• DE
Standpunkt 4

Banken in die Schranken

Die Vermögen sind das Problem!

Von: Helmut Creutz

Wer auf der Suche nach den Ursachen unserer derzeitigen Krisen – gleichgültig ob im Bereich der Kapitalmärkte oder Staaten – auf die Banken zielt, trifft zwar die Richtung, aber zielt zu kurz. Und wer als Ursache aller Übel die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Banken im Auge hat, zielt sogar völlig daneben. Denn zu Ergebnissen kommt man nur, wenn man über die Banken hinaus schaut, das heißt, sich den überproportionalen Entwicklungen der Geldvermögen in den letzten 60 Jahren zuwendet und mit anderen Größen in der Volkswirtschaft vergleicht.

Vergleich mit BIP und Nettolöhnen

In Darstellung 1 werden die Zunahmen der Geldvermögen mit jenen des Sozialprodukts sowie der Nettolohneinkommen verglichen, jeweils mit Zehnjahres-Durchschnittswerten. Die Zuwachsgrößen der Wirtschaftsleistung, also des BIP, stiegen in den ersten fünf Jahrzehnten unserer Wirtschaftsepoche von 9 auf 58 Mrd Euro und damit auf das Sechsfache an,

Die Geldvermögen haben sich in den letzten 60 Jahren exponentiell vermehrt. Wirtschaftsleistung und Lohnentwicklung konnten da nicht mithalten.

während die Geldvermögenszunahmen von 13 auf 336 Mrd und damit auf das 26fache eskalierten und die der Nettolöhne und -gehälter seit Ende des dritten Jahrzehnts sogar ständig zurückfielen!

Betrachtet man die Größenrelationen von 1991 bis 2000, dann nahmen die Geldvermögen p.a. mit 336 Mrd fast sechsmal so viel zu wie das BIP und 34-mal so viel wie die Löhne. Das aber heißt, diese Lohnzuwächse mit ihren 10 Mrd reichten noch nicht einmal aus, um die Zinsansprüche der zusätzlich entstandenen Geldvermögen zu bedienen, die sich – wie sämtliche Zinsen – letztlich in den Preisen niederschlagen! Das bedeutet: Die Kaufkraft der Arbeitleistenden wurde – trotz ihrer nominalen Zunahme – durch den Anstieg der Zinsbelastungen sogar reduziert!

Auf der anderen Seite bedeutet das Überwachstum der Geldvermögen nicht nur eine ständige Potenzierung des Reichtums der bereits Reichen, sondern auch seine ständige Konzentrierung auf eine zunehmende Minderheit von Millionären und Milliardären, die etwa alle zehn Jahre ihre Vermögen verdoppeln. Und da sich diese eskalierenden Bestände, trotz Ausbreitung über den ganzen Globus, schon seit langem nicht mehr in normalen Güterinvestitionen unterbringen lassen, wurden bereits seit den 1980er Jahren die Staaten zunehmend gezwungen, diese Überschüsse über Kreditaufnahmen in die Wirtschaftskreisläufe zurückzuschleusen. Doch da auch diese Möglichkeiten der öffentlichen Schuldenausweitungen schon seit vielen Jahren ihre tragbaren Grenzen überschritten haben, strömten die immer schneller zunehmenden und Rendite suchenden Geldvermögen in den letzten 15 Jahren in die spekulativen Märkte und schließlich sogar in den Bereich hochriskanter Geschäfte, an denen sich schließlich auch die Banken selbst beteiligten. Diesen Entwicklungen verdanken wir die Börseneinbrüche und Bankenpleiten, bis hin zu jenen Milliarden-Schirmen, mit denen die Staaten, obwohl selbst völlig überschuldet, die Folgen dieses tumorartig wachsenden Systems zu retten versuchen. Und der Staat heißt immer: der Steuerzahler!

 

Vergleich mit den Zinsauszahlungen der Banken

In Darstellung 2 werden die Jahres-Zuwachsraten der gesamten Geldvermögen in Deutschland noch einmal herangezogen, jetzt aber verglichen mit den Zinsauszahlungen der Banken an die Bankeinleger, ebenfalls in Zehnjahres-Durchschnittszahlen.

