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Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft - Ein Ausflug durch das Ausgeblendete | Teil 1

Eine umfangreichere, dennoch knapp, interessant und allgemein verständlich geschriebene Einführung. Ein Text mit vielen Begriffserklärungen, Verweisen und einer ausführlichen Literaturliste.

Jürgen Probst

Fehlentwicklungen einer Zinswirtschaft

Ein Ausflug durch das Ausgeblendete

Selbstverlag, Hannover, Erste Auflage Mai 1998

Inhalt

Vorbemerkung

1 Ein ignoriertes Problem

2 Begriffe im Schnelldurchgang

3 Schizophrenes Geld

4 Bargeld lacht: die Liquiditätspräferenz

5 Der Sockelzins

6 Zins und Rendite: der Streit um den Mehrwert

7 Rentabilität und Arbeitslosigkeit

8 Geräuschlose Umverteilung

9 Exponentielles Wachstum

10 Wirtschaftswachstum und Ökologie

11 Die Abdiskontierung der Zukunft

12 Liquidität und Sicherheit

13 Die Projektion des Ewigen und Unendlichen

14 Die fetten Jahre sind vorbei: sukzessive Dekompensation

15 Der Ballon platzt: Kapitalvernichtung

16 Ursachen statt Symptome

17 Neutrale Liquidität konkret

18 Bedarfsdeckungswirtschaft

19 Ausweichreaktionen

20 Praktische Versuche

21 Der blinde Fleck

22 Ausblick

Literatur

Organisationen

Vorbemerkung

Fehlentwicklungen gibt es viele. Wir brauchen bloß den Fernseher einzuschalten und schon werden wir mit ihnen überhäuft. Weshalb sollte zwischen vielen der bekannten Fehlentwicklungen und der Tatsache, daß Geld normalerweise gegen Zinsen verliehen wird, irgendein Zusammenhang bestehen?

Schon bei einer ersten Gegenüberstellung einiger wirtschaftlicher Zahlen zeigt sich, daß die finanziellen und zinsbedingten Größen dem Rest der Wirtschaft "davonlaufen", daß sie anscheinend über eine Eigendynamik verfügen, die nicht oder nur sehr begrenzt an äußere Verhältnisse gebunden ist. Der finanzielle Sektor koppelt sich immer weiter ab und startet schließlich durch. Bei einer etwas näheren Betrachtung zeigt sich aber auch, daß diese Entwicklung sehr wohl Auswirkungen in die andere Richtung hat. Die explodierenden Geldvermögen, Schulden und Zinslasten gehen nicht spurlos an der übrigen Gesellschaft vorüber, sondern hinterlassen Spuren, die normalerweise, man möchte sogar sagen: fast immer, unterschätzt werden. Verantwortlich für diese Eigendynamik ist ein kleiner, zuerst unscheinbarer Konstruktionsfehler in unserer Geldordnung, dessen Konsequenzen erst nach und nach offensichtlich werden.

Der Sinn dieses Aufsatzes besteht darin, diesen Konstruktionsfehler zu entlarven und seine wichtigsten Auswirkungen darzustellen. Nicht zuletzt sollen Lösungsansätze aufgezeigt werden, die ebenfalls über viele konkrete Probleme hinaus gehen, obwohl sie relativ einfach durchzuführen wären.

Das mag im Rahmen einer kleinen Broschüre sehr gewagt erscheinen, aber man muß beachten, daß es sich lediglich um so etwas ähnliches wie eine Zusammenfassung handelt, die die Literatur nicht ersetzen kann. Die meisten der hier vorgetragenen Gedanken wurden verschiedenen Quellen entnommen, zusammengetragen und auf das Wesentliche verkürzt. Ich möchte dem Leser damit eine kurze und bündige Übersicht geben und gleichzeitig die weitere Vertiefung anregen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit schließt sich selbstredend aus; auch sollen die zahlreichen Zitate nicht den Eindruck erwecken, daß die jeweiligen Verfasser in allen Punkten einer Meinung sind, da viele Aspekte durchaus kontrovers behandelt werden könnten.

Betrachten wir diese Broschüre also als einen kleinen "Ausflug" durch ein wichtiges, obgleich ausgeblendetes Thema, das leider von Tag zu Tag dringender wird.

1 Ein ignoriertes Problem

Bei den Beträgen, die in einem Zusammenhang mit der Verzinsung von Geldvermögen stehen, handelt es sich nicht um Peanuts. Es wird daher sinnvoll sein, mit einigen schlichten Fakten zu beginnen, um einen Überblick über die Größenordnungen und deren Relevanz zu bekommen.

So betrug die Summe der Geldvermögen in der Bundesrepublik im Jahr 1995 satte 7703 Mrd. DM1, welche mit 365 Mrd. DM2 verzinst wurden. Demgegenüber standen 7694 Mrd. DM Schulden, die sich zu ungefähr zwei Drittel auf die Wirtschaft und zu einem knappen Drittel auf den Staat aufteilten. Die Konsumentenkredite betrugen lediglich 5% der Gesamtsumme. Die Zinslasten, die für die gesamten Schulden zu erbringen waren, beliefen sich auf 499 Mrd. DM.

Diese Zinslasten waren 1995 vom Betrag her etwas mehr, als der gesamte Bundeshaushalt (493 Mrd.3) oder fast doppelt soviel, wie alle in der Bundesrepublik im gleichen Zeitraum gezahlten Krankenkassenbeiträge inklusive Arbeitgeberanteile (256 Mrd.4) oder auch 35 mal soviel (!), wie sämtliche in 1995 veranlagten Einkommenssteuern (14 Mrd.5). Die Zinslasten vergrößern sich dabei ständig; alleine die Zunahme seit 1990 betrug 164 Mrd. DM, wobei aber auch die Zunahme gewöhnlich ständig zunimmt6.

Die Zinsen, die der eine oder die andere auf ihrem Sparbuch gutgeschrieben bekommt, kommen also genau genommen ebenso wenig von der Bank, wie der Kredit für die Eigentumswohnung. Die Geschäftsbanken sollten besser als eine Art von Vermittlungsagenturen verstanden werden, die für die Einlagen ihrer Gläubiger neue Schuldner suchen und den Gläubiger dabei die Risiken abnehmen. Die Risiken werden den Schuldnern als Zinsaufschlag in Rechnung gestellt. In der Bank verbleibt von dem Geld nur eine Barreserve und von den Zinsen nur die sogenannte Bankmarge, also die Differenz zwischen Schuld- und Guthabenzinsen.

