haben ihre Kreditanforderungen stetig gesenkt. In den 1960er Jahren verlangten Banken eine 25-30%-Anzahlung durch den Käufer und sie begrenzten auch die Belastung durch den Schuldendienst auf maximal 25% des Einkommens, aber jetzt werden die Zinsen bis zu 43% des Einkommens des Hauskäufers vom Staat garantiert. Vor 2008 dagegen vergaben die Banken Kredite ohne eine Anzahlung zu verlangen. Und schließlich haben sich die Kredite in den 1960er Jahren über 30 Jahre selbst amortisiert, heute sind sie reine Zins-Darlehen, die nie abbezahlt werden.

Es gibt heute so viel mehr Bankdarlehen für Immobilien, dass jetzt die meiste Bodenrente nicht an Eigenheimbesitzer oder gewewerbliche Vermieter geht, sondern als Zins an die Banken gezahlt wird.

War das der Grund für die Savings-and-Loan-Krise, die die USA 1986 traf und bis 1995 für das Aus von über 1000 der amerikanischen Spar- und Darlehenskassen verantwortlich war?

Das Problem der Savings-and-Loans-Krise war vor allem Betrug! Die großen kalifornischen Spar- und Darlehenskassen wurden von Gaunern betrieben; Charles Keating an der Spitze. Viele wurden wegen Betrugs angeklagt und ins Gefängnis gesteckt.

Und ab 2007 wurden die Amerikaner wieder durch ihre Hypothekenschulden stranguliert, diesmal in der Subprime-Krise...

Subprime-Kredite waren im Wesentlichen Junk-Hypotheken, also Schrott. Hier war wieder Betrug im Spiel. Bereits im Jahr 2004 sagte das FBI, dass die amerikanische Wirtschaft die schlimmste Welle des Bankbetrugs in der Geschichte erleide. Doch dieser Betrug wurde nicht verfolgt. In den Vereinigten Staaten ist heutzutage finanzieller Betrug entkriminalisiert. Kein Banker wurde ins Gefängnis geschickt, es gab lediglich Milliarden Dollar an Geldstrafen. Diese Strafzahlungen waren nur ein kleiner Teil dessen, was sie sich illegal angeeignet haben.


Im letzten Jahr erschien auf Deutsch Michael Hudsons Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört bei Klett-Cotta, 670 S. für 26.95 €, in diesem Jahr auf Englisch J is For Junk Economics: A Guide to Reality in an Age of Deception bei ISLET.

Im November erscheint außerdem Finanz-Imperium, eine spezielle deutsche Edition von Michael Hudsons Buch Super Imperialism, das bereits 1972 entstand.

 

Die englische Sprache wurde erweitert, um das zu verdeutlichen. Vor dem Finanzcrash benutzte die populäre Presse die Worte »Junk-Hypotheken« und »Ninjas«: »No Income, No Jobs, no Assets«. Also wusste jeder, dass es Betrug gab. Doch die Banker wussten, dass sie nicht ins Gefängnis gehen würden, denn die Wall Street war zum wichtigsten finanziellen Unterstützer der Kampagnen der führenden Politiker geworden, vor allem der Demokratischen Partei. Die Obama-Regierung kam im Grunde als Vertretung der Bank-Betrüger an die Macht. Und dieser Betrug wird fortgesetzt. Die Gauner haben das Bankensystem übernommen, und es ist für die Europäer schwer zu glauben, dass dies in Amerika wirklich passiert ist.

Was ist aus den 10 Millionen Haushalten geworden, deren Immobilien zwangsversteigert wurden? Wie ist ihre jetzige ökonomische Situation und was ist aus ihren Häusern geworden?

Die meisten Häuser, die zwangsversteigert wurden, wurden von Hedgefonds für billiges Geld aufgekauft. Gleich nach 2008, bis 2009 und 2010, sagten die Hedgefonds: »WennSie 5 Millionen Dollar investieren, werden wir die zwangsvollstreckten Häuser zum Schnäppchenpreis kaufen. Wir kaufen sie für billiges Geld, da wir höhere Renditen erzielen können, einfach indem wir sie vermieten.« So gab es einen Transfer von Immobilien von den Hausbesitzern hin zum Finanzsektor. Die Wohneigentumsquote sinkt in Amerika. Und die Wirtschaft selbst hat sich nicht erholt. Das gesamte Wirtschaftswachstum seit 2008 hat nur die oberen fünf Prozent der Wirtschaft erreicht. 95% der Wirtschaft schrumpft und schrumpft, um etwa3% pro Jahr ... Und sie schrumpft weiter, weil die Schulden aufrechterhalten wurden. Präsident Obama rettete die Banken und die WallStreet. Er hat nicht die Wirtschaft gerettet.

