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Gerechtigkeit

Im Geldsystem der Fairconomy ist die Gerechtigkeit ins wirtschaftliche Betriebssystem eingebaut. Gerechtigkeit wird in den Spielregeln festgelegt. Die Spielregeln sind so gestaltet, dass sich die Gier am Markt nicht durchsetzen kann. Gerechtigkeit muss nicht gegen den Markt durchgesetzt werden, sondern entsteht mit dem Markt als Nebenprodukt eines stabilen und effizienten Geldsystems.

Wenn leistungslose Einkommen für Nichtbedürftige gar nicht erst auftreten (in der Primärverteilung), braucht der Staat auch weniger einzugreifen (in der Sekundärverteilung). Wenn der Zins keine Umverteilung mehr erzeugt, braucht der Staat entsprechend weniger Anstrengungen zur Rückverteilung durchführen.

Entsprechendes gilt für die Abschöpfung der Bodenrente. Vorstellbar ist die Wiederbelebung der Allmende in umfangreicherer Form. Prinzipiell sollen alle Menschen gleichberechtigt Zugang zu Land und Ressourcen bekommen. Dies gelingt über eine Pro-Kopf-Rückverteilung der staatlich abgeschöpften ökonomischen Renten aus Boden und Ressourcen. Maßnahmen gegen Umweltverschmutzung und Übernutzung (wie z.B. Öko-Abgaben) werden so politisch leichter durchsetzbar, weil sie im Interesse aller sind und niemand übervorteilt oder benachteiligt wird.

Das leistungsgerechte Einkommen für alle Arbeitenden bei Vollbeschäftigung kann durch ein bedingungsloses Grundeinkommen aus dem Bodenertrag ergänzt werden. Auch andere ökologisch notwendige Abgaben zur Begrenzung des Ressourcenverbrauchs können bei einer Pro-Kopf-Rückverteilung das Einkommen derjenigen erhöhen, die sich ressourcenschonend verhalten. Ein umweltbewusster Lebensstil wird auf diese Weise ökonomisch gefördert.

Stabilität und Frieden

Mit den beschriebenen Wegen wird die Grundlage für Stabilität im ökonomischen, sozialen und ökologischen Bereich geschaffen.

Ökonomisch: Ein neutrales Geld ermöglicht ein optimales Wachstum bis in die Sättigung des Bedarfs hinein. Nullwachstum wird ein erlaubter und stabiler Systemzustand. Spekulationen im großen Stil werden eingedämmt, Wirtschaftskrisen werden damit in Häufigkeit und Ausmaß stark reduziert. Das gleichmäßig zirkulierende Geld ist ebenso die Grundlage für eine echte Konstanz der Kaufkraft des Geldes (Zielgröße für die Inflationsrate gleich null, d.h. echte Preisniveaustabilität), denn die Gefahr einer Liquiditätsfalle ("Deflation") besteht nicht mehr.

Sozial: Gleichmäßiger Geldumlauf sorgt für gleichmäßigen Warenabsatz und damit für gleichmäßig hohe Beschäftigung. Das Risiko des Arbeitsplatzverlustes wird verringert bzw. durch eine hohe Wahrscheinlichkeit, einen neuen akzeptablen Arbeitsplatz zu finden, kompensiert. Das langfristige Zinsniveau von etwa null sorgt dafür, dass Arbeit gleichbleibend hoch entlohnt wird. Der Staat behält seinen finanziellen Handlungsspielraum für Transferleistungen, da Transfers immer weniger benötigt werden und die Zinsbelastung für die Staatsschuld fast verschwindet.

Ökologisch: Die Leistung der Volkswirtschaft mit neutralem Geld und gleichberechtigtem Zugang zu natürlichen Ressourcen orientiert sich einzig und allein am Bedarf der Menschen. Ist der Bedarf befriedigt (Sättigung), wird die Wirtschaft nicht mehr wachsen. Ewiges Wachstum als politisches Ziel - bei Realisierung verbunden mit ständig zunehmendem Ressourcenverbrauch - entfällt. Mit dem Verschwinden dieses Zieles gewinnt die ökologische und ethische Bewertung von Risikotechnologien (Atomkraft, Gentechnik, ...) wieder die Oberhand. Durch die neue Eigentumsordnung der natürlichen Ressourcen ist ein Anreizsystem geschaffen, das dazu anhält, sparsam mit diesen Ressourcen umzugehen. Das individuelle Interesse - hohe Erträge bei geringen Kosten - fällt mit dem allgemeinen Interesse - nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen - zusammen.