Angesichts dieser gewaltigen Finanzströme müßte man meinen, daß sich davon ganze Horden von Wirtschaftswissenschaftlern in einen Bann ziehen lassen und nun eifrig Analysen und Statistiken erstellen, um uns über die Ursachen dieser sonderbaren Entwicklung aufzuklären. Leider ist das nicht der Fall. Die Gründe für das Ausblenden dieser Angelegenheit bleiben weitgehend im Dunkeln und können nur zu Mutmaßungen veranlassen. Ein Grund könnte z.B. darin liegen, daß es sich bei den Zinsen "nur" um eine Umverteilung handelt, die keinen (direkten) Einfluß auf das Bruttosozialprodukt (BSP) oder das Volkseinkommen hat. Es wird sogar immer wieder von Volkswirten argumentiert, daß die oben angeführten Größen völlig absurd sein müssen, da sie in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) nicht zu finden sind7. Dort dürfen sie freilich auch nicht zu finden sein, da die VGR nur das BSP aufgliedert und die Zinsen deshalb bei der Erstellung der VGR heraus gerechnet werden8.

Dieser Aufsatz soll sich nicht mit dem Herausrechnen dieser Größen begnügen, sondern einige der Zusammenhänge aufhellen. Doch davor müssen noch einige Begriffe geklärt werden, um spätere Mißverständnisse zu vermeiden.

2 Begriffe im Schnelldurchgang

Da in der Fachwelt viele verschiedene Vorstellungen darüber herrschen, was unter Geld eigentlich zu verstehen ist, sollten hier einige Definitionen vorangestellt werden, die sich vorerst als zweckmäßig erweisen werden. In Anlehnung an Creutz sei Geld definiert als Bargeld, also Banknoten und Münzen. Alle Forderungen hingegen, die auf die Zahlung von Geld lauten (z.B. Sparguthaben, Termin"gelder" ...), seien als Guthaben bezeichnet. Geld und Guthaben zusammen genommen seien Geldvermögen genannt. Zur Erleichterung der folgenden Abschnitte werden außerdem noch Geld und Sichtguthaben9 (Bestände auf Girokonten) als Tauschgeld zusammengefaßt.

Es folgt ein kleiner Schnelldurchgang durch unser Währungssystem.

Das Geld wird von der Bundesbank in Umlauf gebracht. Sie kauft dazu entweder Wertpapiere auf, die sie mit neuem Geld bezahlt oder sie vergibt kurzfristige Kredite an Geschäftsbanken oder nimmt Wechsel herein, für die sie im Gegenzug Geld herausgibt10. In allen Fällen ist die Herausgabe mit einer relativ kurzfristig folgenden Zurücknahme verbunden. In Wirklichkeit wird das Geld natürlich nie komplett zurückgenommen, sondern laufend quasi "umgeschuldet". So behält die Bundesbank die Möglichkeit, auf eine Veränderung der Geldmenge einzuwirken, um diese an die Wirtschaftsleistung anzupassen.

Diese Möglichkeit ist auch dringend nötig, denn würde die Geldmenge stärker vergrößert als die Leistung der Wirtschaft, käme es zu einer Inflation. Die zu große Geldmenge würde durch steigende Preise praktisch "absorbiert", bis sich die Preise auf einem höheren Niveau einpendeln, welches nun wieder der größeren Geldmenge entspricht. Die Folge wäre also eine Entwertung der Geldvermögen, da man für einen bestimmten Betrag nur noch weniger kaufen könnte als vorher. Der umgekehrte Fall ist genauso denkbar, hätte aber noch schwerwiegendere Auswirkungen. Verringert sich die Geldmenge, so müßten eigentlich die Preise sinken, weil nun das Geld zu knapp geworden ist. Das ist aber nicht so einfach möglich, da viele Kosten in den Unternehmen feststehen und nicht umgehend angepaßt werden können. Neben dem dennoch einsetzenden Preisverfall kommt es zu Absatzstockungen, Umsatzrückgängen, Entlassungen, zunehmenden Pleiten, kurz: zu einer Krise infolge einer Deflation.

Die beschriebenen Abläufe sind nicht nur hypothetische Gedankenspiele, sondern wurden leider schon des öfteren von der Praxis bestätigt. Man sollte zwar meinen, daß die Bundesbank mittlerweile alles fest im Griff hat, aber leider gibt es da ein "kleines" Problem.

Die obige Beschreibung geht stillschweigend von der Annahme aus, daß das herausgegebene Geld auch tatsächlich umläuft. Tut es das nicht, verhält es sich für die Wirtschaft, als sei es nicht existent.

Für eine bessere Übersicht wäre es an dieser Stelle gut, die Perspektive zu wechseln und einen Wirtschaftsraum "von oben" zu betrachten. Dort unten sind nun lauter kleine Wirtschaftssubjekte, die Waren und Leistungen an andere Wirtschaftssubjekte abgeben und dafür Tauschgeld in Empfang nehmen. Die Übertragungsrichtung ist für beides immer genau entgegengesetzt. Es schwirrt und wimmelt nur so von tauschenden Wirtschaftssubjekten. Das Tauschgeld zirkuliert. Von einigen wird ein Teil des Tauschgeldes gespart und zu einer Bank gebracht, von der aus es auf der anderen Seite als Kredit wieder heraus kommt. Es hinterläßt bei jedem Durchgang eine Spur in Form eines Guthabens am Eingang und einer Schuld am Ausgang. Bei einer Tilgung ist der Vorgang umgekehrt. Es bildet sich ein Preisniveau heraus, daß an die Menge des zirkulierenden Tauschgeldes angepaßt ist. Die Menge des Tauschgeldes ist prinzipiell begrenzt, und es gibt eine Saug-Pumpe (die Bundesbank), die über ein Ventil ein bißchen dazu geben oder absaugen kann. Nun kommen einige Wirtschaftssubjekte auf die Idee, daß sie ihr Tauschgeld - aus Gründen, die noch behandelt werden - auch bei sich behalten, liquide halten können. Dort bilden sich kleine "Häufchen". In dem Maße, wie Teile des Tauschgeldes aus dem Verkehr gezogen und blockiert werden, verringert sich die umlaufende Menge. Eine Deflation droht. Die Saug-Pumpe hat schlicht das Problem, daß sie nicht weiß, wie groß die umlaufende Tauschgeldmenge überhaupt ist, und dreht ihr Ventil angesichts der drohenden Deflation lieber immer etwas weiter auf als eigentlich nötig. So erzeugt sie eine schleichende Inflation. Dennoch kann es sein, daß unter gewissen Bedingungen die Zurückhaltung des Tauschgeldes sehr schnell zunimmt und die Saug-Pumpe überfordert ist. Dann wird das Geld knapp, obwohl es vielleicht so viele Geldvermögen (inkl. Guthaben) gibt, wie noch nie zuvor. Das Gewimmel gerät ins Stocken und die Pumpe dreht ihr Ventil auf, um dem Mangel abzuhelfen. Danach kommen die zurückgehaltenen Bestände teilweise wieder in Umlauf und sorgen nun für einen Auftrieb der Inflation. Das Gewimmel wird stärker und pendelt sich auf einem höheren Preisniveau wieder ein.