Ich schätze, das ist auch der Grund, weshalb wir in einer »Ära der Täuschung« leben, wie es der Untertitel Ihres neuesten Buches besagt?

Die Leute haben die Idee, dass wenn die Hauspreise steigen, irgendwie jeder reicher wird. Was trügerisch ist, ist die Tatsache, dass die Aufmerksamkeit davon weggelenkt wird,wie die reale Welt funktioniert und wie ungerecht sie ist. Wirtschaftslehrbücher lehren, dass die Wirtschaft sich im ökonomischen Gleichgewicht befindet und ausgeglichen ist. Aber tatsächlich polarisiert sich jede Wirtschaft der Welt zwischen Gläubigern und Schuldnern. Und Reichtum wird von der Spitze der Wirtschaftspyramide, vor allem von Anleihegläubigern und Bankern, angesaugt.Die Lehrbücher tun so, als ob die Wirtschaft wirklich auf Tauschhandel beruhte. Nobelpreisträger wie Paul Samuelson und seine Nachfolger behandeln die Wirtschaft als das, was sie »die Realwirtschaft« nennen, das ist aber eine fiktive Wirtschaft, die theoretisch ohne Geld und Schulden funktioniert. Das ist überhaupt nicht die reale Wirtschaft, sondern ein Paralleluniversum.

Sie weisen darauf hin, dass es auch noch einen anderen Faktor gibt, der die Immobilienpreise ansteigen lässt – und das sind Vermögens- und Grundsteuer-Senkungen. Warum?

Was auch immer von den Behörden an Steuererleichterungen gewährt wird, erhöht die Miet- und Pachteinnahmen, die an die Banken gezahlt werden. Kommerzielle Immobilieninvestoren haben ein Motto: »Die Miete ist dafür da, die Zinsen zu zahlen.« Wenn Käufer um ein Bürogebäude oder ein Wohnhaus konkurrieren, gewinnt derjenige, der in der Lage ist, das größte Bankdarlehen zu bekommen. Und diese Person ist diejenige, die die ganze Miete an die Bank weiterleitet. Der Grund, weshalb kommerzielle Investoren bereit waren, dies so viele Jahrzehnte lang zu tun, ist, dass sie sich die Wertzuwächse aneignen wollten; und der beruhte auf der Inflation der Immobilienpreise infolge der Kreditausweitungen. Aber jetzt, wo die Wirtschaft mit Kredit »vollgetankt« ist, sind die Aussichten auf weitere Wertzuwächse dahin. Die Preise steigen kaum noch. Es gibt keinen Grund mehr, sich Geld zu leihen, und das System implodiert.

Wie könnten wir denn die Situation verändern?

Nun, es gibt zwei Möglichkeiten. Ein Weg ist, die Bodenrente vollständig zu besteuern. Mit anderen Worten: Die öffentlichen Investitionen in Infrastruktur – Straßen, Schulen, Parks,Wassersysteme – machen einen Standort attraktiver. Eine U-Bahn-Linie erhöht die Preise entlang der Strecke. Somit steigen die Preise von Wohnungen. Die Bodenrente könnte von der Gemeinde besteuert werden, um die gesamte Infrastruktur zu finanzieren. Straßen,U-Bahnen und Kanalisation könnten alle durch die Rückeroberung der Bodenrenten finanziert werden, die durch diese öffentlichen Investitionen steigen. Aber das wird nicht gemacht, man lässt sie in privaten Händen.

Die Alternative ist die Überführung des Bodens in öffentliches Eigentum, das dann verpachtet wird. Man muss überlegen, was einem sozial wünschenswerter erscheint, um die Wohnkosten bezahlbar zu halten. In NewYork werden die meisten Restaurants und kleinen Unternehmen zur Aufgabe gezwungen. Sie schließen wegen der steigenden Mieten.Das verändert den ganzen Charakter der Wirtschaft. So verlieren wir die Buchhandlungen, die Restaurants, die Low-Profit-Unternehmen. Das Ergebnis ist eine Umwandlung der Gesellschaft.

