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Silvio Gesell

Silvio Gesell (geb. 17. März 1862 in Sankt Vith; gest. 11. März 1930 in Eden bei Oranienburg) war ein deutsch-argentinischer Kaufmann. Er begründete die Freiwirtschaftslehre, auf die sich die INWO im Wesentlichen beruft.

Silvio Gesells Texte sind sehr leidenschaftlich und unterhaltsam geschrieben und mit vielen plastischen Schilderungen und Beispielen durchzogen. In dieser Kurzzusammenfassung soll jedoch der nüchterne Ökonom hervortreten, jener Silvio Gesell, der uns heute noch etwas zu sagen hat.

Silvio Gesell: Die Freiwirtschaft

Silvio Gesells Freiwirtschaftslehre baut auf wirtschaftsliberalen Vorstellungen auf und weist dem Staat – soweit erforderlich – eine Ordnungsfunktion zu. Zugleich kritisiert er die wirtschaftsliberalen Ansätze in zwei sehr grundsätzlichen Punkten:

  • Die liberalen Theorien unterscheiden nicht konsequent zwischen reproduzierbaren und nicht-reproduzierbaren Produktionsfaktoren. Insbesondere lassen sich nach Silvio Gesell Grund und Boden sowie natürliche Ressourcen weder in ökonomisch relevanter Größenordnung reproduzieren, noch unterliegen sie im Allgemeinen einer Abschreibung durch Abnutzung.

  • Gesell wirft außerdem den liberalen ökonomischen Theorien vor, dass sie über keine Geldtheorie im eigentlichen Sinne verfügen. Insbesondere verweigern sich die wirtschaftsliberalen Theorien dem Aspekt des strukturell asymmetrischen „Tausches“ Geld gegen Ware bzw. Geld gegen Arbeitskraft.

Silvio Gesell: Grund und Boden sowie natürliche Ressourcen in privater Hand?

Da sich der Boden und die Bodenschätze nicht reproduzieren lassen und auch der Bodengebrauch in der Regel keiner Abschreibung durch Abnutzung unterliegt, fordert Silvio Gesell die Vergesellschaftung oder Verstaatlichung von Grund und Boden. Dieser sollte der Allgemeinheit gehören und verpachtet werden, während (die auf dem Grund und Boden stehenden)Häuser und Gewerbeimmobilien in privatwirtschaftlichem Besitz bleiben. Analog gilt für natürliche Ressourcen, dass die Rechte an den geförderten Ressourcen der Allgemeinheit gehören, auch wenn die zur Förderung nötigen Anlagen in Lizenz oder per ausgeschriebenem Auftrag baut und betrieben werden.

In seiner Boden- Ressourcenanalyse und der darauf aufbauenden Forderung nach Abschöpfung der Bodenrente bezieht sich Silvio Gesell unter anderem auf Henry George (1839-1897). Die wesentlichen Bausteine der zugrunde liegenden Analysen wurden jedoch schon von dem klassischen Ökonomen David Ricardo (1772-1823) ausgearbeitet.

 

Silvio Gesell: Geld als neutrales Tauschmittel? Der Zins als Belohnung für das Sparen?

Bei seinen Arbeiten zum Thema Geld bezieht sich Silvio Gesell teilweise auf Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865). Gesell geht aber deutlich über dessen Ansatz der Tauschbanken hinaus. Er grenzt sich insbesondere gegen die (neo)klassischen Theorien ab, die Geld nur als eine einfache Erweiterung einer (Natural-)Tauschwirtschaft ansehen und somit ohne weitere inhaltliche Analyse die Neutralität des Geldes voraussetzen, ohne diese analytisch ableiten zu können.

Nach Silvio Gesell ist Geld aber nicht neutral, d.h. die Vorteile gegenüber dem Naturaltausch werden nicht gleichmäßig über die modernen Gesellschaften hinweg verteilt. Es existiert eine Asymmetrie zugunsten der Geldanbieter und zulasten der Waren- bzw. Arbeitskraftanbieter. Geldbesitzer können sich den Vorteil des geldbasierten Tausches im Vergleich zum Naturaltausch bezahlen lassen. Insbesondere beim Verleihen von Geld äußert sich dies im Zins.

Nach Silvio Gesell ergibt sich die Höhe von Zinsen aus der Beschaffenheit des Geldes und nicht – wie die liberalen Theorien behaupten – aus einer von Geld unabhängigen „positiven Grenzproduktivität von Realkapital“ in Kombination mit einem zum Sparen benötigten Zinsanreiz. Es verhält sich gerade umgekehrt: Der Zins als monetäres Phänomen bildet die Untergrenze unter die die Renditen auf Realkapital nicht über einen längeren Zeitraum fallen können. Der Gedanke, dass Zinsen nicht die Höhe des Sparvolumens bestimmen, wurde später von John Maynard Keynes übernommen: Sparen resultiert nach John Maynard Keynes in erster Linie aus Einkommen und nicht aus Zinsanreizen.

Dass die Geldbesitzer sich den Vorteil aus der Geldverwendung zulasten der Geldnachfrager aneignen können, ergibt sich bei Silvio Gesell aus drei gleichzeitig wirkenden Umständen:

  1. Der notwendigerweise fehlenden (heute müsste man sagen: nur zu den von der Zentralbank gesetzten Leitzinsen möglichen) Reproduktion von Geld.
  2. Dem Verwertungsdruck der Arbeitskraft der arbeitenden Menschen bzw. dem Verwertungsdruck produzierter Güter sowie
  3. der Hortbarkeit von Geld als dem allgemein anerkannten Tauschmittel.

Um den Vorteil der Geldanbieter zu neutralisieren, muss nach Silvio Gesell insbesondere die Hortbarkeit von Geld sanktioniert und Geld somit wie Waren und Dienstleitungen einem Verwertungsdruck ausgesetzt werden. Der Angebotsdruck des Geldes soll mit einer periodischen Gebühr erzielt werden. Ein solches Geld nennt Silvio Gesell Freigeld.

 

Kommentierte Links und Literaturhinweise zum Weiterlesen:

  • Ein tabellarischer Lebenslauf Silvio Gesells auf silvio-gesell.de
  • Den Kern der Gesellschen Geldtheorie fasst Silvio Gesell am prägnantesten im 5. Teil seines Hauptwerkes, „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld", insbesondere auf den Seiten 245-257 zusammen.
  • Das Hauptwerk von David Ricardo, „On Principles of Political Economy and Taxation“: Die Boden- und Bodensteueranalyse wird in den Kapiteln (Chapter) 2, 3, 10, 11 und 12 behandelt.
  • Das Hauptwerk John Maynard Keynes', The General Theory of Employment, Interest, and Money. In Chapter 9 wird erklärt, weshalb das Sparvolumen nicht aus Zinsanreizen resultieren kann.