Zugegeben, die Funktionen der Bundesbank sind eigentlich nicht mit denen einer Pumpe zu vergleichen, da sie in gewissen Grenzen auf die Nachfrage der Wirtschaft reagiert. Die Wirtschaftssubjekte können aus der obigen Perspektive also auch "ansaugen". Und auch sonst ist vieles grob vereinfacht, aber trotzdem erscheint dieses Bild geeignet, um einige Zusammenhänge gleichzeitig betrachten zu können.

3 Schizophrenes Geld

Um es auf den Punkt zu bringen: unser herkömmliches Geld soll mehrere Funktionen bzw. Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Die Aufgaben, um die es hier besonders geht, bestehen darin, daß es

a) als Tauschmittel

b) als Vermögensgegenstand

und außerdem noch als Preismaßstab dienen soll. Als Preismaßstab ist es natürlich auch sehr wichtig, aber es werden hier vor allem die beiden ersten Funktionen untersucht, da sie einen "unlösbaren" Widerspruch, ein Dilemma, hervorrufen.

Ein Tauschmittel kennzeichnet sich dadurch, daß es weitergegeben wird; ein Vermögensgegenstand aber gerade dadurch, daß er nicht weitergegeben wird. Geld als Tauschmittel zu benutzen bedeutet folglich, es als Vermögensgegenstand aufzugeben, wohingegen es als Vermögensgegenstand nicht gleichzeitig als Tauschmittel benutzt werden kann (weder von einem selbst, noch von all jenen, die es in der Folge bekommen hätten, wenn man es benutzt hätte).

Ein reines Tauschmittel müßte eine öffentliche Einrichtung sein, die allen zur Verfügung steht, die an Tauschprozessen teilnehmen. Ein Vermögensgegen-stand ist aber ein ausgesprochen privates Gut, das alle anderen Teilnehmer von der Benutzung ausschließt.

Dieses Dilemma ist nicht nebensächlich. In ungefähr der ersten Hälfte dieser Broschüre soll gezeigt werden, weshalb nicht. Die mitunter zu hörende Ansicht, das Geld sei nur ein bedeutungsloser "Schleier" über der Realwirtschaft wird dabei bestritten. Geld sollte in seiner Funktion als Tauschmittel vielmehr als unbedingte Voraussetzung einer jeden arbeitsteiligen Gesellschaft aufgefaßt werden: ohne Tauschmittel kein Tausch, keine Arbeitsteilung.

Es sei hier noch einmal darauf hingewiesen, daß mit Tauschgeld nur liquide Bestände im oben definierten Sinn gemeint sind. Andere Guthaben sind zwar Vermögensgegenstände, aber ohnehin nicht als Tauschmittel zu verwenden und fallen daher auch nicht in diesen Problemkreis.

4 Bargeld lacht: die Liquiditätspräferenz

Warum sollten Wirtschaftssubjekte ihre Geldvermögen teilweise liquide halten? Die Antwort liegt so nahe, daß auch sie auf den ersten Blick sehr trivial klingt, obwohl sie das nicht ist: man kann (!) damit kaufen! (Auch wenn man es vorerst nicht tut)11.

Obwohl sich die beiden oben beschriebenen Funktionen des Geldes gleichzeitig gegenseitig ausschließen, können sie jederzeit gewechselt werden. Und dies nach Belieben, räumlich und zeitlich ungebunden, ohne Verpflichtung, aber immer mit der Möglichkeit, die besten Gelegenheiten zu nutzen.

"Das Geld ist der allgemeine (generalisierte) Repräsentant aller Tauschobjekte. Als solcher ist er der Joker unter den Waren, Diensten und Risiken, die im Marktspiel gehandelt werden: So wie der Joker im Kartenspiel jede andere Karte aussticht, so paßt das Geld im Marktspiel beim Tausch zu jeder Ware, zu jedem Dienst, zu jedem Risiko. So wie im Kartenspiel der Joker in dieser Runde gezogen werden kann oder in der nächsten oder erst in der übernächsten, je nach Bedarf und Chance, so kann auch das Geld heute, morgen oder erst übermorgen die günstigste Chance am Markt wahrnehmen. So wie der Joker im Kartenspiel gegenüber diesem oder gegenüber jenem Spieler ausgespielt werden kann, so kann auch das Geld gegenüber diesem oder jenem Markteilnehmer als Nachfrage auftreten."12

Die damit verbundenen Vorteile werden auch deutlich, wenn man bedenkt, daß die Verfügung über Geld bedeutet, zahlungsfähig zu sein. Die Alternative dazu ist die Zahlungsunfähigkeit! Es bleibt dem Leser überlassen, die unangenehmen Konsequenzen aus dieser Alternative an konkreten Beispielen zu durchdenken, aber es dürfte klar geworden sein, daß die Liquidität eine wirtschaftliche Relevanz besitzt: Liquidität hat einen Wert.

Liquidität ist der Puffer, der die negativen Unsicherheiten der Zukunft ausgleicht, und sie ist gleichzeitig die Feder, die die positiven Möglichkeiten zum eigenen Nutzen verstärkt.

Keynes führte hierfür den Begriff der Liquiditätsprämie ein, einer "virtuellen" Prämie, die nicht direkt in Form von Erträgen fließt, aber offensichtlich in Form anderer Vorteile vorhanden ist und einen bestimmten Wert hat. Seine Theorie soll uns gleich noch weiterhelfen.

Aber was ist der gemeinsame Nenner von Jokervorteil bzw. Liquiditätsprämie, Zahlungsfähigkeit, Puffer und Feder? Die obigen zeitlichen Bezüge nehmen die Antwort vorweg: es ist die Unsicherheit der Zukunft. Liquidität ist die Versicherung gegen die Unsicherheit, mithin die Versicherung des Unversicherbaren, welches nicht mehr als Risiko kalkuliert werden kann13.

5 Der Sockelzins

Der Begriff der Liquidität wurde nun schon einige Male benutzt und soll auch definiert werden: "Liquidität sei hier als der Grad der unmittel- oder mittelbaren Verfügbarkeit beliebiger Güter definiert"14.