Daher sollte es entweder eine effektive Grundsteuer geben oder ein öffentliches Eigentum am Grund und Boden. Das sind die Alternativen. Wenn die Bodenrente weggesteuert wird, dann wäre diese nicht mehr verfügbar, um an die Banken bezahlt zu werden. Und wir könnten es uns leisten, die Steuern auf Arbeit zu senken. Wir könnten die Einkommensteuer und die Verbrauchssteuern senken und so die Lebenshaltungskosten verringern.

Deutschlands Grundsteuerreform geht aber in die falsche Richtung. Die aktuellen Reformvorschläge der Länder sehen vor, die Verbindung von Boden und Aufbauten bei der Besteuerung beizubehalten und sie intendieren eine aufkommensneutrale Neuregelung. Dabei ist diese Steuer derzeit äußerst niedrig. Sie bringt den Kommunen gegenwärtig 13 Mrd. Euro jährlich ein, was nur zwei Prozent des gesamten deutschen Steueraufkommens sind, wohingegen die Lohn- und die Umsatzsteuer jeweils mehr als 30 Prozent ausmachen. Wir brauchen eine Kehrtwende in der Steuerpolitik, oder?

Deutschland leidet nun in der Tat unter steigenden Immobilienpreisen. Ich denke, es gibt eine Reihe von Gründen dafür. Einer ist: Die Deutschen hatten noch keine Immobilienblase wie in den USA oder in England. Sie haben Geld am Aktienmarkt verloren und viele haben daraufhin einfach beschlossen: Wir müssen unser Geld in unser Eigenheim stecken. Es gibt auch viel ausländisches Geld,das nach Deutschland kommt, um Immobilien zu kaufen, vor allem nach Berlin. Die einzige Möglichkeit, die Wohnkosten für die Deutschen bezahlbar zu halten, ist den Anstieg des Bodenwertes wegzusteuern. Wenn das geschieht, dann werden die Spekulanten nicht kaufen. Nur Hausbesitzer oder Unternehmen werden kaufen, zur eigenen Nutzung.

Wir wollen nicht, dass Spekulanten und Kreditausweitung die Wirtschaft weiter unter Druck setzen. Wenn Deutschland seine Immobilienpreise steigen lässt, wird es seine Beschäftigten aus dem Markt drängen. Es wird seinen Wettbewerbsvorteil verlieren, denn der größte Posten im Budget eines Erwerbstätigen sind die Wohnkosten. Deutschland sollte sich darauf konzentrieren, seine Immobilienpreise niedrig zu halten.

Ich würde gern noch mal auf das Thema Zinsen zurückkommen. Der englische Titel von »Der Sektor« lautet »Killing the Host – How Financial Parasites and Debt Bondage Destroy the Global Economy« (etwa: »Den Wirt umbringen – wie Finanzparasiten und Schuldknechtschaft die Weltwirtschaft zerstören«). Das bringt den Inhalt des Buches besser auf den Punkt. Es fiel mir auf, dass Sie John Brown erwähnen. Der schrieb 1898 das Buch »Parasitic Wealth or Money Reform« (»Parasitärer Reichtum oder Geldreform«). Ich stieß vor ein paar Jahren darauf und dachte: Das ist quasi der amerikanische Helmut Creutz des 19. Jahrhunderts. Brown war ein Verehrer von Henry George, doch darüber hinaus analysierte Brown die Reichtumsumverteilung durch das Zinssystem. Er sagte, dass die arbeitende Bevölkerung durch den parasitären Reichtum um 33 Prozent ihrer Erträge beraubt werde, mittels subtiler und schleichender Methoden, die nicht einmal erahnt würden. Warum kennt niemand diesen John Brown?

John Browns Buch ist interessant. So wie die Schriften seines Zeitgenossen Michael Flürscheim. Browns Buch wurde von Charles Kerr veröffentlicht, einer Chicagoer Genossenschaft, die auch Das Kapital von Marx veröffentlicht hat. So war Brown ein Teil der Gruppe amerikanischer Reformer, die sich im 19.und Anfang des 20. Jahrhunderts mehr und mehr marxistisch orientierten. Es gab eine zunehmende Diskussion über Finanzen und das exponentielle Schuldenwachstum, und der Ökonom, der am klarsten darüber geschrieben hat, wie Schulden aufgrund mathematischer Gesetzmäßigkeiten wuchsen, war Marx in Band 3 von Das Kapital und in seinen Theorien über den Mehrwert. So waren die meisten dieser Autoren mit den Marxisten verbunden und konzentrierten sich auf die Tendenz von Schulden und Finanzwirtschaft, exponentiell durch rein mathematische Gesetze zu wachsen, unabhängig von der Wirtschaft; nicht einfach als Nebenprodukt der Wirtschaft, wie die Mainstream-Ökonomie vortäuscht.

