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Jubel bei Landwirten und Bauernverbänden?

Die Kunden der Landwirtschaftlichen Rentenbank in Frankfurt bekommen Kredite zu negativen Zinsen. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten arbeitet die neue Landwirtschaftsmaschine ausschließlich für den Bauern und nicht mehr für den Profit des Kapitalgebers. Was Christian Siedenbiedel auf FAZ.net beschreibt, ist nichts weniger als der Beginn der Entkapitalisierung der Landwirtschaft.

Mit fast 500.000 Euro Kapital je Erwerbstätigen gehört die Landwirtschaft zu den kapitalintensivsten Branchen überhaupt. Ob der Landwirt seine 200.000-Euro-Maschine mit 7 Prozent, 3 Prozent oder minus 1 Prozent finanziert, macht für ihn einen gewaltigen Unterschied. Der kann bis zu 16.000 Euro pro Jahr ausmachen.

Wenn eine Investition in den Hof ansteht, stellen sich drei Fragen: Ist die Investition notwendig? Kann ich damit meinen Gewinn steigern? Kann ich den Zins für den Geldgeber verdienen? Entscheidend für das Zustandekommen eines Kredits ist letztlich ausschließlich die Realisierung der Zinsforderungen.

Seit 600 Jahren, dem Ende der Brakteatenzeit, finanzieren deutsche Landwirte die Profite der Kapitalbesitzer und Hunderttausende sind an den Zinslasten zu Grunde gegangen. Selbst nach der sogenannten Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert mussten die Bauern den damals gegründeten Rentenbanken regelmäßig Geld zahlen, das nicht etwa an den Staat floss, sondern an die mit verzinsten Schuldverschreibungen (Rentenbriefen) als Kapitalabfindung entschädigten Grundherren. Als diese Schuldverschreibungen endlich getilgt waren, wurden die Bauern im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft in neue Kapitalabhängigkeiten gedrängt.

Die Befreiung von den Zinslasten ist für die Landwirte die wichtigste ökonomische Veränderung seit den Bauernaufständen. So kann die Landwirtschaftliche Rentenbank womöglich zukünftig ihrem Auftrag gerechter werden, eine Förderbank für die ländliche Entwicklung sein. Wenn es dann auch noch gelingt, auch den Boden dem Primat der Kapitalmaximierung zu entziehen, bieten sich der bäuerlichen Landwirtschaft ganz neue gesellschaftliche Perspektiven. Auch für die Verbraucher wären die positiven Folgen enorm, denn die meisten Lebensmittelskandale der letzten Jahre hängen mit einer finanzialisierten Agroindustrie zusammen.

Man sollte meinen, dass nun eine Woge der Begeisterung durch die Bauernverbände rollt. Doch diese Begeisterung sucht man vergeblich. Wie den meisten Bankern, sind auch den Agrarlobbyisten und Landwirtschaftsfunktionären Negativzinsen suspekt. Sie klagen lieber über fehlende Zinserträge des eigenen Vermögens, als über die gewaltige Entlastung der landwirtschaftlichen Betriebe zu jubeln.

Christian Siedenbiedels Beitrag »Bauern bekommen Geld fürs Schuldenmachen« beschreibt eine ungeheuer entlastende Entwicklung für Millionen Landwirte und andere verschuldete Unternehmer. Trotz dieser Pionierleistung merkt man dem Artikel an, dass dem Autor selbst nicht ganz wohl ist bei der Beschreibung der Lage. Auch er hat das Trommelfeuer der Zins-Jammerer in den Ohren. Doch bereits in seinem Kommentar »Negativzinsen für alle?« schreibt er: »Gleichwohl haben die Jahre seit der Finanzkrise gelehrt, dass es im Bankenwesen nichts gibt, das man ausschließen sollte.«

Lesen Sie dazu bitte auch »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld«, »CSU-Minister will Spekulation mit Ackerland stoppen« und »Grundsteuer: Zeitgemäß!«

Klaus Willemsen, 5.4.2017

 

Verwendete Quellen:

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/landwirte-erhalten-negative-zinsen-auf-ihre-schuld-14956092.html

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/negativzinsen-fuer-alle-sind-juristisch-heikel-14951627.html

http://www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/

http://www.inwo.de/medienkommentare/csu-minister-will-spekulation-mit-ackerland-stoppen/

http://www.grundsteuerreform.net/