Vergleicht man hier die Milliardenwerte, dann wird nicht nur deutlich, in welchem Umfang sich diese Wachstumsprozesse selber nähren, sondern vor allem, dass diese Zinseszins-bedingten Rückkopplungs-prozesse ständig zunehmen! So stiegen die Zuwächse der Geldvermögensbestände, wie bereits angeführt, in den ersten fünf Jahrzehnten auf das 26fache, die Zinsauszahlungen der Banken an die Besitzer dieser Vermögen jedoch mit einem noch deutlicheren exponentiellen Trend sogar von 3 auf 189 Mrd und damit auf das 63fache! Das heißt, die Zinseinkünfte nahmen zweieinhalb Mal schneller zu als die Vermögensbestände, deren Wachstum fast nur noch von den Zinseinnahmen bestimmt wird, während die Ersparnisbildungen aus Arbeitseinkünften eine immer geringere Rolle spielen! Dabei ist noch zu beachten, dass den gesamten Geldvermögen in der Grafik nur die Zinsauszahlungen der Banken gegenübergestellt worden sind, die alleine regelmäßig veröffentlicht werden. Das heißt, die gesamten Zinseinnahmen, also einschließlich Versicherungsanlagen, Finanzmarktprodukten oder gar Sachbesitz wie Boden usw. (die – lt. Veröffentlichungen von Prof. Christian Kreiß – vom Sachverständigenrat vor einigen Jahren mit insgesamt 478 Mrd angegeben wurden!), würden die heutigen Geldvermögensbildungen sogar deutlich übersteigen!

Die eskalierenden Geldvermögen lassen sich – trotz Ausbreitung über den gesamten Globus – schon seit langem nicht mehr in normalen Güterinvestitionen unterbringen.

Selbst in dem von Börsen-, Banken- und Finanzmarktkrisen geschüttelten letzten Jahrzehnt und trotz deutlich gesunkener Zinssätze nahmen diese Bankzinserträge – wie aus der Grafik ersichtlich – weiterhin deutlich zu und überstiegen sogar mit 257 Mrd zum ersten Mal die Zunahme der Geldvermögen! Das aber kann nur bedeuten, dass die Zinsgutschriften in diesem Krisenjahrzehnt nicht wieder in voller Höhe den Geldvermögenswerten zugebucht, sondern zum Teil anderweitig untergebracht oder angelegt worden sind, evtl. auch in Sachwerten oder außerhalb der erfassten Geldvermögen in Spekulationsgeschäften usw. .

Die im Hintergrund der Darstellung 2 eingetragenen Zuwachsraten des Volkseinkommens, die seit den 1980er Jahren ähnlich wie das BIP zurückgehen bzw. stagnieren, vermitteln noch einmal die inzwischen erreichten Diskrepanzen zwischen dem monetären und dem realwirtschaftlichen Bereich, der laufend jene Vermögensbestände erweitern muss. – Ein Prozess, an dessen Ende nur ein Zusammenbruch stehen kann.

….und was ist mit den Zinseinnahmen der Banken?

Gerade weil man über deren Umfang häufig Horrormeldungen hört, ist auch hier Aufklärung sinnvoll! Von der Deutschen Bundesbank seit 1968 jährlich erfasst, werden in Darstellung 3 sowohl diese Zinseinnahmen der Banken als auch deren Auszahlungen an die Bankkunden als Kurven wiedergegeben. Aus deren Differenz ergibt sich dann jener Zinsüberschuss, der den Banken als Marge verbleibt.

Wiedergegeben in Prozent der Bilanzsumme aller deutschen Kreditinstitute, zeichnet sich zuerst einmal ab, dass die in den beiden ersten Grafiken dargestellten Zinsaufwendungen, also die Zinszahlungen an die Sparer, das Gros der Zinseinnahmen binden. Und diese Sparer sind auch diejenigen, die von den zinsbedingten Schwankungen hauptsächlich profitieren, während sich der einbehaltene Anteil der Banken dadurch weniger verändert. Ebenso zeichnet sich das besonders lange und tiefe Zinstal um 2004 und der erneute Einbruch nach 2008 in den Kurven deutlich ab. Darüber hinaus ist erkennbar, dass die Abstände zwischen den Zinserträgen und -aufwendungen, also die bei den Banken verbleibenden Zinsüberschüsse, in Zins-Anstiegsphasen eher geringer ausfallen und in den Zins-Abstiegsphasen eher steigen. Diese Widersprüchlichkeit ergibt sich aus den heute üblichen Fristentransformationen der Banken, bei denen die längeren Kredit-Ausleihezeiten durch wiederholte kurzfristige Einlagen unterfüttert werden. Als Folge schlagen Zinssatz-Veränderungen bei den kürzerfristigen Einlagen früher zu Buche, als dies sich bei den länger laufenden Krediten umsetzen lässt.