Wie schön, daß man bei diesem Thema aus so einfachen Definitionen soviel herausholen kann. Der "Grad" der Verfügbarkeit ermöglicht es, die bisherige Gelddefinition mit der Liquidität um die zeitliche Dimension zu erweitern. Bargeld ist aktuelle, ultimative Liquidität. Es liquide zu halten hat zur Folge, ohne jeden Aufwand jederzeit darüber verfügen zu können und es gleichzeitig zu 100% für andere Wirtschaftssubjekte zu sperren. Sichtguthaben sind immer noch hochliquide, aber nicht mehr so liquide wie Bargeld. Die Geschäftsbanken können die Einlagen zwar zum Teil weiter verleihen, sind aber in der Verwendung sehr eingeschränkt. Bei einer kurzfristigen Termineinlage ist die Liquidität schon weiter aufgegeben, die in der Bank vorzuhaltenden Barreserven sind aber noch spürbar. Usw. usf., je langfristiger die Liquidität aufgegeben wird, desto weniger wird sie für andere blockiert15.

Nun ist es möglich, zu dem Ausgangsproblem, den Zinsen, zurückkehren. Keynes hat das Werkzeug geliefert, um den Zusammenhang von Liquiditätsprämie (Jokervorteil) und Zins herzustellen. Der Gedankengang geht, grob gesprochen, so16:

In einem freien Markt stehen den Wirtschaftssubjekten verschiedene Vermögensgegenstände zur Auswahl, auf die sie ihr Vermögen aufteilen können, so z.B. Geld, kurzfristige Anlagen, Wertpapiere, Aktien, Fabriken, Wohnhäuser, Grundbesitz etc. Es ist möglich, über den Markt einen Austausch der Vermögensgegenstände vorzunehmen.

Die Gesamtvorteile (die Eigenzinssätze), die den Wirtschaftssubjekten aus den jeweiligen Vermögensgegenständen erwachsen, tendieren dazu, bei allen Gegenständen gleich groß zu werden17!

Sind sie nämlich nicht gleich groß, so kommt es zu Umschichtungen, die die alte Gleichwertigkeit wieder herstellen. Wenn z.B. der Besitz von Bürogebäuden größere Vorteile bietet, als der bestimmter Wertpapiere, werden langfristig gerade so viele Anleger ihre Wertpapiere verkaufen und von den Erlösen in Bürogebäude investieren, bis der Preis der Wertpapiere entsprechend gefallen und der für Bürogebäude gestiegen ist (anders sähe es aus, wenn neue Bürogebäude gebaut würden: der Bau der neuen Gebäude käme dann zum Erliegen, wenn die Renditen daraus auf die Höhe der Renditen aus den Wertpapieren gesunken wären). Ein ähnlicher Ablauf ergibt sich auch beim Ausgleich von Zinsdifferenzen zwischen vergleichbaren Anlagen.

Der Eigenzins eines Vermögensgegenstandes ist gleich seiner Erträge abzüglich seiner Kosten und wiederum zuzüglich der Liquiditätsprämie. Für einige exemplarische Gegenstände ergibt sich dann folgendes Bild18:

Vermögensgegenstand Ertrag bzw. Zins Kosten Liq.-Prämie (Joker) Eigenzins (Gesamtvorteil)

Bargeld 0% 0% 6% 6%

Sichtguthaben 2% 0% 4% 6%

Termineinlagen 4% 0% 2% 6%

Langfr. Anlagen 6% 0% 0% 6%

Aktie XY-AG 6% 0% 0% 6%

Wohnungen 7% -2% 1% 6%

Grundbesitz 3% 0% 3% 6%

YZ-Fabrik 150% -144% 0% 6%

Risikoaufschläge, Provisionen u.ä. wurden hier vernachlässigt. Die prozentualen Werte beziehen sich immer auf den Kapitaleinsatz. Sie sind nur zur Verdeutlichung der Größenordnung gedacht, sind aber nicht genau.

Für den Einzelnen gibt es natürlich konkrete Unterschiede in der Bewertung der jeweiligen Vermögensgegenstände, je nach Anlagestrategie, Zielsetzung oder Risikoeinschätzung. Es bleibt aber auch für den Einzelnen sinnvoll, die vorteilhafteren Positionen auf Kosten der weniger vorteilhaften laufend soweit aufzustocken, bis sich die jeweiligen Gesamtvorteile angeglichen haben.

Die Liquiditätsprämie bzw. der Jokervorteil ist hier als ein solcher Vorteil zu verstehen, der dem jeweiligen Gegenstand durch die gegebene rechtliche Rahmenordnung (Währungsordnung, Gesetze) anhaftet, durch sein So-sein-wie-er-nun-mal-ist bzw. auch durch feststehende menschliche Bedürfnisse. Aus diesem Grund hat auch die Wohnung in der Tabelle eine geringe Liquiditäts-prämie, denn Wohnen ist ein absolutes Grundbedürfnis. Wohnungen kann man auch noch in Krisenzeiten vermieten oder man kann ggf. selbst darin wohnen. Wohnraum ist eine sichere Vermögensanlage! Noch stärker tritt dieser Effekt beim Boden auf, denn die Nutzung des Bodens ist die Voraussetzung für jede menschliche Aktivität. Er kann trotzdem nicht vermehrt werden und bleibt somit immer knapp; er kann noch nicht einmal zerstört werden. Grundbesitz ist die klassische und sicherste Form der Vermögensanlage. Dafür ist der Ertrag (der Pachtzins) geringer, als bei anderen Vermögensgegenständen. In dieser Hinsicht ist der Boden "liquide"19, auch wenn dies konträr zu anderen Einteilungen ist.

Wenn man bedenkt, daß es zu ständigen Umschichtungen in der Tabelle kommt, die eventuelle Ungleichgewichte ausgleichen, sieht man sofort, daß die Liquiditätsprämie des liquidesten Gegenstandes das Minimum für alle anderen Gesamtvorteile festlegt20. Durch diesen Gegenstand wird bestimmt, welche Erträge alle jenen Vermögensgegenstände mindestens abwerfen müssen, die selbst nicht mehr liquide sind.

Daher bleibt auch der Zins unter den gegebenen Bedingungen immer positiv, denn die Liquiditätsprämie des Geldes setzt den Standard, unter den der Zins nicht sinken kann. Sinkt der Zins bis an diese Grenze, so steigt die sogenannte Liquiditätspräferenz. Langfristige Geldanlagen werden auf immer kurzfristigere umgeschichtet, Sichtguthaben werden aufgebläht und sogar die Bargeldhaltung steigt an. Aktien- und Devisenspekulationen nehmen zu. Es wird immer rentabler, die Vorteile der Liquidität wahrzunehmen anstatt zu geringe Zinsen zu kassieren. Die Tauschgeldmenge wird zunehmend blockiert, und das Angebot an Liquidität verringert sich. Das Sinken der Zinsen wird dadurch gestoppt und schlägt irgendwann wieder in einen Anstieg um.

