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Vorteile eines allgemeinen Nullzins- bzw. Negativzins-Niveaus

Die anhaltende Niedrigzinsphase macht sich in vielfältiger Weise immer deutlicher bemerkbar. Die niedrigen Zinssätze und die daraus resultierenden Entlastungen aller Schuldner haben für Bürger, Betriebe und öffentliche Kassen weitreichende, positive Auswirkungen. Dennoch wird der Zusammenhang zwischen sinkenden Zinslasten und gesunden ökonomischen Rahmenbedingungen von Wissenschaftlern und Journalisten nur zögerlich aufgegriffen.

Noch blockiert die Scheuklappen-Mentalität der ökonomischen Kaste den epochalen Wandel zu einer nachhaltigen, stabilen und dauerhaft werterhaltenden Währung. Nur wenige profilierte Fachleute reagieren auf die historisch vollkommen neue Lage mit neuen, zeitgemäßen Vorschlägen. Viele fordern ein zurück zu den alten, desaströsen Umständen mit hohen Zinsbelastungen und Inflationsraten, die im Gegensatz zu heute tatsächlich die Sparer enteigneten. Leichtfertig werden steigende Zinssätze und Inflation propagiert, ohne auf deren gravierende Folgen für die Gesellschaft hinzuweisen.
Die Fairconomy stellt eine echte und realistische Perspektive dar. Sie zeigt die Entwicklung einer Gesellschaft jenseits der destabilisierenden Zinsumverteilung und einer ruinösen Dauerinflation oder Deflation.

Die Vorteile der niedrigen Zinsen liegen auf der Hand. Unternehmen kommen günstig an neue Kredite. Die niedrigen Zinsen machen Investitionen rentabel, die vor einigen Jahren, wegen der Zinskosten, keine ausreichende Rendite erwirtschaftet hätten. Kostenentlastungen von mehreren hundert Milliarden Euro kommen dem Arbeitsmarkt und den Beschäftigten zugute. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze steigt parallel zu den sinkenden Zinsen. In zahlreichen Branchen konnten Gewerkschaften deutliche Lohnerhöhungen durchsetzen. Die eingesparten Zins-Milliarden erhöhen das Arbeitseinkommen und damit das Volumen an Geld, das für den Lebensabend beiseitegelegt werden kann. Die niedrige Zinsbelastung setzt zusätzliche Mittel für Forschung und Innovation frei.

Die Auswirkungen von dauerhaften Zinssenkungen

Die Auswirkungen von dauerhaften Zinssenkungen fasste Helmut Creutz bereits vor 25 Jahren wie folgt zusammen:

„Mit sinkenden Zinsen...

  • geht das übersteigerte Wachstum der Geldvermögen zurück und damit auch das der Überschuldung;
  • verringern sich die Diskrepanzen zwischen Arbeit und Besitz, Arm und Reich und damit auch die sozialen Spannungen;
  • werden alle Schulden trag- und rückzahlbar, was nicht nur für die sog. Dritte Welt von Bedeutung ist;
  • geht der Zwang zum Wirtschaftswachstum zurück, mit dem man heute allein der Verarmung der Arbeitsleistenden entgegenwirken kann;
  • wird die Entwicklung der Wirtschaft immer mehr von den Interessen der nachfragenden und leistenden Menschen bestimmt, immer weniger von den (Zins-) Interessen des Kapitals;
  • wird - und das ist ganz entscheidend - ein Wirtschaften ohne Wachstum überhaupt erst möglich.“

Die Vorteile durchziehen die gesamte Gesellschaft, da jeder Euro, der nicht durch Kapitalrente eingenommen wird, für einen höheren Arbeitsertrag der Beschäftigten zur Verfügung steht. In einzelnen Bereichen kann man die Entwicklung bereits in Euro und Cent erfassen. Massiv entlastet werden die Bürger bereits indirekt, da die öffentlichen Kassen jährlich einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag weniger an Zinszahlungen aufbringen müssen. Das schafft Handlungsspielräume und wird sich mittelfristig spürbar auf das Steueraufkommen auswirken.

Der Bund spart bereits am deutlichsten

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat ausgerechnet: Allein der durch die Griechenland-Krise erzeugte zusätzliche Druck auf die Finanzmärkte erspart den deutschen Steuerzahlern Zinslasten von 25 Milliarden Euro pro Jahr. Erstaunlich dabei ist die Größenordnung der eingesparten Zinsen von »mindestens 100 Mrd. Euro«. »Diese Einsparungen übertreffen die Kosten der Krise – selbst dann, wenn Griechenland seine Schulden komplett nicht bedienen würde«, rechnet das IWH vor.