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass innerhalb einer solchen Gesellschaft ein Bürgerkrieg ausbricht oder dass von ihr ein Krieg nach außen ausgeht. Denn Krieg setzt Macht und unzufriedene Menschen voraus. Die FAIRCONOMY ist "machtlos". Keiner hat mehr Macht über den anderen als umgekehrt.

Freiheit und Würde

Bei Vollbeschäftigung in unserem Sinne kann jede/r nach ihren/seinen Möglichkeiten selbst entscheiden, wann sie/er wie viel arbeitet. Dadurch kann ein leistungsgerechtes Einkommen erzielt werden. Unter solchen Bedingungen herrscht weitgehende Selbständigkeit der Individuen. Wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglicht soziale und kulturelle Entfaltung.

Vollbeschäftigung

Eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung besteht darin, dass jeder Mensch, der arbeiten will, auch Arbeit findet – und zwar in dem Umfang, den das Individuum sich wünscht. Vollbeschäftigung heißt nicht, dass jeder in einem Vollzeitarbeitsverhältnis steht, sondern dass jeder mit seinem zeitlich individuellen Arbeitsangebot auf Nachfrage stößt und damit Arbeitseinkommen erzielen kann. Die Lösung der Aufgabe, Vollbeschäftigung wirtschaftspolitisch zu erreichen, ist weltweit wichtig, um Migrations- und Fluchtursachen zu verringern. Sie ist aber auch eine Voraussetzung, um vor Ort auf Dauer eine friedliche, soziale und für alle Menschen lebenswerte Gesellschaft zu gestalten. Auch in Deutschland sind wir in diesem Sinne von Vollbeschäftigung weit entfernt.(1)

Warum kommen das Arbeitskräfteangebot und die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage quantitativ nicht zur Deckung? Diejenigen, die arbeiten möchten, aber keine Anstellung finden, wollen in der Regel arbeiten, um Einkommen zu erzielen, das sie auch ausgeben wollen. Wenn sie Arbeit hätten, würden sie mehr nachfragen. Und wenn die Gesamtnachfrage größer wäre, würden sie Arbeit finden. Wie bekommt man diese beiden Stränge zusammen? Für Unternehmer lohnt sich ein wirtschaftliches Angebot nur dort, wo eine Nachfrage zu Preisen zu erwarten ist, welche die Angebotskosten voll decken. Die Gretchenfrage der Ökonomie lautet: Schafft sich das bedürfnisgerechte Angebot die Nachfrage oder gibt es da Hindernisse?

Zwei Faktoren sind entscheidend: die unbefriedigten Bedürfnisse und die zahlungsfähige und zahlungsbereite Nachfrage. Das volkswirtschaftlich erklärungsbedürftige Problem ist, dass arbeitswillige Bedürftige keine Arbeit finden, um Einkommen zu erzielen, mit dem sie Nachfrage halten bzw. schaffen können. Die Erklärung hierfür: Die Arbeitslosen finden keine Arbeit, weil mehr oder weniger Wohlhabende Einkommen erzielen, die nicht zu hundert Prozent zu Nachfrage werden.(2) Hinzu kommt, dass der Produktivitätsfortschritt Arbeitskräfte freisetzt, wenn die Gesamtwirtschaft nicht mindestens im Maße des Produktivitätsfortschritts wächst.(3)

Fünf Prozent Arbeitslosigkeit heißt, es könnte bei Vollbeschäftigung fünf Prozent mehr produziert werden. Den Gegenwert dieser zusätzlichen gesamtwirtschaftlichen Leistung bekämen die vorher Arbeitslosen. – Die negative Entwicklung zur Arbeitslosigkeit beginnt bei den Einkommensdispositionen derer, deren Bedürfnisse im Wesentlichen gedeckt sind. Man muss sich klar machen, dass Bedürfnisse nur zu Nachfrage führen, wenn Geldeinkommen (oder Geldvermögen) vorhanden ist. Die Bedürfnisse prägen die Nachfrage nur, insoweit Geld ausgegeben, also Nachfrage überhaupt gehalten werden kann und auch gehalten wird.

Das zugrundeliegende Problem sind vor allem die allzu großen Entscheidungsspielräume der Geldbesitzer. Sie können nicht nur entscheiden, ob sie konsumieren oder sparen oder Geld verschenken, damit andere konsumieren oder in Sachkapital investieren können – sie werden auch nicht angehalten, diese Entscheidungen unverzüglich zu treffen. Sie halten ganz unbewusst den volkswirtschaftlichen Prozess des Produzierens und Konsumierens an, indem sie sich oft viel Zeit lassen, ihre Entscheidungen zu treffen. Unterbeschäftigung ist just in time die Folge. Verlorene Zeit ist volkswirtschaftlich unwiederbringlich.(4)

