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Geldspritzen für ein krankes System
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Dass die Auslöser der Aufregungen die Immobilienkrise in den USA und die damit faul gewordenen Kredite waren, dürfte allgemein bekannt sein. Ebenso, dass in diese Immobilienkrise auch Finanzinstitute aus dem Euroland verwickelt sind, oft sogar über mehrere Zwischenstationen. Welche Rolle aber spielen die Notenbanken mit ihren Geldspritzen?
Das von den Notenbanken ausgegebene Zentralbankgeld (ZBG) ist die Voraussetzung aller Geldgeschäfte in Wirtschaft und Gesellschaft. Es besteht aus dem in Umlauf gegebenen Bargeld und den Zentralbankgeld-Guthaben, die den Banken von der Notenbank zur Verfügung gestellt werden. Von diesen ZBG-Guthaben können die Banken aber nicht nur bei Bedarf Bargeld abheben. Sie benötigen diese Guthaben ebenfalls zur Abwicklung aller banktechnischen Verrechungen untereinander, auch für die Millionen täglicher Überweisungsvorgänge im Auftrag ihrer Kunden. Denn alle bankinternen Verrechnungen werden von den empfangenden Banken nur akzeptiert, wenn sie mit ZBG ausgeglichen werden. Das heißt, unsere Überweisungen vom Girokonto sind praktisch genauso gewichtig wie Bargeldzahlungen.
Die von den Notenbanken ausgegebenen ZBG-Kredite, welche die Banken zur Auffüllung ihres Bargeldbedarfs und ihrer ZBG-Guthaben benötigen, werden zu rund einem Drittel für drei Monate ausgegeben, das Gros jedoch nur für jeweils 14 Tage. Da sich diese kurzfristigen Kredite in zwei Tranchen überlappen, wird in der Praxis jede Woche mehr als ein Drittel der gesamten Geldbasis wieder eingezogen und erneut herausgegebenen. Dabei müssen die nachfragenden Banken jeweils ihre gewünschten Mengen und - unter Einhaltung eines vorgegebenen Mindestzinssatzes - ihre Zinsangebote nennen. Es findet also jede Woche eine Art Geld-Versteigerung statt, bei der die Notenbanken aus den Geboten der Banken Schlüsse für ihre weitere Geldpolitik ziehen können.
Wegen der mit diesen ZBG-Krediten verbundenen Zinsen, versuchen die Banken ihre Geldaufnahmen bei der Notenbank so gering wie möglich zu halten. Ebenso sind sie bestrebt, alle Überschuss- und Fehlbeträge erst einmal auf dem Geldmarkt täglich auszugleichen, auf dem sie dieses Zentralbankgeld untereinander handeln.
Die Reaktion der Banken in Krisenlagen
Kommt es jedoch - wie im August der Fall - zu plötzlichen Zahlungsausfällen im Kundengeschäft, versuchen alle Banken aus Vorsichtsgründen ihre knapp gehaltenen ZBG-Reserven fest zu halten oder sogar auszuweiten. Denn man weiß ja nie genau, wen, wann und wie die faul gewordenen Kredite am Ende treffen werden. Das heißt, die Banken halten sich liquide, indem sie Zahlungen und Kreditvergaben aufschieben, mit denen ja - direkt oder indirekt - ZBG aus ihren Beständen abfließen würde. Mit solchen Zurückhaltungen wiederum werden jedoch die Refinanzierungsmöglichkeiten anderer Banken am Geldmarkt verringert, woraus sich sehr rasch eine Kettenreaktion an Knappheiten entwickeln könnte. Als Folge steigen dann am Geldmarkt die Zinsen an. Zur Vermeidung der sich daraus ergebenden Gefahren stellen die Notenbanken den Banken, bzw. direkt dem Geldmarkt - wie jetzt geschehen - kurzfristig zusätzliches ZBG zur Verfügung.
Wie hoch waren die Geldspritzen der EZB?
Wie eingangs erwähnt, war in einigen Medien von mehr als 200 Milliarden die Rede. Diese Summe kommt aber nur zustande, wenn man die zwischenzeitlichen Rücknahmen der Kreditspritzen außer Acht lässt. Denn die nacheinander gewährten Kreditbeträge von 95, 61 und 48 Milliarden wurden jeweils nur für ein oder zwei Tage ausgereicht, mussten also sehr schnell wieder zurückgezahlt werden. Dabei wurde der jeweils verbleibende Fehlbedarf durch immer kleiner werdende Beträge ersetzt. Auf diese Weise konnten die Notenbanken Spannungen am Geldmarkt Schritt für Schritt abbauen.