Die Höhe des Zinses, die sich auf dem Kapitalmarkt ergibt, ist daher auch kein "Preis für das Geld" oder für die damit verbundene Kaufkraft, denn diese Kaufkraft wird ja später wieder zurückgegeben. Der Zins ist die Vergütung für die Vorteile aus der Liquidität pro Zeiteinheit. Anstatt von dem "Verleihen von Geld" zu reden, wäre es also treffender, von der "Verpachtung zeitlicher Liquidität" zu sprechen21.

6 Zins und Rendite: der Streit um den Mehrwert22

Oben hieß es, der Zins könne eine unterste Grenze nicht unterschreiten. Diese unscheinbare Tatsache hat weitreichende Konsequenzen.

Der Zins setzt nämlich nun seinerseits den Standard, unter den die Renditen des Sachkapitals nicht sinken können. Tun sie es kurzfristig doch einmal, ist das Sachkapital nicht mehr rentabel, und es kommt zu einer Wirtschaftskrise, während der das unrentabelste Sachkapital dezimiert wird. Es kommt also zu einer Verknappung des vorhandenen Sachkapitals. Firmen gehen in Konkurs oder schließen die unrentabelsten Standorte, Zusatz- und auch Ersatzinvestitionen werden unterlassen, da sie jetzt weniger Rendite abwerfen würden, als den Zins, den man bei einer Geldanlage erhält. Für einen Investor ist das Sachkapital schließlich auch nichts anderes, als eine verzinsliche Anlage, selbst wenn das Geld dabei investiert wird. Es muß sich mit dem Zins messen.

Dieser Mechanismus garantiert dem verbleibenden Sachkapital nach der Krise wieder eine "angemessene" Rendite. "So schafft die Krise die Voraussetzungen für den nächsten Aufschwung. Denn der wegen der Verknappung des Sachkapitals wieder gestiegene Realkapitalzins kanalisiert das Geld wieder in Realkapitalinvestitionen"23. Konkret betroffen sind während der Krise meistens nur die schwächsten wirtschaftlichen Bereiche (renditeschwache Firmen oder solche mit geringer Eigenkapialquote), so daß es oft den Anschein hat, als würde die Einzelursache in Fehlentscheidungen und Inkompetenz liegen.

Als Euphemismen für diesen Vorgang dienen unter anderem so schöne Worte wie "Marktbereinigung" oder "Gesundschrumpfung". ,"Gesund" schrumpft sich dabei auch die Beschäftigung.

Es wäre also etwas zu einfach, behaupten zu wollen, daß das herkömmliche zinstragende Geld den Grund für Kapitalrenditen schlechthin liefert. Es ist "nur" der Grund dafür, daß die Renditen nicht unter eine bestimmte Grenze sinken können, jedenfalls nicht gesamtwirtschaftlich und langfristig. Die Diskussion über die "Rendite schlechthin" kann hier natürlich nicht umfassend behandelt werden, aber einige Bemerkungen sollen noch angeführt werden.

Der Jokervorteil des Geldes ist ein Machtfaktor, der es ermöglicht, einen Zins durchzusetzen. Machtfaktoren gibt es gar viele. Auch der Besitz von Produktionsmitteln (Sachkapital) ist in einer Mangelwirtschaft ein Machtfaktor. Die Macht erwächst aus der Begehrtheit der produzierten Waren; sind sie hingegen nicht begehrt, kann sich - salopp gesagt - "der Kapitalist" seine Produktionsmittel vor's Knie nageln. Mangelwirtschaft heißt aber nichts anderes als Knappheit.

Marx lag daher nicht gänzlich falsch, den Grund für den "Mehrwert" während einer objektiv gegebenen Knappheit in der Produktion zu suchen. Zweifellos kann ein Mehrwert auch nur in der Produktion (also durch Arbeit) produziert werden. Die Frage ist aber vielmehr, wodurch er dauerhaft erzwungen wird!

Oben wurde gezeigt, daß das Geld bzw. die in der Wirtschaft zur Verfügung stehende Liquidität "künstlich" verknappt werden kann (Liquiditätspräferenz). Die Verknappung entspringt keiner Verschwörung und auch nicht dem bösen Willen "der Kapitalisten", sondern ist für jeden Geldeigner rational, will er die ihm gebotenen Vorteile nutzen. Die Knappheit des Geldes bzw. der Liquidität pflanzt sich in die Realwirtschaft fort, da der Verknappung der Liquidität zwangsläufig eine Verknappung der Sachkapitalien folgt. Die Liquiditätsprämie des Geldes setzt damit die Grenze, über die hinaus das Sachkapital nicht vermehrt werden kann. Eine Zinswirtschaft erhält dadurch langfristig auch die Renditen des (verbleibenden) Sachkapitals, denn die Knappheit kann nie beseitigt werden.

Unter den gegebenen Bedingungen ist das Kapital immer der knappste Produktionsfaktor, ganz egal, wie viel davon schon existiert. Es ist vielmehr die vordringlichste Aufgabe von Staat und Gesellschaft über Nachfragestimulation, "Bedarfsweckung", staatliche Verschwendungsprojekte, Exportsteigerung usw. dafür zu sorgen, daß das auch so bleibt, denn sonst bekommen wir eine Krise, die die Knappheit zwangsweise wieder herstellt.

Eine (ideele, nicht zinsverfälschte) Marktwirtschaft wirkt dagegen permanent als Renditen- und Zins- Eliminator. Es ist eine theoretische wie praktische Binsenweisheit, daß die Renditen mit zunehmender Kapitalbildung sinken. Die Verringerung der Renditen geschieht durch den Wettbewerb: je mehr Konkurrenten es gibt, je mehr Produkte auf den Markt kommen, je weiter der Bedarf befriedigt wird, desto schwieriger wird es, eine Rendite übrig zu behalten.

Unsere "kapitalistische Marktwirtschaft" ist ein Zwitter24, dessen eine Seite zu einem Ausgleich drängt und dessen andere Seite ein bleibendes Ungleichgewicht erzwingt. Die bisher bevorzugte "Lösung" dieses Dilemmas ist das wirtschaftliche Wachstum um jeden Preis. Dieser Punkt wird später noch eingehender behandelt.