Dabei ist der Druck, der durch die Griechenlandkrise erzeugt wird, global betrachtet unbedeutend. Allein die schiere Größe der existierenden Geldvermögen erzeugt einen bisher nicht da gewesenen Anlagedruck. In der Folge sinken die Kreditzinsen für solide Schuldner. Und je günstiger die Kreditbedingungen für Staaten, Konzerne oder Unternehmen werden, desto weniger sind sie auf neue Schulden angewiesen. Es entsteht eine positive Rückkopplung, von der mittlerweile auch hoch verschuldete Bundesländer profitieren: niedrigere Zinsen, geringere Zinsausgaben, weniger neue Schulden, geringere Nachfrage nach neuen Krediten, weiter sinkende Zinssätze.

Bundesländer sparen Milliarden durch niedrige Zinsen

»Wegen der extrem lockeren Geldpolitik dürfte der Zinsaufwand der Länder weiter sinken«, schreibt DIE WELT. »Zusammen haben die 16 Bundesländer Verbindlichkeiten von rund 622 Milliarden Euro angehäuft. Die Kosten für den Schuldendienst seien seit 2010 bereits um rund ein Fünftel auf zuletzt 16 Milliarden Euro gesunken«, zitiert das Blatt den NordLB-Analyst Fabian Gerlich.

»Zwischen 1,5 bis 2,0 Milliarden Euro können nach unseren Prognosen 2015 netto getilgt werden«, errechnete die Landesbank. Das heißt, dass vier Milliarden Euro Steuergelder weniger für Zinsen ausgegeben werden. Zwei Milliarden davon kommen direkt den Bürgern zugute, die anderen zwei Milliarden verringern die Gesamtverschuldung. Das heißt aber auch: Die Entlastung der Steuerzahler ist unmittelbar von der Entwicklung der Zinssätze abhängig.

Überschwänglich, aber nur bedingt richtig formulierte DIE WELT: »Bundesländer tilgen sich dank Geldschwemme gesund«. Schulden tilgen und damit finanziell genesen können Bundesländer, Staaten und Kommunen, aber auch Privathaushalte und Betriebe. Eine »Geldschwemme« im Simme von immer neuem Notenbankgeld braucht es dafür jedoch nicht. Ausschlaggebend für eine gesunde Schuldenrückzahlung sind dauerhaft niedrige Zinssätze und ein Kreditangebot, das auch bei niedrigen Renditen ausreichend groß bleibt. Für beides ist die Notenbank verantwortlich. Mit ihrer aktuellen Niedrigzinspolitik ist die Europäische Zentralbank (EZB) auf dem richtigen Weg. Niedrige Kreditzinsen erleichtern allen Schuldnern die Rückzahlung eingegangener Verpflichtungen. Selbst wenn die Verringerung der Gesamtschuld auf absehbare Zeit eher bescheiden ausfällt, wird die automatische Zunahme der Schuld durch Zins- und Zinseszins gebremst oder sogar gestoppt.

Niedrige Zinsen, weniger Arbeitslosigkeit, höhere Steuereinnahmen

Besonders deutlich wird der Einfluss der Zinssätze bei der Situation der Kommunen. Während sich die meisten Gemeinden und Städte im Zuge der geringer werdenden Zinsausgaben teilweise sanieren konnten, sind einem knappen Viertel der Kommunen die Schulden längst über den Kopf gewachsen und wie in Griechenland werden ständig neue Schulden aufgenommen, um die Zinsen für die bestehenden Schulden zu begleichen. So wird viel Geld für den Schuldendienst ausgegeben, das fehlt, um in die Infrastruktur zu investieren. Es folgt die Abwanderung von Steuern zahlenden Betrieben und Familien. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung warnt: »Die Kluft zwischen den Gemeinden wächst: Die einen schwimmen im Geld, die anderen verschulden sich immer mehr«.

Finanzierungssituation besser denn je…

Für die Unternehmen in Deutschland ist die Sachlage deutlich. Sie können sich bei Bedarf günstig finanzieren und das Risiko einer Überschuldung und Insolvenz nimmt mit jedem Prozentpunkt bei den Zinsen ab. Die KfW-Bank fasst ihre Unternehmensbefragung 2015 wie folgt zusammen: »Niedrige Zinsen, geringe externe Finanzierungsbedarfe dank hoher Eigenfinanzierungskraft und eine konjunkturelle Erholung trotz ungünstiger Rahmenbedingungen verbessern die Finanzierungssituation der Unternehmen abermals. Niemals zuvor – seit Start dieser Befragung im Jahr 2001 – haben große wie kleine Unternehmen das Finanzierungsklima positiver beurteilt wie derzeit«. Ein Betrieb, der durch sinkende Zinskosten deutlich entlastet wird, kann Rückgänge bei der Auftragslage kompensieren. Ein Nullzins-Niveau wäre für viele Betriebe eine Alternative zu gewagten Auslandsgeschäften. Geringere Kapitalforderungen senken den Druck, immer mehr Umsatz erzeugen zu müssen.

