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Autos sind uns mehr wert als gute Pflege

...titelt Detlef Esslinger in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung. Sein Appell an die Pflegekräfte, sich stärker gewerkschaftlich zu organisieren, ist zweifelsohne richtig, greift aber zu kurz.

»Pfleger bekommen fürs Hinternabwischen nur einen Hungerlohn« schreibt Esslinger und stellt dar, dass Beschäftigte in der Metallindustrie gut das Doppelte verdienen, bei kürzerer Wochenarbeitszeit. Um die Arbeit der Pflegekräfte aufzuwerten, bräuchte es vor allem einen Tarifvertrag und der sei »in der Pflege so leicht möglich wie anderswo auch«.

Es ist anzunehmen, dass das Auto als Prestigeobjekt in unserer Gesellschaft noch immer einen höheren Stellenwert hat als die Pflege unserer Angehörigen. Und dies wirkt sich sicherlich auch auf das Lohnniveau aus. Das Lohngefälle hat ferner damit zu tun, dass in der Pflege ein höherer Frauenanteil beschäftigt ist und der gewerkschaftliche Organisationsgrad geringer ist. Doch Esslinger unterschlägt in seinem Kommentar einen entscheidenden Faktor: In der Automobilindustrie geht es in erster Linie darum, für viel Kapital den größtmöglichen Profit zu erzielen. Das Kapital finanziert die Lobby, die der Politik die entscheidenden Rahmenbedingungen diktieren kann. Der Pflege fehlt eine entsprechend starke Lobby, weil das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital ein gänzlich anderes ist.

Auch im Gesundheitssektor gibt es Bereiche, die mit der Automobilproduktion vergleichbar sind: in der Gerätemedizin beispielsweise und in der Pharmazie. Ganz wesentlich für den Nachdruck bei Gehaltsforderungen ist, neben dem Organisationsgrad der Beschäftigten, der Umstand, wie viel Kapital in einen einzelnen Arbeitsplatz investiert ist. Das Verhältnis von Arbeit und Kapital zu beachten ist wichtig, um den historischen und ökonomischen Kontext zu verstehen und um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Entscheidend für das Lohnniveau und letztlich für einen gerechten Arbeitsertrag ist die Frage: Wie groß ist der Anteil des Kapitals am gesamten Bruttosozialprodukt? Niedrige Zinsen und eine Abschöpfung der Bodenrente minimieren den Kapitalertrag und vergrößern entsprechend den Arbeitsertrag, sprich die Lohnsumme. Erst die Entmachtung des Kapitals schafft gleiche Voraussetzungen beim Kampf um die gerechte Entlohnung der Arbeit. Diese Feststellung ist kein Beitrag zum Klassenkampf, sondern notwendig für einen gerechten gesellschaftlichen Ausgleich.

»Entweder machen die Pfleger ihre Gewerkschaft Verdi so stark wie die Metaller ihre IG-Metall. Oder sie werden noch in 100 Jahren weniger erhalten als jemand in der Industrie«, resümiert Detlef Esslinger und erzeugt damit eine unrealistische Hoffnung. Erst wenn es gelingt, ein dauerhaft funktionierendes Zinsniveau um null Prozent zu realisieren und die reine Bodenrendite der Gesellschaft zuzuführen, werden die Beschäftigten in allen Branchen den ihnen zustehenden Arbeitsertrag erlangen können.

Lesen Sie dazu bitte auch »Die Linke rechtfertigt kapitalistische Strukturen«, »Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld« und »Grundsteuer: Zeitgemäß!«

Klaus Willemsen, 1.2.2018

Verwendete Quellen:

www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streiks-autos-sind-der-gesellschaft-mehr-wert-als-pflege-1.3848138

http://www.inwo.de/medienkommentare/die-linke-rechtfertigt-kapitalistische-strukturen/

http://www.geldreform.eu/stabile-waehrung-durch-haltegebuehr-auf-geld/

http://www.grundsteuerreform.net/