7 Rentabilität und Arbeitslosigkeit25

Es wird keine Investition durchgeführt und langfristig keine Produktionsstätte betrieben, wenn sie keinen Zins abwirft, wenn sie also nicht rentabel ist. Es ist offensichtlich, daß man fremdfinanzierte Investitionen nur durchführen kann, wenn sie rentabel sind, will man nicht ruiniert werden. Ebenso offensichtlich wird man auch eigenes Geld nur in rentable Unternehmungen investieren, da man es anderenfalls rentabel anlegen könnte und dabei den Sockelzins garantiert bekommt. Sollte auch dieser (kurzzeitig) unterschritten sein, unternimmt man eine Zeit lang gar nichts und hält die Gelder liquide.

Unrentable Unternehmungen kommen folglich nicht zustande, selbst wenn sie ohne Zinsbelastung wirtschaftlich zu betreiben wären. Die Möglichkeiten zur Rentabilität sind aber nicht unendlich. Die eine Seite unseres Zwitters "kapitalistische Marktwirtschaft" tendiert ständig zur Bedarfsdeckung. Andererseits kann der Bedarf nicht gedeckt werden, da dann die Renditen unter den Zins sinken würden (und schon ist die Krise da).

Es fällt nun schwer, die passenden Begriffe für etwas zu finden, das gerade eben nicht zustande kommt. Vielleicht könnte man es wie folgt formulieren: in dem Maße, wie die rentablen Bereiche innerhalb der Wirtschaft ausgeschöpft werden, nimmt auf der anderen Seite der Umfang des Nicht-Zustandegekommenen zu. Das sind die Investitionen und Unternehmungen, die angesichts der schon erfolgten Kapitalbildung nicht mehr rentabel wären. Arbeitslosigkeit kann als ein Indikator für den Umfang dieses Nicht-Zustandegekommenen betrachtet werden. Es sollte eigentlich zu denken geben, daß die Höhe der Arbeitslosigkeit mit ein bis zwei Jahren Zeitverzögerung nahezu direkt proportional zu den Zinserträgen der Banken verläuft26.

Nicht zustande gekommen sind bisher z.B. der ,ökologische Umbau", die "Energiewende", die Sanierung eines guten Teiles der ostdeutschen Bausubstanz, Wohnungen für Tausende von Obdachlosen usw. usf.. Die Befürchtung, uns ginge die Arbeit aus mutet demgegenüber fast wie ein sarkastischer Witz an. Als ob es nichts mehr zu tun gäbe. Das gäbe es wohl schon, aber es wäre nicht rentabel, es würde sich nicht verzinsen. Arbeitslosigkeit ist ein Rentabilitätsproblem!

Natürlich sind Qualifikationsmaßnahmen, Weiterbildung, etc. wünschenswert und führen in Einzelfällen zu einer Vergrößerung der Chancen. Sie haben unter den gegebenen Bedingungen aber vor allem eine Auswirkung: sie erhöhen das Qualifikationsniveau der Arbeitslosen27. Es trifft auch bei der Verknappung der Arbeitsplätze die Schwächsten zuerst. Durch eine Stärkung der Schwächsten, so erstrebenswert sie auch sein mag, wird aber das grundsätzliche Problem nicht gelöst, denn andere treten an ihre Stelle.

Unser markt-/zinswirtschaftlicher Zwitter verringert beständig die extern gegebene Knappheit und schafft sich eine interne Knappheit als Kompensation. Er zwingt die Wirtschaft und letztlich die ganze Gesellschaft dazu, einen wachsenden Anteil ihrer Möglichkeiten ungenutzt zu lassen. Um der relativen Knappheit willen, um der Rendite willen, die den Überfluß nicht verträgt, schließlich um des Zinses willen.

8 Geräuschlose Umverteilung

Es stellt sich die Frage, wer eigentlich die Zeche zahlt. Auf direktem Weg sind das natürlich erst einmal die Schuldner, also die Wirtschaft und der Staat. Mit "der Wirtschaft" sind konkret die verschuldeten Unternehmen gemeint. Zwar ist es schon so, daß die Unternehmereinkommen während der Hochzinsphasen zurückgehen und erst danach wieder ansteigen28; der Zinstransfer wird durch die Unternehmereinkommen sozusagen "elastisch". Aber langfristig bleibt keinem Unternehmen etwas anderes übrig, als alle Kosten, zu denen auch die Zinsen gehören, auf die Preise abzuwälzen. Die Eigenkapitalverzinsung wird zudem über die oben beschriebene Systematik garantiert (vorausgesetzt, das Unternehmen wird nicht zum Opfer der Kapitalverknappung). Beim Staat ist die Abwälzung noch eindeutiger, da er seine Ausgaben zum größten Teil aus Steuern bestreitet.

Die Zinsen zahlen also die Konsumenten und die Steuerzahler entsprechend ihrer Ausgaben und Steuern. Zinseinkünfte ergeben sich hingegen aus der Größe der Geldvermögen und unterliegen bei lohnenden Größenordnungen zudem oft der "Steuervermeidung".

Für eine überschlägige Berechnung der Gesamtbelastung erscheint es daher legitim, die Zinslasten auf das Volkseinkommen zu beziehen29 und die Zinserträge gemäß der Geldvermögen zuzuordnen. Das Volkseinkommen betrug 1995 2615 Mrd. DM30, die Zinslasten 499 Mrd. DM, wobei allerdings zu beachten ist, daß die Höhe des Zinssatzes auch den Standard für die Renditen des Sachkapitals vorgibt. Selbst wenn angenommen wird, daß das schuldenfreie, wirtschaftlich eingesetzte Sachkapital (ca. 4400 Mrd. DM) auch ohne Zinsen noch eine Rendite erzielen würde und dort nur 4% (=176 Mrd. DM) als "wirkliche" Eigenkapitalverzinsung zu werten sind, ergibt sich eine Gesamtbelastung von 499 + 176 = 675 Mrd. DM.

Das sind über 25% des Volkseinkommens, die 1995 elegant, geräuschlos und effektiv abgezweigt wurden, ohne daß sich irgend jemand darüber aufregt! Man mag sich dabei um einige Prozentpunkte streiten, aber die Größenordnung ist nicht aus der Luft gegriffen. Es gäbe noch einige andere Berechnungsmodi, die teilweise zu noch höheren Werten kommen, für die aber auf die Literatur verwiesen werden muß31.

Die persönliche Zinsbelastung ist schnell überschlagen, wenn man die eigenen Jahresausgaben zuzüglich Steuern etc. mit 0,25 multipliziert32; Zinserträge und zinsbedingte Einkünfte aus Sachkapital müssen dann davon abgezogen werden. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der geneigte Leser zu den 80-85% der Bevölkerung gehört, die bei dieser Berechnung ein langes Gesicht machen.