…aber es fehlen „kreditwürdige“ Schuldner

Die von der EZB erzeugte „Geldschwemme“ hat bisher jedoch nicht zu einer Kreditschwemme geführt. Rund ein Siebtel der Unternehmer scheitern bei dem Versuch, ihren Finanzierungsbedarf mithilfe von Bankkrediten zu decken. Insbesondere kleine und junge Unternehmen haben zu wenig Bonität oder Probleme, ausreichend Sicherheiten zu stellen (vgl. kfw Unternehmensbefragung-2015).

Scheinbar widersprüchlich hierzu schreibt der Deutsche Bankenverband (11/2014) zu den Herausforderungen des Niedrigzinsumfelds, die Nachfrage nach Krediten bleibe verhalten. »Wir Banken stehen bereit und könnten wesentlich mehr Kredite vergeben, doch die Zahlen sprechen für sich.« So blieb das Gesamtvolumen der Kredite an inländische Unternehmen und wirtschaftlich Selbstständige im 3. Quartal 2014 nahezu unverändert. »Derzeit ist es sogar eher so, dass Kreditinstituten im Euroraum, die einen Liquiditätsüberschuss aufweisen, oftmals gar keine andere Wahl bleibt, als diesen bei der EZB anzulegen. Selbst wenn sie Kredite vergeben wollen – sie finden keine Abnehmer«, erklärte Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer. Um den Widerspruch aufzulösen muss man diese Äußerung um einen Halbsatz ergänzen: ... – sie finden keine Abnehmer zu den von den Anlegern verlangten Konditionen. Die Vorliebe zur Liquidität hält selbst für deutsche Unternehmen den Zins relativ hoch und Kredite knapp. Solange der zu erzielende Zinsertrag unter 3% liegt, werden langfristige Anlagen tendenziell in liquide Mittel umgewandelt. Diese Umschichtung verringert nicht nur das Kreditangebot, sie belastet auch die Bilanzen der Geschäftsbanken. Für den südlichen Euroraum verstärkt sich, aufgrund der unsichereren Rahmenbedingungen, dieses Problem massiv. Unternehmer in Spanien und Italien haben deutlich höhere Finanzierungskosten als ihre Konkurrenten in Deutschland, mit den entsprechenden Wettbewerbsnachteilen.

Die Konsumenten werden entlastet

Als Verbraucher profitieren letztlich alle Bürger von einem anhaltenden Null-Zins-Niveau. Ein Kauf auf Kredit verteuert die Ware mitunter erheblich. Je nach Laufzeit und den bisher üblichen Zinssätzen entstehen schnell Mehrkosten von 30 %. Bei der Immobilienfinanzierung war es bisher nicht unüblich, dass sich die Kosten für ein Haus durch die Zinsen verdoppelt haben. Geriet ein Konsument in Zahlungsverzug, konnten Zinslasten noch weiter steigen und Millionen Hauskäufer mussten erleben, wie steigende Zinsen die komplette Enteignung zur Folge hatten. Mit einem nachhaltigen Null-Zins-Niveau gehören solche Ungerechtigkeiten der Vergangenheit an. Auch dann werden Kredite zurückgezahlt werden müssen, aber ohne die oft halsbrecherische Zinseszinsdynamik.

Auch bei Käufen ohne Kredit spielt der Kapitalmarktzins eine wichtige Rolle. Die Zinslasten der Unternehmen werden über die Preise der Waren an die Konsumenten weitergegeben. Die Kreditkosten der Rohstofflieferanten, Transporteure, Zulieferer, Energieerzeuger, Großhändler, Einzelhändler und aller übrigen an einer Produktkette Beteiligten machten in den neunziger Jahren durchschnittlich 30 % der Warenpreise aus. Die niedrigen Zinsen wirken sich für den Verbraucher durch geringere Preise günstig aus. Die Bürger können sich mehr leisten, schaffen mehr Nachfrage und damit auch zusätzliche Arbeitsplätze. Auch so entsteht eine positive Dynamik.

Ein Teil der Bürger kann und wird mehr konsumieren, da viele Menschen Bedürfnisse haben, die zu befriedigen sind. Parallel dazu nimmt jedoch der Druck des zu investierenden Finanzkapitals ab, der traditionell oft fragwürdige Großprojekte erzwingt. Ein anhaltendes Null-Zins-Niveau macht, in Verbindung mit einer Haltegebühr auf Geld, ständiges Wirtschaftswachstum verzichtbar. Wachstum entsteht, wenn arbeitende Menschen zusätzliche Bedürfnisse entwickeln und bereit sind, dafür mehr zu arbeiten. Der Staat braucht Wirtschaftswachstum nicht länger künstlich zu subventionieren, um damit die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten zu verhindern.