Abhilfe schafft hier die von der INWO und ihren Partnern angestrebte Geldgebühr. Sie aktiviert die übermäßig „gehorteten“ (kurzfristig verfügbar gehaltenen) Geldbestände.(5) Das Ziel ist ausdrücklich nicht der Mehrkonsum derjenigen, deren Bedürfnisse nach ihrer eigenen Meinung schon gedeckt sind. Es geht darum, dass ihr Geld von anderen ausgegeben werden kann, indem sie dazu gebracht werden, es zeitnah zu verleihen oder zu verschenken. Sie sollen auch angehalten werden, dasjenige, was sie verleihen, so langfristig festzulegen, wie sie es selbst entbehren können. Mit anderen Worten, sie sollen angehalten werden, ihren „Hang zur Liquidität“ (Keynes) selbst im Zaum zu halten.(6) Das aktivierte Geld schafft Nachfrage, die wiederum Arbeitsplätze schafft.

Welche Auswirkungen hat die Reform auf niedrigqualifiziert Beschäftigte?

Die persönliche Qualifikation bestimmt die Art der Arbeiten, die vom Einzelnen angeboten werden können. Die stärker nachgefragten Arbeitsleistungen werden besser bezahlt. Das bewirkt in der Marktwirtschaft die Lenkung der Arbeitsangebote im Sinne der Befriedigung der Bedürfnisse der Nachfrager, ohne in die persönliche Freiheit der Arbeitsanbieter mit Befehlen einzugreifen.

Bei Vollbeschäftigung bekommen auch die Niedrigqualifizierten eine Chance, weil die besser Qualifizierten nicht mehr genötigt sein werden, ihnen Wettbewerb zu machen, um überhaupt Arbeit zu bekommen. Weil die Unternehmen immer den Bestqualifizierten einstellen, den sie finden können, sind in der unterbeschäftigten Wirtschaft viele Mitarbeiter für ihren Arbeitsplatz überqualifiziert. Die (teilweise) Überqualifizierten, würden gerne ihren Arbeitsplatz verändern durch Abgabe von Aufgaben an weniger Qualifizierte und Ausweitung der Aufgaben, für die sie besonders qualifiziert sind. Unterbeschäftigt sind nicht nur die Arbeitslosen und diejenigen Teilzeitbeschäftigten, die gerne mehr arbeiten würden, sondern auch die vielen für ihren jetzigen Arbeitsplatz überqualifizierten Mitarbeiter. Auch ihr Leistungspotential wird von der unterbeschäftigten Volkswirtschaft nicht voll genutzt. Dementsprechend ist ihr Einkommen geringer als es sein könnte. – Wenn sich der Wettbewerbsdruck auf die Niedrigqualifizierten verringert, werden ihre Einkommen rascher steigen als die Durchschnittseinkommen. Mit zunehmender Verringerung der Einkommensdifferenzen – ohne vollständige Angleichung der Einkommen – werden auch die Niedrigqualifizierten mit Vollzeitarbeitsverhältnissen von ihren Einkommen leben können.

Dies ist der Weg zur Vollbeschäftigungsökonomie. Vollbeschäftigung hat einen grundlegenden Einfluss auf das Verhältnis des Unternehmers zu seinen Mitarbeitern. Wenn Arbeitskräfte knapp sind, führt dies zu einer Aufwertung der Stellung der Arbeit im Unternehmen. Richtig verstandene Vollbeschäftigung stellt Chancengleichheit für alle her.

 

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(1) Die Erwerbsfähigen, die nicht arbeiten wollen, um ein Erwerbseinkommen zu erzielen, sind kein volkswirtschaftliches Problem. Vielleicht wollen sie etwas durch Arbeit leisten, was (noch) nicht nachgefragt wird und von ihnen deshalb verschenkt werden muss, wenn es anderen zugutekommen soll. Diese Situation der „Überproduktion“ ist typisch (und nicht ungesund) im Kulturleben. Aber auch die echt Faulen, die sich von anderen „durchfüttern“ lassen, sind kein volkswirtschaftliches Problem, sondern allenfalls ein Problem derjenigen, die diese durchfüttern.

(2) Das entzieht sich der persönlichen Beobachtung, weil sich das Problem im niedrigen einstelligen Prozentbereich abspielt. So wenig es möglich ist, ohne Anlegen einer Messlatte (eines Zollstocks oder Meterstabs), also nur nach Augenmaß zu erkennen, ob ein Stab 98 cm oder 100 cm oder 102 cm lang ist, so wenig sieht man ohne die Hilfe von ausgefeilten Statistiken, ob eine Volkswirtschaft um zwei Prozent wächst oder um zwei Prozent schrumpft. In diesem Bereich spielen sich doch heute die gesamtwirtschaftlichen Schwankungen im Regelfall ab.