Die Zinslast ist in konkreten Ausgaben sehr unterschiedlich und hängt im wesentlichen von der Kapitalintensität ab. Bei der Wohnungsmiete beträgt sie bis zu 80%, beim Frisörbesuch wird sie eher gering ausfallen. Gesamtgesellschaftlich ergibt sich das "Phänomen", daß die Geldvermögen sehr unterschiedlich verteilt sind. So besitzen in der Bundesrepublik die Hälfte aller Haushalte 96% der Geldvermögen, wohingegen nur 4% auf die ärmere Hälfte entfallen33. Creutz hat anhand von zehn Haushaltsgruppen eine Saldierung der Zinslasten und -erträge vorgenommen und gezeigt, daß sich die verdeckten Zinszahlungen der ärmeren 80% der Bevölkerung bei den reichsten 10% ansammeln. Bei weiteren 10% geht die Rechnung ungefähr auf34.

"Dies erklärt vorbildlich einfach einen Mechanismus - vielleicht den wichtigsten -, der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden läßt. ... Mit dem Zins in unserem System ist also eine Umverteilung von Geld verbunden, welche nicht auf Leistung beruht, sondern letztlich darauf, daß jemand die freie Marktwirtschaft, d.h. den Austausch von Waren und Dienstleistungen, durch Zurückhalten des Austauschmittels behindern und für die Aufgabe dieser Behinderung einen Zins erzwingen kann."35

Aus einem funktionalen Blickwinkel heraus könnte man auch sagen: "Das Gerede von der kapitalistischen "Leistungsgesellschaft" entpuppt sich somit als Ideologie, wenn gesehen wird, daß die funktionale Verteilung des Volkseinkommens gar nicht nach dem Leistungs-, sondern nach dem Knappheitskriterium erfolgt."36

9 Exponentielles Wachstum

Der Zins muß natürlich auch auf die Anteile der Guthaben gezahlt werden, die ehemals aus Zinseinkünften entstanden sind. Man spricht dann vom Zinseszinseffekt. Dieser kommt freilich nur zum Tragen, wenn die Zinseinkünfte nicht anderweitig, beispielsweise für den Konsum, verwendet werden. Wir werden aber noch sehen, daß letzteres immer seltener der Fall ist. Auch Investitionen, die direkt durch die Empfänger der Zinsen durchgeführt werden, ändern, sofern sie rentabel sind, nichts am Prinzip.

Der Zinseszinseffekt bewirkt ein exponentielles Anwachsen der jeweiligen Guthaben. Das heißt, klarer ausgedrückt, daß die Zeit, in der sich das Guthaben verdoppelt, konstant ist (einen konstanten Zinssatz vorausgesetzt). Zum Beispiel dauert die Verdoppelung bei einer 10%igen Verzinsung ungefähr 7,2 Jahre.

Das klingt vielleicht nicht besonders aufregend, aber das Prinzip ist jenes einer Explosion. Ein markantes Beispiel dazu ist eine Atombombe: Durch die Strahlung, die beim Zerfall eines Atoms frei wird, werden zwei weitere Atome zum Zerfall veranlaßt. Danach vier, dann acht, dann 16, 32, 64 .... . Wieviel sind es wohl nach 50 Zerfallsakten? Es sind ungefähr 5.629.499.500.000.000.

Ein anderes Beispiel ist die Geschichte vom Erfinder des Schachspiels: "Der begeisterte König gewährt dem schlauen Erfinder für jedes Schachfeld doppelt so viele Körner (Weizenkörner, d. V.), wie auf dem vorherigen Feld. Auf dem ersten Feld ein Korn, auf dem zweiten 2 Körner, auf dem dritten 4, dann 8, 16 ..., irgendwann 240, das sind schon ganze Säcke und Speicher voll, 241, 242, immer doppelt soviel wie vorher. Irgendwann zwischen 245 und 247 gibt der König schließlich mittellos auf, obwohl er ja die Körnerlieferung und -verdoppelung für alle 64 Felder = 263 versprochen hatte. Mathematisch und rechtlich ist der König natürlich in der Pflicht, aber aus irgendwelchen anderen Gründen sieht er sich nicht mehr in der Lage dieser Pflicht nachzukommen: es ist halt ab einer gewissen Größe schlicht unmöglich, nochmals zu verdoppeln."37

Der König hätte dazu 440 heutige Weltgetreideernten (die nur aus Weizen hätten bestehen dürfen) aufbringen müssen38.

Es wäre nicht statthaft, solche Anekdoten vorbehaltlos auf unser Währungssystem zu übertragen. Sehen wir uns lieber ein paar konkrete Zahlen an. Bei den gesamten Geldvermögen und Schulden in der Bundesrepublik zeigt sich die folgende Entwicklung39:

Jahr Geldvermögen Schulden (Mrd. DM)

1950 59 66

1960 337 303

1970 926 852

1980 2390 2327

1990 4825 4325

1995 7703 7694

Man kann daraus natürlich keine Exponentialfunktion im mathematisch exakten Sinn herleiten, aber der Trend liegt eindeutig auf der Hand: die Zunahme beschleunigt sich selbst. Die Zinseinkünfte aus den Geldvermögen übersteigen längst die gesamte Ersparnisbildung (1995: 276 Mrd. DM40), wodurch es sich bei den Ersparnissen tendenziell immer weniger um gesparte Arbeitseinkommen handelt. Dadurch ist auch die Verkonsumierung geringer, da die Zinseinkünfte gerade von jenen "gespart" werden, die schon vorher ihre Überschüsse verleihen konnten. Die Folge: die Geldvermögen starten durch.

Ein naheliegendes Gegenargument lautet, daß dies überhaupt kein Problem wäre, wenn nicht auch die Verschuldung ansteigen würde. Letztlich sollen also doch die Schuldner an allem schuld sein?

Preisfrage: Was passiert, wenn bei der gegenwärtig (1995) "umlaufenden" Geldmenge in Höhe von 238 Mrd. DM41 (+ 579 Mrd. DM Sichtguthaben) die Zinseinkünfte eines Jahres von 365 Mrd. DM nicht über eine erhöhte Verschuldung in die Wirtschaft zurück geführt und auch nicht verkonsumiert werden?

Die Besitzer der Geldvermögen hätten zusätzlich fast die Hälfte der gesamten Tauschgeldmenge blockiert (allein mit Bargeld wäre dieser Deal gar nicht durchführbar)42. Sie wären zwar höchst liquide, aber die Wirtschaft bräche zusammen. Dazu kommt es natürlich nicht, da vorher der im 6. Abschnitt beschriebene Prozeß einsetzt und das Sachkapital so weit verknappt (und so viele Liquiditätsengpässe schafft), daß sich schon jemand finden wird, der die angebotenen Gelder gegen einen "angemessenen" Zins aufnimmt und ggf. auch investiert.

