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1916 - 2016: Hundert Jahre „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“

Silvio Gesell über die angebliche „Enteignung der Sparer“ durch sinkende Zinsen.

„Der Rückgang des Zinsfußes ist ja bedauerlich vom Standpunkt der schon beschriebenen Seiten meines Sparkassenbuches, aber umso erfreulicher ist er vom Standpunkt der unbeschriebenen. Und diese sind bei weitem in der Mehrzahl.

Denn Zins! Was ist denn Zins? Wer bezahlt den Zins?

Was ich heute spare, das ist das, was mir von meinem Lohn übrigbleibt, nachdem ich in meinen persönlichen Ausgaben meinen Teil entrichtet habe von den Zinsen, die der Staat und die Gemeinde ihren Gläubigern zahlen müssen, die von den Kapitalisten gefordert werden für die Benutzung der Häuser, Maschinenanlagen, Vorräte, Rohstoffe, Eisenbahnen, Kanäle, Gas- und Wasser-Anlagen usw. Fällt der Zins, so wird alles entsprechend billiger und ich werde entsprechend größere Summen sparen können. Meinen Verlust an Zinsen auf die schon gesparten Summen werde ich also tausendfach wiedergewinnen durch meine größeren Ersparnisse. (…)

 

Also weit entfernt, mir zu schaden, würde mir der völlige Wegfall des Zinses das Sparen ganz außerordentlich erleichtern. (…)

 

Die Rentner* mögen den Rückgang des Zinses beklagen; wir Sparer oder sparenden Arbeiter müssen dagegen ein solches Ereignis freudig begrüßen. Wir werden niemals von Renten leben können, wohl aber von unseren Ersparnissen, und zwar mit Behaglichkeit bis an unser Lebensende. Wir werden unseren Erben auch keine Zinsquelle (Kapital) hinterlassen, aber haben wir für unsere Nachkommen nicht genug gesorgt, wenn wir ihnen wirtschaftliche Einrichtungen hinterlassen, die ihnen den vollen Arbeitsertrag sichern?“

 

*Unter „Rentnern“ sind hier nicht Altersrentner zu verstehen, sondern Bezieher von „Renten“ = leistungslosen Kapitaleinkommen.

Quelle: Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. In: Gesammelte Werke, Band 9, Fachverlag für Sozialökonomie, 1991. S. 162f.