Die Banken haben zwar immer die Möglichkeit jederzeit ihre Zentralbankguthaben zu überziehen. Da sie damit aber die vorgeschriebenen Mindestreserven unterschreiten, müssen sie jedoch diese Unterschreitungen bis zum Ende der jeweils laufenden vierwöchigen Mindestreserve-Periode wieder so auffüllen, dass im Perioden-Durchschnitt das Soll erfüllt wird. Darüber hinaus haben die Banken auch noch weitere Möglichkeiten, jederzeit an ZBG zu kommen. Allerdings nur zu einem Zinssatz, der einen Prozentpunkt über dem normalen Refinanzierungssatz von derzeit vier Prozent liegt. Um diese Mehrkosten zu vermeiden greifen die Banken - wenn überhaupt - nur in Ausnahmefällen und fast nur für Übernachtkredite auf diese freien Möglichkeiten zurück. Die jetzt zusätzlich eingeräumten Geldspritzen wurden dagegen zu den Sätzen der normalen wöchentlichen Refinanzierungen ausgegeben, die bei knapp über vier Prozent liegen.
Hat es ähnliche Situationen schon einmal gegeben?
Geldspritzen wie in diesem August haben die Notenbanken bisher schon mehrmals den Banken zukommen lassen. So z. B. nach dem Terroranschlag im September 2001, aber auch bei der Ostasienkrise oder den Angriffen der Großspekulanten auf Pfund und Franc Anfang der 1990er Jahre. Die Notenbanken sind also in der Lage, Stockungen auf den Geldmärkten durch solche Einschüsse von ZBG kurzfristig auszugleichen um damit den Geldfluss in Bewegung zu halten. Mit dem Auslöser dieser Stockungen, nämlich den faul gewordenen und noch werdenden Immobilienkrediten, haben diese Geldspritzen aber nichts zu tun. Diese Verluste können nur von den Banken selbst aufgefangen werden, notfalls mit Hilfe ihres Eigenkapitals oder des Sicherungsfonds, den die Banken gemeinsam gefüllt haben. Reicht das nicht, drohen Bankenpleiten, bei denen aber - zumindest die normalen kleineren - Einlagen abgesichert bleiben. Notfalls würden staatliche Banken oder Krediteinrichtungen einspringen, wie kürzlich bei der IKB die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Das aber heißt, auf diesem Wege würden letztendlich die Steuerzahler für die Verluste gerade stehen. Wer aber nicht herangezogen wird, sind die Geldanleger, die über Jahre hinweg die Kreditnehmer zu hohen Zinszahlungen gezwungen haben und damit die eigentlichen Verursacher der Krisen sind! Würde man sie ins Gespräch bringen, würden diese erschreckt ihr Geld vom Markt zurückziehen, was sofort die Zinsen höher treiben würde!
Die Notenbanken haben mit den Ersparnisbildungen und den daraus gewährten Kreditvergaben nichts zu tun. Sie müssen nur dafür sorgen, dass für alle diese Geschäfte jeweils genug Tauschmittel zur Verfügung stehen. Die Größe der damit getätigten Geschäfte hängen dagegen von der Häufigkeit der Benutzung des Tauschmittels Geld ab. Das heißt, so wie die Umsätze in den Läden können auch die Ergebnisse dieser Geldnutzungen bei den Banken, also die Ersparnis- und Kreditbestände, ständig weiter wachsen, auch bei gleich bleibender Geldmenge!
Auf diese Weise sind die Einlagen der Bankkunden in Deutschland von 15,4 Milliarden 1950 auf 5.517 Milliarden Euro 2005 angestiegen, und die daraus gewährten Bankkredite von 14,4 auf 4.824 Milliarden, also auf rund das 350-fache! Das von der Bundesbank ausgegebene Zentralbankgeld - also Bargeld und Guthaben bei der Bundesbank - stieg dagegen in den 55 Jahren von 5,1 auf 186 Milliarden Euro und damit "nur" auf das 37-fache an!
Diese Scherenöffnung zwischen Geldversorgung und der Entwicklung der Geldvermögen, die hauptsächlich durch die ständig positiven Zinsen bedingt ist, könnte den Notenbanken bei der Beherrschung von Krisen zunehmend Schwierigkeiten bereiten. Denn ihr "Hebel", die tatsächliche Geldmenge, wächst ja "nur" im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung und wird damit im Verhältnis zu den Geldvermögen und den Geschäften auf den Finanzmärkten relativ immer kleiner! Das heißt, die Notenbanken werden eines Tages als Nothelfer überfordert sein. Bremst man diese Eskalation der Geldvermögen nicht endlich ab, müssen also mit jeder Krise die Kollapsgefahren für das gesamte Finanzsystem zwangsläufig zunehmen.
Dieser Artikel ist der Zeitschrift FAIRCONOMY entnommen, die für 10 Euro im Jahresabo zu haben ist. Zwei kostenlose Ausgaben können über das Kontaktformular bestellt werden.
Abbildungen
Daxverlauf: wikipedia/Thomas Richter
Karikatur: Eugen Kment/eugenartig.com
von Helmut_Creutz - 29. August 2007
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