Die wachsenden Geldvermögen ermöglichen nicht nur eine weitere Verschuldung, sie erzwingen sie!

An dieser Stelle wird wohl so mancher den Kopf schütteln und sich sagen, daß das ja völlig absurd ist, weil es auf Dauer gar nicht funktionieren könnte. Bingo! Das sollte auch gezeigt werden.

Diese Systematik hat ja in der Vergangenheit auch nie dauerhaft funktioniert43. Warum sollte sie es ausgerechnet und entgegen aller Logik in der Zukunft tun? Die Explosion, die hier stattfindet erfolgt nur eben nicht in Sekundenbruchteilen, sondern in Jahrzehnten.

10 Wirtschaftswachstum und Ökologie44

Es ist eine berechtigte Frage, weshalb unsere Wirtschaftsleistung eigentlich ständig wachsen muß, wenn sich die sozialen Probleme nicht vergrößern sollen (wir müssen also reicher werden, um nicht ärmer zu werden?). Die Thematik ist zwar fachlich vernebelt, aber im Prinzip nicht weiter schwierig. Die explosive Entwicklung der Geldvermögen wird solange nicht zum akuten Problem, wie die Wirtschaftsleistung im gleichen Maße mit explodiert. Die gestiegene Wirtschaftsleistung ermöglicht nämlich den Transfer der Zinsen, ohne daß es zu Einkommensverlusten bei den Arbeitenden kommt. Es bleibt bei einer "relativen Verarmung" der Arbeitenden, die zwar am Zuwachs der Wirtschaftsleistung mittlerweile kaum mehr teilhaben, aber immerhin auch nicht absolut verarmen. Eine Ausnahme bilden freilich sehr starke Aufschwungphasen, in denen das Wirtschaftswachstum oberhalb der Zinssätze lag und damit auch Einkommenszuwächse bei den Arbeitenden ermöglichte.

Einen Kuchen kann man bekanntlich nur einmal essen. Das Zinsstück, das herausgeschnitten wird, bevor der Kuchen unter den Arbeitenden verteilt wird, wächst jedoch ständig. Es gibt im Prinzip drei Richtungen, die die Entwicklung (ggf. auch kombiniert) nehmen kann:

# Verarmung (von Teilen) der Bevölkerung (der Rest des Kuchens wird kleiner)

# Wirtschaftswachstum (der Kuchen wird dabei insgesamt größer)

# Inflation (der Kuchen wird aufgepumpt)

Als vierte Möglichkeit kann noch für sehr begrenzte Zeit die Aufschuldung betrachtet werden, also die Zahlung der Zinsen durch neue Schulden. Diese Möglichkeit stößt aber durch die schwindende Kreditwürdigkeit des Schuldners sehr schnell an ihre Grenzen und ist daher für die Wirtschaft keine Alternative. Nur der Staat kann in seiner Eigenschaft als besonders kreditwürdiger Schuldner eine Zeit lang davon Gebrauch machen, bevor auch er zahlungsunfähig wird.

Die Aufschuldung und die Inflation fallen vorerst (will sagen: bis sie unumgänglich werden45) als ernst zu nehmende Möglichkeiten weg, die Umverteilung zu Lasten der Arbeitenden, also die absolute Verarmung, bringt starke soziale Spannungen mit sich, so bleibt nur das Wirtschaftswachstum. Insofern steht die Zinswirtschaft unter der Notwendigkeit zu ständigem Wachstum, unter einem "Wachstumszwang", wobei dieser Zwang aber als sozialer und politischer Zwang zu verstehen ist. Wachstum ist nötig, um Krisen zu vermeiden oder wenigstens abzuschwächen und den sozialen Kollaps hinauszuzögern.

So wird auch die Forderung vieler Wirtschaftswissenschaftler und Politiker verständlich, die meinen, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum von 3% jährlich sei unbedingt nötig, um anderenfalls zwangsläufige Krisen zu vermeiden. Obwohl der Grund dieser Forderung kaum erklärt wird, sieht sich die Ökologiebewegung dabei mit einem Totschlagargument konfrontiert, das leider den Nagel auf den Kopf trifft, solange die bestehenden Verhältnisse nicht hinterfragt werden46.

Allerdings würde es sich bei dem geforderten Wirtschaftswachstum ebenso um ein exponentielles Wachstum handeln, wie auch bei dem Wachstum der Geldvermögen, wenn es denn stattfinden könnte. Langfristig müßte es zu völlig absurden Größen führen. Hier offenbaren die "Stützen unserer Gesellschaft" in Politik und Wissenschaft einen völligen Mangel an einfachem mathematischem Grundwissen. Man könnte es auch griffiger formulieren:

"Es ist die unbedingte Bankrotterklärung der gesamten offiziellen Nationalökonomie, daß sie das Wachstum nicht als Problem erkennt oder erkennen will, sondern als Voraussetzung der Prosperität erklärt."47

Eine wachsende Wirtschaft bedingt einen wachsenden Ressourcenverbrauch. Eine exponentiell wachsende Wirtschaft würde auf Dauer alle Einsparungs- und Umweltschutzbemühungen zunichte machen. Es wird hier nun oft die Forderung nach einem sogenannten "qualitativen" Wachstum laut, wobei es aber im Dunkeln bleibt, wie dieses denn genau aussehen soll. Zudem ist das Bruttosozialprodukt eine durch und durch quantitative Größe, und nur ein Wirtschaftswachstum, das sich in Mark und Pfennig (also im BSP) niederschlägt, kann es ermöglichen, die oben beschriebene Verteilungs-problematik zeitweise zu entschärfen. Mit dem "qualitativen" Wachstum wird daher auch meistens auf das Wachstum des Dienstleistungssektors hingewiesen.

"Tatsächlich hat der Anteil dieses Sektors am BSP beträchtlich zugenommen. Eine Lösung des Dilemmas ist dies jedoch nicht, denn der Dienstleistungssektor kann nur wachsen, wenn er einen wachsenden Produktionssektor bedient, eben, damit dieser noch besser wachsen kann. Zudem ist auch im Dienstleistungsbereich ein ständig steigender Kapitaleinsatz und Ressourcenverbrauch zu beobachten."48

Wie man es auch dreht und wendet, solange das Wachstum nicht als Problem erkannt wird, bleiben Umweltschutz- bzw. -reparaturmaßnahmen und die erfolglose Suche nach der systemkonformen Nachhaltigkeit eine Sisyphusarbeit, die die alten Löcher nicht so schnell stopfen kann, wie an anderer Stelle neue aufreißen.

Teil 2 des Textes

von Juergen_Probst - 10. Oktober 2003