Diese sachinternen Schwankungen gehen auch aus den Veränderungen der Zinsüberschuss-Kurve hervor, die im unteren Teil der Grafik zusätzlich eingetragen ist. In den ersten Jahrzehnten eher bei zwei Prozent der Bilanzsumme liegend, sind diese Margen inzwischen fast auf die Hälfte abgesunken: Folge eines immer schärferen Wettbewerbs zwischen den Banken, der bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zu Personal-Einsparungen führte, leider aber auch – aufgrund der sich durch Zinsen selbst vermehrenden Bankeinlagen – zu einer Zunahme der spekulativ-riskanten Provisions- und Spekulationsgeschäfte.

Noch deutlicher gehen diese Veränderungen der zinsbezogenen Größen aus der nachfolgenden Tabelle hervor, bezogen auf die Zinsergebnisse bei den deutschen Banken in den letzten sechs Jahren:

Wie auch hieraus zu entnehmen, liegen die Zinsauszahlungen der Banken bei rund drei Viertel der Zinseinnahmen und damit die stärker schwankenden Zinsüberschüsse bei etwa einem Viertel, also rund 25%. Und betrachtet man das ganze Ergebnis der Gewinn- und Verlustrechnungen der deutschen Kreditinstitute im Jahr 2010, dann kommen zu den hier ausgewiesenen 92 Mrd an Zinsüberschüssen noch rund 29 Mrd Provisionsüberschüsse hinzu. Von diesen Gesamteinnahmen der Banken in Höhe von rund 120 Mrd gehen dann Verwaltungsaufwendungen – vor allem Personalkosten – in Höhe von rund 80 Mrd ab, so dass schließlich, nach allen weiteren Verrechnungen, am Ende ein „Betriebsergebnis“ von rund plus 30 Mrd übrig blieb und – nach Steuern – ein Plus von 12,5 Mrd Euro.

Angesichts dieser Zahlen sollten eigentlich auch diejenigen nachdenklich werden, die immer von riesigen Zinsgewinnen der Banken reden, aber seltsamerweise nicht von jenen, die im Schnitt der letzten sechs Jahr mit 261 Mrd p.a. an die Bankkunden ausgezahlt worden sind!

Resümee

Wie vor allem aus den ersten beiden Darstellungen deutlich wird, hängen unsere heutigen Krisen entscheidend mit dem Überwachstum der Geldvermögen zusammen, das wiederum aus dem Überwachstum der Zinsgutschriften resultiert. Dieses Überwachstum hat eine immer größere Diskrepanz zwischen Geld- und Realwirtschaft zur Folge. Die aus dieser Scherenöffnung zwischen wachsenden Geldvermögen und den Kredit-Aufnahmefähigkeiten der Wirtschaft sich ergebenden Differenzen können schließlich – wie wir erleben – auch nicht mehr durch die Staaten ausgeglichen werden, was zwangsläufig zunehmende Einbrüche auf den Märkten und wachsende spekulative Anlagen der Überschüsse zur Folge haben muss.

Doch die daraus resultierenden Probleme und deren sichtbar gewordene Folgen in einigen Euro-Ländern sind nur die Vorstufen zu noch schlimmeren Ereignissen, wenn es uns nicht endlich gelingt, dem zins- und zinseszinsbedingten Selbstvermehrungs-Automatismus der Geldvermögen Einhalt zu gebieten, jener Selbstvermehrung, die uns nicht nur zu ständig steigenden Verschuldungen zwingt, sondern ebenfalls zu jenem ständigzunehmenden Ressourcen-Verbrauch, mit dem wir die Umwelt unausweichlich zerstören.