Das Gegenargument

Lobbyisten von Versicherungen und Geldinstituten beklagen oft und gerne, dass Rentner und Kleinsparer durch die geringe Verzinsung ihrer Rücklagen gewissermaßen enteignet würden. »Mit Zinsen, wie wir sie etwa in den Achtzigern kannten … würden die Deutschen jedes Jahr etwa 250 Milliarden an Zinsen für ihr Erspartes bekommen«, schreibt noch im Mai 2016 Wolfram Weimer in einem Gastkommentar für das Handelsblatt. Leider unterschlägt er dabei, dass diese Zinsgewinne, die zum Großteil auf die Konten einer kleinen Besitz-Elite flossen, von den Steuerzahlern und den Konsumenten aufgebracht werden mussten.

Die Ergänzung der Geldordnung durch eine konstruktive Umlaufsicherung

Die öffentliche Diskussion über das Thema Zins kennt derzeit praktisch nur eine Meinung: Wer mehr Geld hat, als er ausgeben kann oder investieren mag, soll dafür Zinsen bekommen. Dies scheint ein moralisches Recht zu sein. Wer diese Zinsen erwirtschaftet, wird nicht diskutiert und auch das Gesetz von Angebot und Nachfrage, mit dem man ein halbes Jahrhundert lang die exorbitanten Zinsgewinne gerechtfertigt hat, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Die marktwirtschaftlich logische Tendenz zu negativen Zinssätzen wird als Machenschaft einiger Notenbanker diskreditiert. Beim Deutschen Bankenverband liest sich das so: Man könne nicht ausschließen, dass noch weitere Banken für größere Einlagen von Firmenkunden oder institutionellen Anlegern negative Zinsen berechnen würden. Schließlich müssten die Banken selbst, wenn sie das Geld bei der EZB einlegen, einen Strafzins bezahlen. (vgl: Bankenverband unternehmensfinanzierung-herausforderung-niedrigzinsumfeld/

Negative Zinssätze und die Weitergabe der Geldhortungs-Kosten an die Geldhalter sind marktwirtschaftlich notwendige und folgerichtige Entwicklungen. Die Negativzinsen der EZB und eine Gebühr auf Bargeld sind die Voraussetzungen für ein allgemeines, nachhaltiges Null-Zins-Niveau. Die Optimierung unserer Ökonomie durch ein dauerhaftes Nullzins-Niveau sollte Hand in Hand gehen mit einer stabilen, inflations- und deflationsfreien Währung. Eine erneute Bilanzausweitung der Europäischen Zentralbank könnte den Euro unnötig weiter destabilisieren. Es gibt Politiker und Ökonomen, die sich wünschen, immer neue Staatsausgaben durch das Drucken von neuem Geld finanzieren zu können. Dies wurde im Vertrag von Maastricht aus guten Gründen verboten. Die Schulden der Staaten würden andernfalls ins Unendliche anwachsen und der Euro würde inflationiert, bis alle Schulden und Geldvermögen eines Tages nichts mehr wert sind. Dies ist ein fataler Irrweg, der im großen Maße Unfrieden und Not mit sich bringt. Die direkte oder indirekte Finanzierung der Staatsschulden durch billige EZB-Kredite setzt politisch und ökonomisch falsche Anreize und ignoriert große Bereiche der Volkswirtschaft.

Es bleibt zu hoffen, dass sich mehr Ökonomen der Chancen eines allgemeinen Nullzins-Niveaus annehmen. Auch die Berichterstattung muss differenzierter werden. Es fehlt derzeit eindeutig an Fachwissen auf Seiten der Journalisten, die vielfach im ökonomischen Denken der 90er Jahre hängengeblieben sind. Europa und der Euro-Raum können nachhaltig beruhigt und stabilisiert werden, wenn alle Staaten auf Kreditzinsen nahe null zugreifen können. Diese Konditionen sollten sich allerdings aus dem Angebot am Kapitalmarkt ergeben,  und nicht aus Sonderkonditionen der Notenbank. Die spekulative Flucht der Geldanleger in die Liquidität kann durch eine wirksame Geldgebühr leicht vermieden werden. Die resultierende Umschichtung zugunsten langfristiger Geldanlagen drückt dann auf die Kapitalmarktzinsen. Auf diese Weise können alle Marktteilnehmer von dieser Entwicklung profitieren.

17.5.2016