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Das Wunder von Wörgl

Ein Text von Werner Onken.

Der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell führte die konjunkturellen Krisen (Inflation und Deflation sowie Arbeitslosigkeit), die ungerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen, die Konzentration von Geld- und Realkapital letztlich auf Störungen im gesamtwirtschaftlichen Geldkreislauf zurück. Als Kaufmann in Argentinien beobachtete er, wie Geld zeitweise gehortet wurde und dann wieder in den Verkehr zurückkehrte, was eine stabilitätsgerechte Geldmengensteuerung durch die Notenbanken unmöglich machte. Auf die Hortbarkeit des Geldes führte Gesell auch seine strukturelle Macht über Menschen und Märkte zurück. Er sah das Geld in einer überlegenen Position, die es ihm gestattete, sich von den arbeitenden Menschen mit Zins und Zinseszins 'bedienen' zu lassen. Das Geldwesen war also für Gesell der neuralgische Punkt, von dem aus er die soziale Frage analysierte und lösen wollte.

Der sozialdemokratische Bürgermeister von Wörgl bei Innsbruck in Tirol, Michael Unterguggenberger, kannte die Geldreformgedanken von Gesell bereits seit der Zeit des Ersten Weltkriegs. In seiner Marktgemeinde Wörgl mit damals 4200 Einwohnern waren in den Jahren der großen Weltwirtschaftskrise rund 400 Menschen arbeitslos geworden. In der näheren Umgebung waren weitere über 1000 Menschen arbeitslos. Wegen der Absatzstockungen hatten mehrere Firmen in Wörgl und Umgebung ihre Produktion eingestellt und ihre Arbeiter entlassen. Darunter befanden sich zwei Sägewerke, eine Zellulosefabrik, eine Zementfabrik und eine Ziegelei. Und auch 100 von 300 Bediensteten beim Eisenbahnknotenpunkt Wörgl verloren ihre Arbeit. Weil das örtliche Wirtschaftsleben zum Erliegen kam, gingen auch die Steuereinnahmen der Gemeinde stark zurück. Die Gemeinde geriet in eine Schuldenspirale. Aufgrund ausbleibender Steuereingänge musste sie zunächst Kredite aufnehmen und dann noch mehr Kredite, um die schon vorhandenen Schulden verzinsen zu können. Um die soziale Not in Wörgl zu bekämpfen, konzipierte Bürgermeister Unterguggenberger zusammen mit anderen Bürgerinnen und Bürgern ein kommunales "Nothilfe-Programm", das Anfang Juli 1932 im Gemeinderat von allen Fraktionen einstimmig angenommen wurde. "Langsamer Geldumlauf ist die Hauptursache der bestehenden Wirtschaftslähmung. Jede Geldstauung bewirkt Warenstauung und Arbeitslosigkeit. Das träge umlaufende Geld der Nationalbank muss im Bereich der Gemeinde Wörgl durch ein Umlaufsmittel ersetzt werden, welches seiner Bestimmung als Tauschmittel besser nachkommen wird als das übliche Geld."

Um die lokale Wirtschaft wieder aufwärts zu bringen, sollte die Gemeinde eigenes Geld in Form sog. "Arbeitswertbestätigungen" in drei Nennwerten zu 1, 5 und 10 Schillingen herausgeben. Ein kommunaler Wohlfahrtsausschuss ließ Arbeitswertbestätigungen im Gesamtwert von 32.000 Schillingen drucken und verkaufte sie 1 : 1 an die Gemeindekasse. Die Gemeinde vergab sodann öffentliche Aufträge, indem sie Straßen und die Kanalisation renovieren ließ. Außerdem ließ sie eine Brücke erneuern und eine neue Skischanze bauen. Die Löhne der Arbeiter bezahlte sie mit Arbeitswertbestätigungen, die über die örtliche Raiffeisenkasse in den Verkehr gelangte.

Wer sein verdientes Geld nicht bald wieder ausgab, musste einmal im Monat eine Marke im Wert von 1 % des Nennwerts auf den Schein aufkleben. Und der Erlös aus dem Verkauf dieser Klebemarken floss als Notabgabe in einen Armenfonds. Die Gemeinde betrieb also so etwas wie eine keynesianische Beschäftigungspolitik - aber nicht mit weiteren Krediten, sondern mit einem besser zirkulierenden Geld, wobei sie die Umlaufgebühr obendrein für soziale Zwecke verwendete.

Die örtlichen Geschäfte erklärten sich bereit, dieses kommunale Ersatzgeld als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Bald entwickelte sich in Wörgl neben dem österreichischen Schilling ein zweiter Kreislauf aus Arbeitswertbestätigungen. Die lokale Wirtschaft kam allmählich wieder in Gang. Es wurden wieder Steuern an die Gemeinde bezahlt und Steuerrückstände beglichen. Hin und wieder gab es sogar Steuervorauszahlungen von einigen Geschäftsleuten.