(3) Rationalisierungen sind in diesem Kontext Einsparungen von Arbeit, aber nicht von Einkommen. Sie münden in eine "Arbeitslosigkeit" ohne Einkommensverlust, d.h. Arbeitszeitverkürzung. Auch Arbeitszeitverkürzung ist eine Form der Freisetzung. Diese ist volkswirtschaftlich unproblematisch, wenn sie auf einer individuellen Entscheidung beruht. Jeder soll so viel arbeiten können, wie er selbst arbeiten will, um Einkommen zu erzielen. Jeder soll selbst entscheiden, ob er am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt durch mehr Freizeit oder durch mehr Einkommen teilhaben will.

(4) In anderen Worten: Durch die anhaltend extrem flache Zinsstruktur und die ausbleibende Inflation fehlt eine Motivation, sein Geld langfristig anzulegen oder es selber auszugeben. Auch zusätzliche Investitionen erscheinen mangels vielversprechender Konjunkturaussichten (Nachfragemangel) wenig attraktiv. So fällt die Entscheidung der Geldbesitzer immer öfter zugunsten der kurzfristigen Geldhaltung aus, da sie dabei alle Freiheiten haben und flexibel reagieren können. Die spekulative Geldhortung nimmt seit Jahren massiv zu und kann auf mehrere Billionen Euro beziffert werden.

(5) Siehe Positionspapier „Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld“ unter www.geldreform.eu

(6) In der aktuellen Niedrigzinsphase meinen die meisten Geldbesitzer, eine langfristige Anlage sei ein Fehler, weil die Zinsen wieder steigen werden. Heute schon langfristig anzulegen, was langfristig entbehrlich ist, halten sie für falsch, weil bald wieder höhere Zinsen kommen werden. Diese Zinserwartung führt zu einem enormen Druck auf die Notenbanken, die Leitzinsen wieder zu erhöhen. Dies geschieht, obwohl die Leitzinsen bei realer Betrachtung, unter Berücksichtigung der gesunkenen Inflation, von 2012 bis 2014 trotz schwacher Konjunktur schon um 2% gestiegen sind. Siehe dazu das Positionspapier „Der Euro-Leitzins ist nicht konjunkturgerecht!“ auf http://sffo.de/sffo/positionen.html. Die öffentliche Diskussion nimmt dies noch nicht ausreichend zur Kenntnis. Die vorgeschlagene Gebühr auf Bargeld stabilisiert die Konjunktur und beseitigt dadurch die Zinsvolatilität, die bisher das Anlegerverhalten geprägt hat. Ihre Spekulation auf höhere Zinsen kann nur durch die Erfahrung gebrochen werden, dass die Konjunktur stabil bleiben sowie die Niedrigzinsphase anhalten wird und die langfristigen Zinsen deshalb nie mehr wesentlich steigen, sondern tendenziell sinken werden. Noch rechnen sie mit dem weiteren Anhalten der Zinsvolatilität, die ihr ganzes bisheriges Anliegerleben geprägt hat.

Und sonst?

Sicherlich können mit der FAIRCONOMY nicht alle Probleme der Welt gleichzeitig gelöst werden. Eine ganze Reihe von gegenwärtigen Verzerrungen des Wirtschafts- und Finanzsystems ließen sich jedoch in den Griff bekommen. Das ist die Voraussetzung für darüber hinaus gehenden Handlungsbedarf.

Zum Beispiel ist das Steuerrecht überarbeitungsbedürftig. Das Steuerrecht muss einfach sein, dem Staat angemessenen finanziellen Handlungsspielraum geben und ökologischen wie sozialen Kriterien genügen. So wäre ein Umbau des Steuersystems von der Einkommensbesteuerung zur Verbrauchsbesteuerung sinnvoll. Das gesamte Steueraufkommen könnte über eine 3-stufige Mehrwertsteuer (Güter des Grundbedarfs, Luxusgüter, sonstiger Güter) erzielt werden. Handwerker-Arbeitsleistungen gehören von der Mehrwertsteuer befreit. Grundbedarfsgüter hätten den geringsten, Luxusgüter den höchsten Steuersatz. Ein solches Steuersystem ist einfach, denn eine Steuererklärung - einschließlich das dafür notwendige lästige Sammeln von Belegen und Abrechnungen - entfiele. Zudem ist die Steuer schwer zu umgehen. Ein solches Steuersystem wäre durch die Dreistufigkeit sozial ausgewogen und genügte obendrein ökologischen Kriterien, da es Luxuskonsum bestraft und menschliche Arbeit - als wichtige regenerative Energiequelle - steuerfrei lässt.