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Warum Zinsen unter null weder ungerecht noch unnatürlich sind

The Economist erzählt Silvio Gesells Robinsonade nach! In der aktuellen Printausgabe des Economist erscheint unter der Überschrift "Negative justice" ein Beitrag über Silvio Gesells Idee, das Geld wie die Waren "rosten" zu lassen. Die Bank of Japan, die 2016 Negativzinsen eingeführt hat, vermeide zwar eine solche Beschreibung ihrer Politik, verfolge aber im Grunde Gesells Traum.

Online findet sich die Geschichte unter der Überschrift "Why sub-zero interest rates are neither unfair nor unnatural - When borrowers are scarce, it helps if money (like potatoes) rots" ( zu Deutsch: "Weshalb Zinsen unter null weder ungerecht noch unnatürlich sind - Wenn es an Kreditnehmern mangelt, hilft es, wenn Geld wie Kartoffeln fault").

Kurze Ausschnitte aus Silvio Gesells Robinsonade, die wir im März noch in der FAIRCONOMY abgedruckt hatten, werden von der auflagenstarken britischen Wochenzeitung nacherzählt. Einleitend wird daran erinnert, dass auch der berühmte amerikanische Ökonom Irving Fisher 1930 in “The Theory of Interest” eine Fassung der Robinsonade brachte, in der er anhand von trockenem Zwieback, den schiffbrüchige Seeleute untereinander aufteilten, deutlich machte, dass Zinsen keinesfalls natürlicherweise positiv sein müssen.

Gesells Version ist allerdings ausgefeilter. Im April letzten Jahres hatten wir unter dem Titel "Von Robinson lernen" in der Frankfurter Rundschau auf Gesells Robinsonade hingewiesen. Und unser Vorsitzender Felix Fuders hatte im Dezember 2016 in der Fairconomy die Hintergründe erklärt, hier insbesondere im Abschnitt "Mythos Negativzins".

Stamp Scrip

Irving Fisher hatte 1933, als Gesell bereits verstorben war, in seinem Buch "Stamp Scrip" praktische Möglichkeiten einer Gesellschen Umlaufsicherung als Ausweg aus der damaligen schweren Wirtschaftskrise beschrieben. Fishers Berater war damals der aus Deutschland ausgewanderte Gesell-Anhänger Hans Cohrssen.

1933 war die Arbeitslosigkeit in den USA auf 25% angestiegen. In vielen Kommunen wurde Notgeld ausgegeben, um auch in der Deflation ein Zahlungsmittel zur Verfügung zu haben. Die umlaufgesicherten Scrips hatten 52 Kästchen auf dem Rücken und mussten wöchentlich durch das Aufkleben eine 2-Cent-Marke aktuell gehalten werden. Dadurch wurde der schnelle und vor allem stetige Umlauf gesichert. Heute könnte das altmodisch erscheinende Aufkleben von Klebemarken beispielsweise durch automatisches Abbuchen von anonymen Geldkarten ersetzt werden. Unserer Wirtschaft und Gesellschaft wäre mit einer solchen Maßnahme in jedem Fall auch heute wieder gedient. Einige Monetärökonomen wie Willem Buiter, Miles Kimball, Kenneth Rogoff und Marvin Goodfriend haben heute wieder eine Ahnung von der Bedeutung Gesells, wenn er auch bislang noch unzureichend rezipiert wurde.

Rostendes Geld in Japan?

Die Bank of Japan scheue solche Worte, heißt es am Ende des Beitrags in Bezug auf "rostendes Geld", "Doch indem sie 2016 einen Negativzins erhob und sich drei Jahre zuvor ein Inflationsziel setzte, verfolgt sie im Grunde Gesells Traum eines rottenden und rostenden Geldes, wenn auch nur um 2% jährlich."

Der minimale Negativzins in Japan, der zudem durch Freibetragsregelungen (tiering) abgeschwächt und nicht auf die Guthaben der Privat- und Geschäftskunden der Geschäftsbanken durchwirkt, ist nicht das, was Gesell sich vorstellte. Gesell wollte Kreditnehmer von Zinskosten entlasten und marktgerecht von der Kapitalfülle profitieren lassen. Stattdessen sollten diejenigen belastet werden, die die Zahlungsmittel vom Markt zurückhalten (horten).

Mit seiner Aussage zum Negativzins in Japan hat der Economist zwar tendentiell Recht, mit dem Inflation-Targeting hatte Silvio Gesell dagegen rein gar nichts zu tun. Die Doppelstrategie minimaler Negativzinsen bei gleichzeitig angestrebter Inflation, die nicht nur von der BoJ, sondern auch von der EZB verfolgt wird, ist nur die Konsequenz aus einer bislang unvollendeten Zinspolitik. Willem Buiter spricht von einer noch bestehenden "Asymmetrie", die überwunden werden muss.

Solange das Bargeld nicht in die negative Verzinsung einbezogen wird, kann es keine wirklich effektiven Negativzinsen geben!

 

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Quelle: https://www.economist.com/news/finance-and-economics/21736140-when-borrowers-are-scarce-it-helps-if-money-potatoes-rots-why-sub-zero