 

Während die Arbeitslosigkeit in Österreich weiter anstieg, sank sie im Bereich der Gemeinde Wörgl binnen eines Jahres um 25 %. Von Beginn an erregte das Wörgler Freigeldexperiment Aufmerksamkeit in der Presse und auch bei Politikern und Wissenschaftlern.

Michael Unterguggenberger wurde innerhalb Österreichs und auch in die Schweiz zu Vorträgen eingeladen. Fünf Monate nach dem Beginn des Wörgler Experiments setzte auch die Nachbargemeinde Kirchbichl Arbeitswertbestätigungen in Umlauf. Auch die Tiroler Nachbargemeinden Hopfengarten, Brixen und Westendorf bereiteten ein eigenes Freigeldexperiment vor, ebenso die Städte Linz, St. Pölten und Lilienfeld südlich von Wien.

Im Juni 1933 - also etwa ein Jahr nach dem Beginn der Wörgler "Nothilfe-Aktion" - hielt Unterguggenberger vor 170 österreichischen Bürgermeistern in Wien einen Vortrag.

Aus dem Ausland kamen Politiker und Wissenschaftler, um sich das Experiment aus der Nähe anzusehen - so der frühere französische Ministerpräsident Edouard Daladier von der Radikalsozialistischen Partei besuchte Wörgl. Der berühmte us-amerikanische Geldtheoretiker Prof. Irving Fisher schickte seinen Assistenten Hans Cohrssen, um das Experiment zu untersuchen. Der aus den USA in das faschistische Italien übergesiedelte Dichter Ezra Pound kam ebenfalls nach Wörgl und schrieb darüber später in seinen berühmten "Usura-Cantos".

Außerdem gingen aus vielen Ländern briefliche Anfragen mit der Bitte in Wörgl ein, die Funktionsweise dieses besonderen Geldes zu erklären und eine Anleitung zur Nachahmung zu geben.

Zeitungen nannten Wörgl ein "Mekka der Volkswirtschaft".

Das Wörgler Freigeldexperiment erregte jedoch nicht nur Aufsehen, sondern auch den Unmut der Österreichischen Nationalbank, die in der Ausgabe von Arbeitswertbestätigungen einen Verstoß gegen ihr Banknotenprivileg sah und schon frühzeitig auf ein Verbot der ganzen Aktion hinarbeitete.

Unterlagen aus der Archiv der Österreichischen Nationalbank zeigen, dass die Nationalbank schon seit Ende Juli 1932 versuchte, diesem - wie sie es nannte - "Unfug" ein Ende zu bereiten.

Die Innsbrucker Zweigstelle der Nationalbank hatte den Auftrag, fortlaufend Informationen nach Wien zu liefern und politische Institutionen dazu zu bringen, ein Verbot zu erwirken. Erstmals am 5. Januar 1933 wies die Tiroler Landesregierung im Auftrag des österreichischen Bundeskanzleramts die Bezirkshauptmannschaft Kufstein an, die Wörgler Aktion zu verbieten. Dagegen legte Unterguggenberger sofort Widerspruch ein. Seine Verwaltungsbeschwerde gegen die Tiroler Landesregierung durchlief alle Instanzen bis hin zum Verwaltungsgerichtshof in Wien, hatte aber am Ende keinen Erfolg. Mitte September 1933 musste die Gemeinde Wörgl ihr kommunales Ersatzgeld wieder einziehen.

 

Weiterführende Literatur:

Die drei Bilder verwenden wir mit Genehmigung des Unterguggenberger Institut Wörgl.

Broer, Wolfgang: Schwundgeld - Bürgermeister Michael Unterguggenberger und das Wörgler

Währungsexperiment 1932/33, Innsbruck 2007.

Elvins, Sarah: Panacea or Dud: Retailers React to Scrip in the Great Depression. Business and Economic History Online Vol. 3 / 2005.

Gatch, Loren: Local Scrip in the USA During the 1930s - Lessons for Today?, 2010

Gatch, Loren: The Professor and a Paper Panacea - Irving Fisher and the Stamp Scrip Movement of 1932 - 1934, in: Paper Money - Official Journal of the Society of Paper Money Collectors, S. 125 - 142.

Onken, Werner: Modellversuche mit sozialpflichtigen Boden und Geld, Lütjenburg 1997.

Ottacher, Gebhard: "Der Welt ein Zeichen geben": Das Schwundgeldexperiment von Wörgl 1932/33, Lütjenburg 2007.


Rohrbach, Klaus: Freigeld, Michael Unterguggenberger und das Währungswunder von

Wörgl, Schloss Hamborn 2001.


Warner, Jonathan: Iowa Stamp Scrip - Economic Experimentation in Iowa Communities during the Great Depression, in: The Annals of Iowa, Vol. 71/2012, No. 1, S. 1 - 38.



Internet: www.unterguggenberger.org, www.sozialoekonomie.info/archive


Kontakt: ui(at)snw.at, info(at)sozialoekonomie.info