Browns Reformpläne beinhalteten die Verstaatlichung der Banken und die Erhebung von Gebühren für Bankdienstleistungen, anstelle von Zinsen. Klingt erstaunlich aktuell. In Deutschland erhöhen gerade die Banken ihre Gebühren, weil ihre Zinsmargen abnehmen. Wie sehen Sie denn das Phänomen der sinkenden Zinsen?

Nun, heute sind sinkende Zinsen das Ziel der Anleihenkäufe, QE, der Zentralbanken. Das hat nicht funktioniert. Die Schlüsselfrage ist: Wofür werden die Kredite vergeben? Die meisten der nun niedrigverzinsten Kredite sind parasitäre, räuberische Kredite. Es gibt eine Menge Übernahme-Kredite: Unternehmen haben sich Geld geliehen, um andere Unternehmen aufzukaufen. Und es gibt eine Unmenge an Börsenkrediten, mit deren Hilfe die Aktienkurse gepusht wurden, durch günstige Kredite und Arbitrage. Das Ergebnis sind aufgeblähte Vermögenspreise bei Aktien, Fonds und Immobilien. Also, ich denke, wenn das Ergebnis der niedrigen Zinsen nur in aufgeblähten Vermögenspreisen besteht, dann wäre die einzige Maßnahme, die hier funktionieren würde, die, eine sehr hohe Steuer auf Kapitalgewinne zu erheben, das heißt auf Vermögenspreiszuwächse. Doch in den USA, Großbritannien und anderen Ländern gibt es sehr niedrige Steuern auf Kapitalgewinne, und so verteuern niedrige Zinsen einfach das Wohnen, wie sie auch die Aktien und die kapitalbasierte Alterssicherung stark verteuern.

Prinzipiell haben niedrige Zinsen aber positive Auswirkungen ... Ganz aktuell betrachtet jedoch auch die Bundesbank die Kombination von niedrigen Zinsen und einem boomenden Immobilienmarkt als »gefährlichen Cocktail«. Die Verschuldung der Haushalte mit ausstehenden Immobilienkrediten ist sowohl absolut als auch relativ zum Einkommen gestiegen. Es ist dem Niedrigzinsumfeld zu verdanken, dass der Schuldendienst im Verhältnis zum Einkommen noch nicht angestiegen ist! Doch das Risiko tragen die Banken: Die Kredite mit Laufzeiten von mehr als zehn Jahren haben auf mehr als 40 Prozent aller Wohnimmobilienkredite zugenommen. Die Zinsänderungsrisiken liegen bei den Banken. Müssen wir da nicht der Wahrheit ins Gesicht sehen, dass die Zinsen eben nicht wieder steigen sollten?

Wir sollten zuallererst die Steuern auf Bodenrenten, Ressourcenrenten und Monopolrenten anheben! Das Ziel sollte sein, die Immobilienpreise niedrig zu halten, statt sie der Spekulation preiszugeben. Die Bodenrenten sollten die Steuerbasis sein, was bereits die klassischen Ökonomen sagten. Adam Smith, John Stuart Mill, alle klassischen Ökonomen forderten, die Grundlage des Steuersystems sollten Bodenrenten und ökonomische Renten aus natürlichen Ressourcen sein – nicht die Einkommensteuer, die Arbeitskosten und nicht die Mehrwertsteuer.

Steuerpolitik und Schuldenabschreibung sind heute im Grunde der Schlüssel zum ökonomischen Überleben. Banken sollten wirklich in öffentlicher Hand sein. Wenn wir das Bankwesen in den jetzigen Händen lassen, lassen wir es in den Händen von Gaunern wie denen, die die Finanzkrise von 2008 verursacht haben.

Letztlich gibt es nur eine wirkliche Lösung,und die ist, die Schulden abzuschreiben. Niemand will über Schuldenerlasse sprechen, weil man sich stattdessen fragt, ob das System noch repariert werden kann. Aber es kann echt nicht repariert werden. Jedes Finanzsystem tendiert dazu, in einem Crash zu explodieren.

Die Frage ist: Wie geht das, die Schulden nicht zu bezahlen? Lassen wir die Gläubigerzwangsvollstrecken, wie es in den USA geschehen ist, oder schreiben wir die Schulden ab und löschen diese ganze Zunahme anG läubigeransprüchen? Das ist die letztendliche Aufgabe, die jede Gesellschaft zu bewältigen hat.